Weingut Cricova: die unterirdische Weinstadt bei Chișinău
In meiner Vorstellung begann die Führung durch ein Weingut irgendwo zwischen Weinberg und Kelterhaus. In Cricova brachte man uns stattdessen mit einem Elektrobähnchen in ein unterirdisches Kino, reihte auf dem Tresen Gläser mit Sekt auf - eine Probe für alle, die gar nicht zur bezahlten Verkostung gehörte - und machte das Licht aus. Der Film über Wein lief im Dunkeln, und in der Stille prickelte der Sekt. Cricova ist ein staatliches Weingut elf Kilometer vom Zentrum Chișinăus und zugleich Moldawiens unterirdische Weinstadt: über 120 Kilometer Gänge, die der Kalksteinabbau hinterlassen hat, in denen Wein reift, Sekt entsteht und ein Elektrobähnchen die Besucher herumfährt.

Eine Stadt, deren Straßen nach Weinen benannt sind
Gegraben haben die Gänge nicht die Winzer. Unter Cricova wurde Muschelkalk für den Bau von Chișinău und den umliegenden Städten gebrochen, und zurück blieb ein Labyrinth, wie es kein Architekt je entworfen hätte: über 120 Kilometer Gänge in 60 bis 80 Metern Tiefe, mit konstant etwa 12 °C und einer Luftfeuchtigkeit, die fast an Nebel grenzt. Das Weingut hat daraus eine richtige Stadt gemacht: Die Straßen heißen Cabernet, Fetească oder Sauvignon, an den Kreuzungen hängen Verkehrsschilder und Ampeln, und das Kino steht - wo sonst - in der Straße der Brüder Lumière. Besucher wie Personal fahren mit roten Elektrobähnchen, die ein eigenes Nummernschild tragen.
Jetzt aber ehrlich: Es ist nicht der einzige Ort dieser Art und nachweislich nicht einmal der größte. Auf der anderen Seite von Chișinău liegt Mileștii Mici mit über 200 Kilometern Gängen und einem Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde für die größte Weinsammlung der Welt - und ein Bähnchen gibt es dort auch. Dasselbe Prinzip kennt man auch anderswo: Champagner reift in Kreidebrüchen unter Reims, und Saint-Émilion versteckt seine Keller im selben Kalkstein, aus dem das Städtchen darüber gebaut ist. Trotzdem bezeichnet sich Cricova auf der eigenen Website als größten unterirdischen Weinkomplex der Welt. Ein Wettstreit zweier Staatsbetriebe: Der eine hat den Rekord und die längeren Gänge, der andere den besseren Slogan und ein eigenes Kino.

Önologen im Steinbruch
Seinen Namen hat das Weingut von dem Städtchen, das die Chroniken 1692 zum ersten Mal erwähnen; woher der Name stammt, ist ungewiss - aus den Urkunden lässt sich höchstens ein Gutsbesitzer namens Cricovan herauslesen, nach dem das Dorf wohl benannt wurde. Das Kapitel Wein ist dagegen jung. 1952 schlugen die Önologen Petru Ungureanu und Nicolae Sobolev vor, die ausgebeuteten Stollen dem Wein zu überlassen - die gleichbleibende Kühle und Feuchtigkeit erledigen hier gratis, wofür man anderswo teure Hallen baut. Zwei Jahre später entstand unter der Erde die staatliche Weinsammlung, 2003 erklärte das Parlament den gesamten Komplex per Gesetz zum nationalen Kulturerbe, und heute steht er zusammen mit Mileștii Mici auf der Tentativliste der UNESCO. Die Führer fügen gern hinzu, dass hier "seit dem 15. Jahrhundert" Stein gebrochen werde - nur hat dafür bislang niemand einen Beleg gefunden.
Die Unterwelt hat auch ihre eigene Mythologie. Juri Gagarin war im Oktober 1966 tatsächlich hier; die Legende fügt hinzu, aus dem All sei er planmäßig zurückgekehrt, aus den Kellern von Cricova habe er aber erst am nächsten Tag herausgefunden. An berühmte Besucher erinnert heute eine Wand mit Weltkarte und Dutzenden Porträts, und so mancher Gast hat hier ein privates Kellerabteil mit seinem eigenen Wein gemietet. Seit 2019 gibt es in der Unterwelt auch eine Kapelle, geweiht allen Heiligen, die auf moldauischem Boden zu Ruhm gelangt sind; ein Fernsehsender machte daraus prompt eine sechshundert Jahre alte, in den Kellern entdeckte Kirche, bis lokale Journalisten die Meldung als Erfindung entlarvten. Auch Mythen finden hier ideale Bedingungen zum Reifen.


