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Tee

Tee im eigentlichen Sinn ist ein Aufguss aus den Blättern der Teepflanze, doch unterwegs passt unter dieses Wort so einiges - vom tiefroten schwarzen Aufguss im Nahen Osten bis zu Bergkräutern auf dem Balkan. Beim Tee zu sitzen gehört für mich zum Angenehmsten am Reisen überhaupt. Man kommt zur Ruhe, findet auch ohne gemeinsame Sprache Kontakt zu den Einheimischen und muss nirgendwohin hetzen. Und müsste ich den einen besten Tee meiner Reisen nennen, wäre es der türkische.

Türkischer Tee im historischen Istanbuler Traditionshaus Hafiz Mustafa.
Türkischer Tee im historischen Istanbuler Traditionshaus Hafiz Mustafa.

Čaj oder Tee? Zwei Wege eines Wortes

Wie der Tee in einem Land heißt, verrät, auf welchem Weg er einst dorthin kam. Das Wort für Tee hat weltweit zwei große Zweige, und beide stammen aus China. Über Land, mit den Karawanen der Seidenstraße, wanderte die Aussprache "tscha" aus dem Mandarin und dem Kantonesischen - deshalb heißt es persisch tschai, türkisch çay, arabisch schai, russisch tschai und schließlich auch tschechisch čaj. Übers Meer wiederum brachten niederländische Händler den Tee aus den Häfen der Provinz Fujian, wo dasselbe Schriftzeichen "te" gelesen wird - so entstanden das englische tea, das französische thé und das deutsche Tee.

Die Ausnahme bestätigt die Regel: Die Portugiesen handelten mit China über Macau, wo Kantonesisch gesprochen wird, und nahmen deshalb "chá" mit nach Hause - als einzige westeuropäische Seemacht. Die Landkarte des Wortes Tee ist eigentlich eine Landkarte alter Handelsrouten. Und wenn ich in Istanbul einen Çay bestelle, klinge ich fast wie zu Hause.

Ursprünglich russische Samoware findest du im Iran überall.
Ursprünglich russische Samoware findest du im Iran überall: In der oberen Kanne zieht ein starkes Konzentrat, im Metallkörper wartet heißes Wasser zum Verdünnen.

Meine Tee-Rangliste: Türkei, Iran, Irak

Der türkische Tee führt, und zwar mit Abstand. Zubereitet wird er in der zweistöckigen Kanne Çaydanlık: Oben zieht ein dickes Konzentrat namens Dem, unten kocht Wasser. In ein tulpenförmiges Glas gießt dir der Gastgeber etwas Konzentrat und füllt nach Geschmack mit heißem Wasser auf - hell açık oder dunkel koyu. Genau das liebe ich daran: Stärke und Süße bestimme ich selbst. Dazu die satte Farbe, die die Einheimischen tavşan kanı (Hasenblut) nennen, und die Çaycı, die mit ihren Schaukeltabletts durch das Gedränge des Großen Basars gleiten, ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten. Die Teesträucher gedeihen an den regenreichen Hängen um Rize am Schwarzen Meer, und die Türken gehören heute weltweit zu den größten Teetrinkern pro Kopf - der berühmte türkische Kaffee ist in der Türkei eher ein "festliches Dessert", der Treibstoff des Alltags ist der Çay.

Gleich hinter dem türkischen kommt für mich der iranische Tee. Er funktioniert nach demselben Verdünnungsprinzip, nur entsteht das starke Konzentrat in einer Kanne auf dem Samowar - ursprünglich eine russische Erfindung, die im Iran so heimisch geworden ist, dass sie dir in jedem Teehaus und in jedem Haushalt begegnet. Einen Teil ihres Tees bauen die Iraner sogar selbst an, in der Provinz Gilan am Kaspischen Meer. Gesüßt wird hier mit Kandiszucker namens Nabat oder mit einem Stück Würfelzucker, das sich die Einheimischen direkt in den Mund legen, um den heißen Tee hindurchzuschlürfen.

