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Pub The Long Hall, Dublin

Dan Špaňhel Irland Aktualisiert Keine Kommentare

Einen irischen Pub kannst du heute einfach kaufen. Seit den Neunzigern wird er verkauft wie eine Einbauküche aus dem Katalog: Eine Firma entwirft die Einrichtung, liefert dunkles Holz, Messing und auf alt getrimmte Schilder und setzt den fertigen Irish Pub dann überall auf der Welt zusammen - allein in Italien entstanden nach der Fußball-WM 1990 innerhalb eines halben Jahres 58 davon.

The Long Hall ist genau das Gegenteil: ein echter viktorianischer Pub an der South Great George's Street, einer der ältesten in Dublin, mit einer Schanklizenz, die für dieselbe Adresse seit 1766 belegt ist.

The Long Hall: das Interieur eines der ältesten Pubs in Dublin.
The Long Hall: das Interieur eines der ältesten Pubs in Dublin.

Was Long Hall bedeutet und wer hier verkehrte

"Lange Halle": Der Pub ist schmal und langgezogen, der Name beschreibt also offensichtlich die Form des Raums. So steht es in den meisten Reiseführern. Die Dubliner Pub-Archäologie kennt allerdings eine bessere Erklärung: Der Name gehört wohl nicht zum Schankraum, sondern zu dem langen schmalen Gang an der Rückseite der Theke, über den bis 1951 die Frauen getrennt vom Hauptraum bedient wurden. Der Pub ist also vermutlich nach seinem eigenen Hintergang benannt. Fairerweise sage ich dazu: Am Leben hält diese Version die Pub-Überlieferung, kein Archivdokument - anders als die "lange Halle" hat sie aber wenigstens eine Geschichte.

Mahagoni, Spiegel und das Gedränge um den Titel des ältesten Pubs

Sein heutiges Gesicht bekam der Pub 1881 beim Umbau durch den Besitzer Patrick Dolan. Er setzte auf gehobenen viktorianischen Geschmack: eine Theke aus Mahagoni, handgeschnitzte Verzierungen, geschliffenes Glas und Spiegel - konvexe wie konkave, damit der schmale Raum optisch weiter wirkt. Seither hat sich die Einrichtung praktisch nicht verändert, getrunken wird also in einem Raum, der selbst ein Ausstellungsstück ist - so wie Omas Vitrine mit dem geschliffenen Glas, die man als Kind nicht einmal anfassen durfte - diese hier darf man anfassen, und zwar gleich mit einem Bier in der Hand. Den Titel des ältesten Pubs der Stadt kann der Long Hall trotzdem nicht für sich beanspruchen: Um diesen Titel herrscht in Dublin Gedränge, und The Brazen Head sticht ihn schon mit dem Gebäude selbst aus; ähnlich gut erhaltene viktorianische Pubs haben im Übrigen auch der Rest Irlands und Großbritannien. Eine Berühmtheit hat der Long Hall dafür ganz für sich: Phil Lynott von Thin Lizzy drehte in den Achtzigern genau an dieser Theke die Aufnahmen zum Video Old Town.

Guinness in zwei Etappen, Whiskey mit einem Tropfen Wasser

Getrunken wird hier vor allem Guinness, für dessen sorgfältiges Zapfen der Long Hall in der Stadt geschätzt wird, und irischer Whiskey - die Auswahl reicht vom gewöhnlichen Jameson bis zu limitierten Editionen. Zu beiden Getränken gehört eine Lektion in Geduld. Guinness wird in zwei Etappen gezapft: Der Barmann lässt den größten Teil der Pint einlaufen, wartet, bis sich der Stickstoffschaum gesetzt hat, und füllt erst dann den Rest auf - wer währenddessen ungeduldig vor der Theke von einem Fuß auf den anderen tritt, ist als Tourist enttarnt, bevor er den ersten Schluck getrunken hat. Und in den Whiskey gehört ein Tropfen Wasser. Die Erklärung ist schlicht chemisch: Wasser senkt den Alkoholanteil an der Oberfläche und setzt Aromastoffe frei, der Whiskey "öffnet sich", wie man hier sagt.

Guinness: zwei gezapfte Pints im Pub The Long Hall.
Guinness: zwei gezapfte Pints im Pub The Long Hall.

Ein Nachmittag gegenüber der Theke

Ich kam am Nachmittag in den Long Hall, als sogar der Hocker direkt gegenüber der Theke frei war und die Bedienung Zeit für ein Gespräch hatte. Zur Pint Guinness ließ ich mir einen irischen Whiskey empfehlen, und mit ihm kam gleich die praktische Lektion: Der Barmann führte mir vor, wie man ein wenig Wasser ins Glas tropfen lässt, damit sich der Whiskey öffnet - und er öffnete sich wirklich: Der Alkohol trat zurück und das Aroma bekam Raum. Wunderschöne Räume, aufmerksame und schnelle Bedienung, Preise für Dubliner Verhältnisse normal. Ob sich der Pub am Abend bis auf den letzten Platz füllt, kann ich nur mutmaßen - da hörte ich nämlich schon Livemusik im Cobblestone.

The Long Hall

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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