Bar Eli-Pili: Nachtklassiker in Chișinău mit Sperrstunde um sechs Uhr morgens
Gegen Mitternacht sind wir in der Eli-Pili gelandet, und der Erste, der uns von oben bis unten musterte, war nicht der Barkeeper, sondern ein Schwein in Generalsuniform. Es hängt in einem vergoldeten Rahmen an einer rot-goldenen Tapete, neben einer Schweinedame im Festkleid mit Halskette, und wacht über den Saal, der um diese Uhrzeit gerade erst zum Leben erwacht. Eli-Pili (russisch: Ели-Пили) ist eine Bar mit Küche im Zentrum von Chișinău und ein Klassiker des nächtlichen Stadtlebens: Geöffnet hat sie von neun Uhr morgens bis sechs Uhr früh. Geschlossen ist sie nur drei Stunden am Tag - ungefähr dann, wenn der Rest der Stadt zur Arbeit aufsteht.

Was Eli-Pili bedeutet und wo nebenan gesungen wird
Der Name ist russisch: eli-pili bedeutet "gegessen und getrunken" und ist im Russischen ein feststehendes Wortpaar nach demselben Muster wie das märchenhafte "schili-byli" (es war einmal). Und hier weiß man damit zu spielen: Der separate Karaoke-Raum heißt Eli-Peli, mit nur einem einzigen anderen Buchstaben, also "gegessen und gesungen" - und gesungen wird dort von neun Uhr abends bis fünf Uhr morgens. Der russische Name ist dabei keine Pose: Russisch ist in Chișinău nach wie vor eine gängige Sprache auf der Straße und in der Gastronomie, und dieses Lokal trägt es offen zur Schau, von der Website bis zur Speisekarte.
Die Fünfzigerjahre von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs
Die Einrichtung beschreibt das Lokal selbst als Welt der Fünfzigerjahre. Wessen Fünfzigerjahre, darum kümmert sich hier allerdings niemand: Ein gelbes Motorrad mit amerikanischen Kennzeichen parkt unter dem ovalen Porträt eines Schweinefräuleins, daneben hängt ein Röhrenradio mit rotem Telefon, die Decke ist mit Zeitungen beklebt, und über den Köpfen schaukelt ein Kronleuchter aus Löffeln und Gabeln. Es sieht aus, als hätte jemand die Dachböden von Familien auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs ausgeräumt und die Beute rund um die sechs Meter lange Bartheke aufgehängt - auf deren Länge das Lokal so stolz ist, dass es sie in seiner Selbstbeschreibung mit Ausrufezeichen angibt. Langweilig wird es hier nicht einmal auf dem Weg zur Toilette.
Auch die Speisekarte steht mit je einem Bein in beiden Welten. Neben Burgern gibt es eine moldawische Abteilung mit Mămăligă und Mititei und dazu die russische Seite: Pelmeni, Borschtsch und Soljanka, die in Bewertungen öfter gelobt wird als alles andere auf der Karte. Würstchen, benannt nach Helden rumänischer Märchen, dem schönen Prinzen Făt-Frumos und dem Drachen Balaur, stehen in kyrillischer Schrift auf der Karte. Das Bierangebot reicht vom Schiguljowskoje aus der Sowjetzeit bis zum tschechischen Kozel und Pilsner Urquell; wie moldawisches Bier schmeckt, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben.

Zwanzig Jahre Nachtdienst
Eli-Pili liegt in der historischen Innenstadt in der Strada București 68, die bis 1990 Iskra hieß und heute den Namen der rumänischen Hauptstadt trägt. Die Bar gibt es hier seit 2006, und in den lokalen Listen "wo man nachts noch etwas zu essen bekommt" hält sie sich schon seit über zehn Jahren; 2017 führte sie die Rangliste der beliebtesten Nonstop-Lokale in Chișinău an. Damals hatte sie wirklich vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet, heute stimmt "nonstop" nur noch fast: Wirklich durchgehend geöffnete Lokale gibt es in Chișinău nur noch eine Handvoll, und Eli-Pili gehört formal nicht dazu - für die Stadt ist sie aber immer noch der Ort, an dem die Nacht zum Schluss noch etwas isst. Die Küche kocht bis fünf; die einzige zuverlässige Methode, vor verschlossener Tür zu stehen, ist, zwischen sechs und neun Uhr morgens zu kommen.

Barkeeper, Einheimische und ein Pilsner Urquell
Wir kamen nach unserem zweiten Besuch in der Cocktailbar Marlène; Eli-Pili war die natürliche Fortsetzung: ein Ort, an dem um diese Uhrzeit niemand auf die Uhr schaut. Die Barkeeper wirkten anfangs nicht gerade freundlich; ins Gespräch kamen wir mit ihnen erst nach einer Weile - und das hat sich gelohnt, genauso wie die Diskussion mit jungen Einheimischen. Wir sprachen Englisch, es waren Leute, die in Norwegen und Schweden studiert und gearbeitet hatten, und das Gespräch kam bald auf den Krieg hinter der nahen Grenze und auf ihre Angst davor. Die Angst vor einem Krieg ist in der Republik Moldau laut Meinungsumfragen so hoch wie nie seit Beginn der Messungen. Zum Gespräch gönnte ich mir eine Soljanka für 90 MDL (4,40 EUR) - sie schmeckte großartig. Mein Freund bestellte ein tschechisches Pilsner Urquell für glatte 90 MDL (4,40 EUR); das Bier kostet hier genau so viel wie die Suppe. Ich selbst habe in der Eli-Pili überhaupt nichts getrunken. In einem Lokal, dessen Name "gegessen und getrunken" bedeutet, habe ich das Programm also genau zur Hälfte erfüllt.
Eli-Pili