Der irakische Tee ist ein Kapitel für sich. In den Irak kam der Tee erst mit den Briten über den Hafen von Basra; heute gehört das Land zu den größten Teeimporteuren der Welt. Der Aufguss duftet nach Kardamom (mich erinnert er seltsamerweise eher an Rosen), gesüßt wird mit so viel Zucker, dass er sich oft gar nicht auflösen kann und am Boden des Istikan-Glases eine sichtbare Schicht zurückbleibt. Es ist der süßeste Tee, den ich je getrunken habe - und ich gebe zu, mir ist das inzwischen zu viel. Wer seine eigene Grenze in Sachen Süße kennenlernen will, sollte genau hier anfangen.

Teezubereitung über offenem Feuer direkt auf der Straße (Irak).
Teezubereitung über offenem Feuer direkt auf der Straße (Irak).

Teehäuser sind Institutionen für sich

Das Teehaus (Chaykhana) ist im Nahen Osten ein soziales Zentrum, so etwas wie bei uns die Kneipe, nur ohne Alkohol: Hier wird Politik diskutiert, hier werden Geschäfte geschlossen, und traditionell ist es eine Männerdomäne. Das beste Beispiel, das ich kenne, ist das Teehaus Mam Khalil im alten Basar von Erbil, geöffnet seit 1952: Die Wände sind mit Tausenden gerahmter Fotos der Gäste bedeckt, von Königen und Dichtern bis zu einfachen Stammgästen, und nach dem Gründer führt es heute sein Sohn. Regime kommen und gehen, Tee wird immer getrunken.

Wann immer ich mich in ein Teehaus setze, komme ich früher oder später mit einem Einheimischen ins Gespräch. Ich muss mich nicht darum bemühen, es passiert einfach - und ich genieße das sehr. Mein stärkstes Teehaus-Erlebnis stammt allerdings aus Istanbul. Bei meinem ersten Türkei-Besuch fand ich vor vielen Jahren ein kleines Teehaus in einer Seitengasse mit Blick auf die touristische Hauptader und blieb dort wohl zwei oder drei Stunden sitzen. Am Nebentisch ließ sich eine türkische Straßenkapelle nieder - einfach so, um selbst ein Glas zu trinken. Es war kein Touristenort, es war fast leer, die Leute kamen wirklich wegen des Tees. Diese Atmosphäre hat sich mir tiefer eingeprägt als manches Denkmal.

Teehaus Mam Khalil in Erbil (Irak): der heutige Besitzer, Sohn des Gründers.
Teehaus Mam Khalil in Erbil (Irak): der heutige Besitzer, Sohn des Gründers.

Kräutertees: Berghänge des Balkans und Minze Nordafrikas

Ein Botaniker würde einwenden, dass ein Getränk ohne Teepflanze kein Tee ist, doch Kräutertees mag ich genauso gern wie die echten. Mein Favorit wächst auf dem Balkan: eine Staude der Gattung Sideritis, auf Deutsch Gliedkraut. In Bulgarien wird sie in den Rhodopen als Mursalski-Tee gesammelt - süßlich, entfernt erinnert er mich an Linde, und er schmeckt mir auch ohne Honig; außerdem enthält er kein Tein, man kann ihn also den ganzen Tag trinken. Dieselbe Pflanze heißt dabei in jedem Land ein bisschen anders: In Albanien ist es çaj mali (Tee vom Berg), in Griechenland tsai tou vounou, in Nordmazedonien und Serbien planinski čaj und in der Türkei dağ çayı. Seit der ersten Kostprobe in Bulgarien bringe ich ihn von jeder Reise mit nach Hause - er ist auch mein Tipp, was man aus Bulgarien mitbringen sollte.

Nordafrika geht einen anderen Weg: In den grünen Tee kommen frische Minze und Zucker. In Marokko ist der Minztee praktisch ein Nationalgetränk, und in Tunesien veredelt man ihn mit Pinienkernen zum Thé aux pignons - für mich halb Getränk, halb Snack.

Irakischer Tee im Istikan-Glas.
Irakischer Tee im Istikan-Glas: Die Schicht ungelösten Zuckers am Boden gehört einfach dazu.

Tee ist für mich auf Reisen das, was für andere Bier oder Kaffee ist: ein Vorwand, stehen zu bleiben und sich umzuschauen. Such dir ein Teehaus in einer Seitengasse, bestell ein Glas und lass die Stadt eine Weile ohne dich weiterlaufen. Welcher Tee ist dir von deinen Reisen im Gedächtnis geblieben? Und würdest du dich an den irakischen wagen, oder ist das auch dir zu viel Zucker? 😊

Zum Wohl!