Sekt kopfüber
Der ganze Stolz der Unterwelt ist der Sekt. Cricova stellte als erstes Weingut in Moldawien Schaumwein nach der klassischen Flaschengärung her: Die zweite Gärung findet direkt in der Flasche statt, genau wie in der Champagne oder beim spanischen Cava. Danach reifen die Flaschen mit dem Hals nach unten in hölzernen Rüttelpulten, den Pupitres, und geübte Hände drehen sie alle zwei Tage ein Stück weiter, damit das Hefedepot in den Flaschenhals rutscht - laut einer rumänischen Fernsehreportage hat eine der Remueuses, der Rüttlerinnen, in dreißig Jahren rund dreihundert Millionen Flaschen gedreht. Ein Teil der heutigen Produktion gärt allerdings in Edelstahltanks, nicht in der Flasche. Und die offizielle Website schreibt die Methode "dem Mönch Pierre Pérignon" zu: Die Champagner-Legende hat es offenbar bis in die moldawische Unterwelt geschafft.
Von den Flaschen, die uns unterwegs begegnet sind, will ich zwei Linien erwähnen. Die Bio-Linie Wild kam 2023 in Auflagen von je 9.500 Flaschen auf den Markt und setzt auf heimische Rebsorten - darunter viorica, die einzige Sorte der Wild-Linie, die in Moldawien selbst gezüchtet wurde. Die Rebsorten fetească albă, regală und neagră hat Moldawien mit dem rumänischen Wein gemeinsam, das Etikett "autochthon" gilt also in Moldawien genauso wie in Rumänien. Und der limitierte Sekt Elogiu ist eine Hommage an den Gründer: Ein Chardonnay des Jahrgangs 2017 reifte nach der zweiten Gärung mindestens vier Jahre auf der Flasche in den Stollen von Cricova, bevor er ein Etikett mit Ungureanus Widmung bekam.


Görings Beute hinter Glas
Die am strengsten bewachte Straße gehört der Sammlung. In den weißen gewölbten Nischen der Oenoteca liegen rund 1,3 Millionen Flaschen und darunter - nach Angaben des Weinguts - etwa zweitausend Weine aus der Sammlung von Hermann Göring, Kriegsbeute, die nach dem Krieg über Moskau hierher gelangte. Offiziell ältestes Stück ist der Ierusalimul de Paști, ein österlicher Dessertwein von 1902 und die letzte von einst vierhundert Flaschen. Und dann gibt es ein Exponat, vor dem ein tschechischer Besucher stehen bleibt: eine dunkle Flasche mit dem Schild Jan Becher, Becherovka, 1902. Ihr tief unter Moldawien zu begegnen ist, als träfe man einen Schulfreund am anderen Ende der Welt.
Das Schild verdient einen zweiten Blick. 1902 hieß der Karlsbader Likör noch gar nicht Becherovka - verkauft wurde er als Karlsbader Becherbitter, seinen heutigen Namen bekam er erst nach dem Ersten Weltkrieg. Das Schild in der Vitrine ist der Zeit also um ein paar Jahrzehnte voraus und nennt als Herkunftsland obendrein mit Tippfehler CZEHIA. Die Führer erzählen dazu gern von einem Nachfahren Bechers, der vergeblich Hunderttausende für die Flasche geboten habe - sicher ist nur, dass eine Flasche des berühmtesten tschechischen Likörs (mehr dazu in meinem Ratgeber Was aus Tschechien mitbringen?) in einer Sammlung liegt, die sonst ganz dem Wein gehört.


Sonntag in Cricova
Hinein kommst du nur mit Reservierung und Führung. Die Führungen laufen in sechs Sprachen, darunter Englisch, und reichen von einer einstündigen Runde ohne Verkostung bis zu mehrstündigen Verkostungsmarathons; am Wochenende und nach 16 Uhr kostet jede Führung hundert Lei mehr - wer sparen will, kommt unter der Woche.

Wir fuhren an einem Sonntagvormittag zu zweit von Chișinău nach Cricova; reserviert hatten wir zwei Wochen vorher online, bezahlt wurde erst vor Ort. Das Paket Business mit englischer Führung kostete 800 MDL (39 EUR) pro Person: siebenhundert für die Führung mit vier Proben, hundert Wochenendzuschlag. Ein zusätzliches Glas, das nicht zu den vier Proben zählte, gab es gleich im Kino - einen weißen Schaumwein aus der Wild-Linie; welchen genau, habe ich mir nicht notiert. Ich weiß nur, dass er sich hervorragend trinken ließ und dass ich an diesem Tag keinen besseren Weißen mehr ins Glas bekam. Dann fuhr uns das Bähnchen durch die Straßen an Fässern und Rüttelpulten vorbei, und zum Schluss wartete in einem Verkostungsraum mit Sternenhimmel an der Decke ein gedeckter Tisch auf uns: Nüsse, Grissini, Backpflaumen und vier Gläser - ein Bio-Rosé-Schaumwein aus Fetească neagră, noch ein weißer Schaumwein, ein stiller Weißwein und ein Archivwein Codru, Jahrgang 2000, auf dessen Etikett vom Dekantieren abgeraten wird, weil das zarte Bouquet in der Karaffe verloren ginge. Ob die Verkostung selbst die paar Hundert Lei Aufpreis wert war, weiß ich bis heute nicht genau; das gemeinsame Ritual unter der Erde war es auf jeden Fall. Vom Gelände stiegen wir danach noch einmal die Treppe hinunter, ins Regatul Vinului ("Weinkönigreich"; siehe Wo man in Chișinău essen geht), auf Must, Zeamă, Borș scăzut und Sarmale. Einen Weinberg haben wir den ganzen Tag nicht zu Gesicht bekommen - und vermisst haben wir ihn eigentlich auch nicht.



Cricova