Piment farci: gefüllte Paprika nach mauritischer Art
Piment farci isst man von der Spitze her. Nicht, weil das irgendwer vorschreiben würde, sondern aus reinem Selbsterhaltungstrieb: Die Spitze der Paprika liegt am weitesten vom Stiel entfernt - und damit am weitesten von der Stelle, an der die größte Schärfe sitzt. Je näher man sich zum Stiel vorarbeitet, desto mehr entscheidet sich, ob man sich einen Snack gekauft hat oder eine Mutprobe.
Piment farci ist ein mauritisches und réunionesisches Häppchen: eine ganze, leicht scharfe Paprika, längs eingeschnitten, gefüllt mit einer gewürzten Mischung aus Fleisch oder Thunfisch, in Teig getaucht und goldbraun frittiert. Sie wird stückweise verkauft, mit der Hand gegessen und gehört eher zum Trinken als auf den Teller.

Was piment farci bedeutet und warum man es mit gâteau piment verwechselt
Der Name ist französisch und ganz wörtlich: piment steht für Paprika ebenso wie für Chili (das Französische unterscheidet zwischen beiden weniger als das Deutsche), farci heißt gefüllt. Das mauritische Kreolisch hat daraus schlicht pima farsi gemacht, und die Thunfischversion mit geraspeltem Chouchou, also Chayote, bekam ihren eigenen Namen: pima cari. Die Falle für Ausländer liegt woanders: gâteau piment klingt fast gleich, ist aber eine Kugel aus gelben Erbsen, in der Chili nur für den Geschmack sorgt. Bei piment farci ist die Paprika die Hülle, bei gâteau piment ist Chili das Gewürz.
Geschwister auf Réunion, Namensvetter in Frankreich
Piment farci ist kein mauritisches Patent, sondern ein gemeinsames Gericht beider Maskarenen: Réunion nennt es gros piments farcis und frittiert es genauso in Teig. Die Unterschiede sind familiärer, nicht nationaler Natur - auf Mauritius wird die Paprika statt frittiert manchmal auch in Tomatensoße geschmort oder gedämpft, eine klare Grenze zwischen den Inseln gibt es dabei nicht, die Rezepte überschneiden sich auf beiden Seiten. Der wirklich fremde Verwandte in der Familie ist der poivron farci aus der französischen Küche: eine große Paprika mit Reis und Hackfleisch, dreiviertel Stunden im Ofen, Hauptgericht mit Besteck.

Kerne, Teig und fünf Minuten im Öl
Die Hauptzutat ist die Paprika, nicht die Füllung. Rezepte vergleichen sie mit der Padrón-Paprika: groß, fleischig, leicht scharf, wobei ein Exemplar immer wieder aus der Reihe tanzen kann. Sie wird der Länge nach eingeschnitten, Kerne und weiße Häute kommen weg, und bei der Fleischversion zieht sie vor dem Füllen noch in Essigwasser, damit sie milder wird. Die Füllung ist eine gewürzte Mischung aus Hackfleisch mit Zwiebel, Knoblauch, Ingwer und Soja- oder Fischsoße, oder Thunfisch mit Chayote. Dann kommt ein Teig aus Mehl und Stärke dazu, und fünf bis acht Minuten im heißen Öl. Laut Rezept sollen die Kerne entfernt werden, was aber nicht heißt, dass die Paprika nicht scharf wäre: Die Schärfe sitzt auch in den Häuten und am Stielansatz, und dagegen kann kein Rezept etwas ausrichten.
Piment farci ist ein gajak, das mauritische Wort für salzige Kleinigkeiten zum Trinken. Zu Hause wird es bei Familienbesuch frittiert, Bistros und Straßenstände verkaufen es stückweise neben anderen frittierten Snacks, und am besten schmeckt es warm, ein paar Minuten aus dem Öl, mit einem gekühlten Bier. Wer nicht weiß, welche Füllung ihm der Verkäufer gerade einpackt, fragt nach viande oder thon: Fleisch oder Thunfisch. Und wer sich vor der Schärfe fürchtet, beißt zuerst in die Spitze und entscheidet danach, wie weit er sich vorwagt.
Die Paprika im Bistro Nam Wah Snack
Piment farci habe ich in Flic en Flac gegessen, im Bistro Nam Wah Snack (siehe Wo man in Flic en Flac essen geht), aus der Hand, direkt am Tresen. Die Füllung war aus Hähnchenfleisch und Garnelen, fast so fein wie eine Pastete, mit geraspeltem Gemüse und Sesam, der darin knackte; der Teig bildete eine dünne, knusprige Hülle, und die Paprika darunter war sanft weich geworden. Ein Stück kostete 40 MUR (0,80 EUR). Scharfes Essen bin ich gewohnt, und die Spitze ging gut. Dann kam ich zu dem Teil mit den Kernen, und die Paprika erinnerte mich daran, dass sie schärfer war als die hiesige Sonne. Der Rest blieb auf dem Teller liegen. Nicht, weil es nicht gut gewesen wäre - ich bin wohl einfach zu wenig hart im Nehmen.