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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Irak

Mam Khalil: das legendäre Teehaus im Herzen von Erbil

Die Chaykhana Mam Khalil ist ein legendäres Teehaus, versteckt im Labyrinth des alten Qaysari-Basars im irakischen Erbil. Wände und Decke sind über und über mit tausenden gerahmten Fotos von Gästen bedeckt. Du findest darauf Politiker, Dichter und ganz normale Stammgäste. Gegründet hat das Teehaus 1952 Mam Khalil, heute führt sein Sohn die Familientradition weiter.

Irak

Irakischer Tee

Irakischer Tee ist ein zentrales Element des gesellschaftlichen Lebens im Irak und ein tägliches Ritual, das die Menschen von früh bis spät begleitet. Durchgesetzt hat er sich allerdings erst im 19. Jahrhundert, dank des britischen Handels mit Indien und Sri Lanka. Sein besonderes Aroma verdankt er dem zugesetzten Kardamom, den Geschmack prägt eine extreme Menge Zucker.

Albanien

Çaj mali: albanischer Bergtee

Çaj mali ist ein traditioneller albanischer Kräutertee aus Pflanzen der Gattung Sideritis. Die Pflanze wächst in den Bergregionen Albaniens, wo sie in den Sommermonaten in Höhen von etwa 1.000 bis 2.000 Metern von Hand gesammelt wird. Kleine Händler verkaufen Bündel dieses Tees am Rand der albanischen Straßen. Ähnliche Bergtees sind auch in anderen Ländern des Balkans und des Mittelmeerraums verbreitet.

Türkei

Türkischer Tee

Türkischer Tee ist ein starkes, dunkelrotes Getränk aus schwarzem Tee. Die Einheimischen trinken ihn literweise statt Kaffee. Für die Zubereitung braucht es eine besondere doppelte Kanne namens Çaydanlık. In ihrem oberen Teil entsteht ein starkes Konzentrat, das anschließend nach dem Geschmack des Gastes mit kochendem Wasser verdünnt wird. Serviert wird türkischer Tee in den typischen tulpenförmigen Gläsern.

Iran

Iranischer Tee

Tee gehört zum Alltag der Iraner und ist ein Symbol ihrer Gastfreundschaft. Getrunken wird er zu jeder Gelegenheit - vom Familientreffen bis zur Arbeitsbesprechung. Der traditionelle schwarze Tee, oft mit Kandiszucker gesüßt, entsteht im Samowar, den russische Händler im 19. Jahrhundert ins Land brachten. Serviert wird er in kleinen Gläsern - manchmal schlürft man ihn durch ein Stück Zucker im Mund. Der Iran zählt zu den größten Teekonsumenten der Welt.

Iran

Nabat: traditioneller iranischer Kandiszucker

Nabat ist traditioneller iranischer Kandiszucker - große, durchsichtige oder leicht gelbliche Kristalle, oft an einem Stäbchen. Vor allem süßt man damit Tee. Beliebt ist er nicht nur im Iran, sondern auch in anderen Ländern des Nahen Ostens und in Südasien.

Tunesien

Thé aux pignons: tunesischer Tee mit Pinienkernen

Thé aux pignons, also Tee mit Pinienkernen, ist ein traditionelles tunesisches Getränk, das den Geschmack von grünem Tee, Minze und Pinienkernen vereint. Den Tee bekommst du in ganz Tunesien in Cafés und Restaurants, die Einheimischen trinken ihn zu jeder Tageszeit.

Türkei

Café in der Bibliothek Nevmekân Sahil, Istanbul

Nevmekân Sahil ist ein Kulturzentrum im Istanbuler Stadtteil Üsküdar. Dieses versteckte Kleinod auf der asiatischen Seite der Stadt birgt unter seinem Glasdach mehr als 100.000 Bücher, historische Karten und seltene Handschriften aus osmanischer Zeit. Wer mag, studiert hier in Ruhe, alle anderen entspannen einfach bei einem Glas türkischem Tee. Die lichtdurchfluteten Räume sind die perfekte Flucht vor dem lauten Istanbul. Der Eintritt ist frei.