Mici: gegrillte Hackfleischröllchen aus Rumänien
Dreißig Millionen. So viele Stück isst Rumänien Schätzungen zufolge an einem einzigen Tag, am 1. Mai, wenn der Tag der Arbeit im ganzen Land Grill, Bier und Mici bedeutet. Die Lieferdienste melden an diesem Tag das Siebenfache an Bestellungen, und Balkone und Flussufer tauchen in keiner Statistik auf.
Mici (auf Rumänisch auch Mititei) sind Röllchen aus gewürztem Hackfleisch ohne Darm, ungefähr daumengroß, über Holzkohle gegrillt und mit Senf und Brot serviert - das am weitesten verbreitete Gericht der rumänischen Küche. Der Name bedeutet wörtlich "die Kleinen", und das ist das Einzige, worin die Rumänen bei Mici bescheiden sind.

Warum Mici "die Kleinen" heißen und wen das verwirrt
Ein italienischer Tourist liest in einem rumänischen Restaurant "mici" und stutzt einen Moment, denn in seiner Sprache ist das der Plural von micio, Kätzchen. Ein Zufall zweier Sprachen, der aber erklärt, warum Speisekarten für Ausländer so oft zur Umschreibung "Romanian skinless sausages" greifen. Auf Rumänisch heißt mic schlicht klein, mititei ist die Verkleinerungsform davon, und beide Namen beschreiben dasselbe: ein Stück Fleisch, das auf dem Rost noch schrumpft. Ausgesprochen wird es "mitschi", die ältere Form ist mititei, heute setzt sich das kürzere mici durch - die Ungarn in Siebenbürgen haben dasselbe Wort nur in ihre eigene Rechtschreibung übertragen, als mics. Das Gericht ist in ganz Rumänien zu Hause und wird jenseits des Pruth in der Republik Moldau genauso selbstverständlich gegessen. Seine Verwandten stammen aus der osmanischen Küche: die türkische Küche hat Köfte, daraus entstanden die serbischen und bosnischen Ćevapi, die nordmazedonischen Kebapi und das bulgarische Kebapche. Der Unterschied liegt in den Gewürzen und in der Beilage: Sarajevoer Ćevapi bestehen nur aus Rindfleisch und Salz und kommen im Fladenbrot mit Zwiebeln, Mici duften nach Knoblauch und Thymian und warten auf den Senf.
Der Wirt, dem die Därme ausgingen
Die Geschichte kennt in Rumänien jeder: In einem Bukarester Gasthaus in der Strada Covaci sollen dem Wirt Iordache Ionescu Ende des 19. Jahrhunderts die Schafsdärme ausgegangen sein, und so soll er die gewürzte Füllung einfach nackt auf den Rost gelegt haben. Das Gasthaus und sein Ruhm sind belegt, Caragiale und der junge Enescu gingen dort ein und aus, doch die Sache mit den Därmen selbst ist durch kein zeitgenössisches Dokument belegt - sie ist eine Legende, die seit Ionescus Tod im Jahr 1903 ein Journalist vom anderen abschreibt. Reiseführer erzählen sie mit einer Sicherheit, die sich Historiker nicht erlauben. Belegt ist erst ein Schriftstück: Ein Brief vom Juni 1920 in der Bibliothek der Rumänischen Akademie beschreibt ein Rezept aus dem Lokal Caru' cu Bere. Es schreibt ausschließlich Rindfleisch vom Hals vor, zweimal gewolft, acht Gramm Natron je Kilo und Knochenbrühe, und Schweinefleisch verbietet es ausdrücklich. Heutige Mici aus dem Supermarkt bestehen meist aus Schweine- und Rindfleisch, und Puristen sehen das gar nicht gern. Woher das Rindfleischröllchen vor Ionescu stammt, wissen Historiker nur ungefähr: Es gelangte mit den Osmanen über den Balkan, und wann genau, weiß niemand.
Natron, Senf und eine europäische Ausnahme
Das Fleisch ist bei Mici das Uninteressanteste; entscheidend ist, was hineinkommt. Knoblauch und Thymian sorgen für den Duft, die Textur macht das Natron: Es hält Wasser und Brühe im Fleisch, sodass das Röllchen auf dem Grill nicht hart wird, sondern locker bleibt und auch ohne Darm saftig ist. Genau an diesem Natron stieß sich 2013 die Europäische Union, die es in Fleischerzeugnissen verbot, weil es minderwertiges Fleisch überdecken kann. Rumänien musste für sein Nationalgericht eine Ausnahme aushandeln, was ein Jahr dauerte - die Brüsseler Behörden ahnten offenbar nicht, woran sie da rührten. Fürs Grillen gilt eine Regel: mit Öl bestreichen und höchstens dreimal wenden, sonst läuft der Saft aus.
Mici isst man überall dort, wo Holzkohle glüht: an Marktständen, in Bierlokalen, auf Feiern und auf dem Gehsteig vor dem Bahnhof. In Bukarest steht man dafür am Wochenende an der Terasa Obor Schlange. Womit man sie isst, hängt von der Gegend ab: in Siebenbürgen mit Senf, im Süden in der Walachei und in der Dobrudscha mit Salz und Peperoni - und wo du auch bist, auf den Tisch gehören Brot und ein beschlagenes Glas rumänisches Bier, kein Besteck. Die Portion zählt man in Stück, nicht in Gramm; wer nur zwei bestellt, zu dem sagt die Bedienung nichts, aber sie merkt es sich.
Der erste Teller in Rumänien
Mici waren mein allererstes Essen in Rumänien. In Iași (früher deutsch Jassy) entdeckte ich sie im Mittagsmenü der Beraria Veche (siehe Wo man in Iași essen geht), und die Wahl stand fest, bevor ich mich überhaupt gesetzt hatte. Auf Empfehlung des Personals kamen dazu das Kartoffelpüree Stoemp mit Speck, eingelegte Rote Bete mit Meerrettich und Senf in einem Schälchen. Die Röllchen hatten vom Grill eine dunkle, knusprige Kruste und blieben innen weich und saftig, Knoblauch und Thymian waren sofort zu schmecken, der Senf sorgte für Schärfe, und die saure Rote Bete mit Meerrettich fing das Fett des Specks im Püree ab. Das ganze Mittagsmenü kostete samt Pfannkuchen mit Schokolade als Dessert 4,60 EUR und war eines der besten Essen, die ich in Iași gegessen habe. Rumänien habe ich schneller ins Herz geschlossen als jedes andere Land, und dabei war ich erst zwei Stunden im Land.
