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Jameson-Destillerie: Führung und Verkostung

Dan Špaňhel Irland Aktualisiert Keine Kommentare

Vor dem Gebäude in der Bow Street steht ein großer kupferner Brennkessel, poliert wie eine Trophäe. Er ist ein Denkmal. Die Jameson Distillery Bow St. ist der Geburtsort des meistverkauften irischen Whiskeys: eine ehemalige Dubliner Destillerie, in der heute nicht mehr gebrannt, sondern erzählt, verkostet und verkauft wird. Jameson selbst wird nämlich schon seit über einem halben Jahrhundert ganz woanders hergestellt. Den Besucherzahlen hat das nicht geschadet - neben dem Guinness Storehouse ist die Destillerie die zweite Station, die in Dublin fast jeder auf dem Programm hat.

Jameson-Destillerie: die Eingangshalle des Besucherzentrums.
Jameson-Destillerie: die Eingangshalle des Besucherzentrums.

Der Schotte, nach dem der irische Whiskey heißt

Jameson ist ein ganz gewöhnlicher schottischer Familienname, wörtlich "Sohn des James". John Jameson kam im schottischen Alloa zur Welt, heiratete die Tochter der Brennerfamilie Haig und ging geschäftlich nach Dublin. Gegründet hatte die Brennerei in der Bow Street allerdings schon 1780 sein Verwandter John Stein; Jameson stieg dort als Geschäftsführer ein und wurde erst ein Vierteljahrhundert später alleiniger Eigentümer. Der größte Name des irischen Whiskeys gehört also einem schottischen Einwanderer, der einen fremden Betrieb übernahm - und daraus eine Marke aufbaute, die heute über zehn Millionen Kisten im Jahr verkauft. Das Familienmotto Sine Metu, ohne Furcht, bekamen Jamesons Vorfahren dafür, dass sie vor der schottischen Küste Piraten bekämpften. Auf dem Etikett steht es bis heute.

Jameson-Destillerie: der kupferne Brennkessel vor dem Gebäude.
Jameson-Destillerie: der kupferne Brennkessel vor dem Gebäude.

Whiskey mit "e", Whisky ohne

Von seinem schottischen Verwandten unterscheidet sich der irische Whiskey schon in der Schreibweise: Irland und Amerika schreiben whiskey, Schottland und der Rest der Welt whisky. Ausgedacht haben sich den Unterschied keine Sprachwissenschaftler, sondern Kaufleute des 19. Jahrhunderts, als sich die irischen Brennereien auf dem amerikanischen Markt von der schottischen Konkurrenz abheben mussten. Der Dubliner Brenner John Power brachte es in einer zeitgenössischen Werbung auf den Punkt: "Das e steht für Exzellenz." Die wichtigeren Unterschiede stecken in der Brennblase: Irischer Whiskey wird typischerweise dreimal destilliert, schottischer zweimal, und irisches Malz wird üblicherweise nicht über Torfrauch gedarrt. Das Ergebnis ist feiner und weicher als das meiste, was die Nachbarn in Großbritannien brennen - bei der Verkostung in der Bow Street stehen eine irische und eine schottische Kostprobe im Übrigen nebeneinander.

Der letzte Tropfen floss 1970

Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Irland 88 lizenzierte Brennereien, mehr als Schottland. Dann kam die amerikanische Prohibition, die dem irischen Whiskey den größten Exportmarkt nahm, danach der Zollkrieg mit Großbritannien - und von der einstigen Whiskey-Großmacht blieben in den 1980er-Jahren gerade noch zwei, drei Brennereien übrig. Die Bow Street überlebte den Niedergang der Branche nicht: Der letzte Tropfen Whiskey floss hier am 5. Juni 1970, die Produktion zog nach Midleton bei Cork um, wo seither jeder Tropfen Jameson entsteht. Aus der Bow Street wurde in den Neunzigern ein Besucherzentrum, und nach dem Umbau 2017 lagert hier nach mehr als vierzig Jahren immerhin wieder Whiskey: In einem kleinen Lagerhaus reift eine Premiumreihe heran. Dem irischen Whiskey geht es inzwischen wieder besser - auf der Insel gibt es an die fünfzig Brennereien.

Die Führung dauert etwa eine Stunde: Der Guide führt die Gruppe von Raum zu Raum, erzählt zwischen den Filmen, und am Ende wird verkostet; zum Ticket gehört ein Cocktail an der Bar. Gegen Aufpreis geht es auch ins Fasslager - und genau dort lohnt es sich, extra zu bezahlen. Aus dem Whiskey, der im Fass reift, verdunsten jedes Jahr etwa zwei Prozent des Volumens; die Brenner nennen diesen Verlust den Anteil der Engel. Wer zu Hause einen Glasballon Sliwowitz (Slivovice) stehen hat, kennt diesen stillen Schwund nur zu gut - nur hat ihm niemand gesagt, dass die Engel davon trinken. In Kentucky, wo Bourbon in einem viel wärmeren Klima reift, nehmen sich die Engel ein Vielfaches; die irische Kühle geht gnädig mit den Fässern um. Und noch etwas Praktisches zum Schluss: Meistens ist alles ausgebucht - ohne Reservierung kommst du oft nicht hinein.

Jameson-Destillerie: das Fasslager, in dem der Whiskey reift.
Jameson-Destillerie: das Fasslager, in dem der Whiskey reift.

Vier Kostproben in der Bow Street

Meine Führung lief größtenteils über Videos: Der Guide brachte uns von Saal zu Saal und erzählte zwischen den Clips kenntnisreich und begeistert. Er war ein älterer Ire, und seinen Akzent zu verstehen war streckenweise anstrengender als die ganze Verkostung. Sie umfasste vier Kostproben; Jameson bestätigte darin seinen Ruf: mild, süßlich, Richtung Vanille und Honig, ohne eine Spur Rauch - ein Whiskey, der nirgends aneckt. Für die Verkostung direkt aus den Fässern habe ich extra bezahlt und schon in der Tür des Lagers begriffen, dass der Anteil der Engel keine buchhalterische Abstraktion ist: Hier atmest du ihn ein. Zum Schluss der Shop der Destillerie - die Auswahl ist groß, die Preise fair; in Dublin schenkt Jameson dann so ziemlich jeder Pub aus, im Long Hall auch in Editionen, die du im Laden nicht findest. Die einstündige Führung kostete 25 EUR inklusive Verkostung und Drink an der Bar, die Verkostung aus den Fässern weitere 15 EUR. Whiskey wird in der Bow Street seit einem halben Jahrhundert nicht mehr gebrannt. Der Luft im Lagerhaus hat das bisher niemand gesagt.

Jameson-Destillerie: die Regale des Werksladens mit irischem Whiskey.
Jameson-Destillerie: die Regale des Werksladens mit irischem Whiskey.

Jameson Distillery Bow St.

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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