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Bar Nonna Emilia: Aperitif im Fischerviertel von Sorrent

Dan Špaňhel Italien Aktualisiert Keine Kommentare

Ein Fischernetz flickt man Masche für Masche, überstürzen lässt sich dabei nichts. Die Fischer der Marina Grande breiten es direkt auf dem Pflaster der Uferpromenade aus, ein paar Schritte von den Tischen mit dem Aperitif entfernt - und das Tempo dieser Arbeit scheint hier für alle zu gelten.

Die Bar Nonna Emilia ist eine kleine Bar direkt an der Uferpromenade der Marina Grande, dem Fischerviertel von Sorrent, und sie erklärt schnell, warum man sich mit dem Aperitif in Italien Zeit lässt. Autos fahren hier kaum, das Wasser ist vom Tisch aus zum Greifen nah, und auf die Uhr schaut niemand.

Bar Nonna Emilia: Limoncello Spritz mit Blick auf die Marina Grande.
Bar Nonna Emilia: Limoncello Spritz mit Blick auf die Marina Grande.

Zwei Emilias an der Marina Grande

Nonna heißt auf Italienisch Großmutter und verspricht auf dem Schild dasselbe wie der Sonntagsbraten bei der Oma: dass nichts überstürzt wird und niemand hungrig nach Hause geht. Eröffnet haben die Bar 2010 zwei Cousins aus der ortsansässigen Gastronomenfamilie Cacace, die sie zu Ehren ihrer Emilia benannten - die Meldung zur Eröffnung spricht von "nipoti", was im Italienischen Neffen und Enkel zugleich bedeutet, den genauen Verwandtschaftsgrad hat die Sprache also für sich behalten. Ein paar Häuser weiter steht dabei die Trattoria Da Emilia, die 1947 Emidia Ianieri gegründet hat - und die wiederum alle nur Emilia nannten. Dass beide Namen derselben Frau gehören, behauptet keine Quelle ausdrücklich. Den Namen Emilia hört man hier jedenfalls seit fast achtzig Jahren.

Ein Viertel, das man nur über Treppen erreichte

Die Marina Grande war vom Rest Sorrents praktisch abgeschnitten: Eine Straße führt erst seit den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hinunter, davor kam man nur über eine in den Fels gehauene Treppe. Vielleicht hält das Viertel gerade deshalb sein eigenes Tempo - oben Promenade und Schaufenster, unten die an Land gezogenen Boote und die Netze auf dem Pflaster. Nur bei den Namen ist Vorsicht geboten: Die Fähren nach Capri legen an der Marina Piccola ab, die trotz ihres Namens der größere und belebtere Hafen ist. Die Marina Grande, also die "große", ist die kleinere und ruhigere von beiden. Eine Logik musst du darin nicht suchen, die Einheimischen haben sich dabei nichts gedacht. Die italienische Presse schreibt heute über die dortigen Fischer als die letzte Generation ihres Handwerks; die Netze auf dem morgendlichen Pflaster behaupten vorerst das Gegenteil.

Marina Grande: ein Fischerboot am Ufer des Hafens.
Marina Grande: ein Fischerboot am Ufer des Hafens.

Was an der Marina Grande ausgeschenkt wird

Die Einheimischen greifen zum Limoncello Spritz: Limoncello, Prosecco und Sprudelwasser. Der Stil selbst ist eine gesamtitalienische Mode der letzten Jahre, die Zutat aber stammt tatsächlich von hier - die Zitronen von den Terrassen um Sorrent tragen die geschützte geografische Angabe IGP und landen im Likör ebenso wie im Dessert Delizia al limone. Der zweite Drink auf der Karte, der Bellini aus Pfirsichsaft und Prosecco, ist vom anderen Ende des Landes ans Meer gezogen: Gemixt wurde er 1948 in Harry's Bar in Venedig, und seinen Namen bekam er nach dem Maler Giovanni Bellini, weil den Barmann das Getränk an das Rosa seiner Bilder erinnerte. Mit den Fischern hat der Bellini also nicht das Geringste zu tun, am Wasser hält ihm das aber niemand vor. Der Aperitif ist in Italien ohnehin ein eigenes Kapitel des Tages: Man trinkt ihn vor dem Abendessen, langsam, dazu ein Schälchen Oliven oder ein paar Salzcracker, und niemand schaut auf die Uhr. Und wenn es in der Nonna Emilia voll sein sollte, ist das kein Drama - Lokale gibt es an der Uferpromenade mehrere, und den Ausblick teilen sie sich.

Marina Grande: reges Treiben am Morgen auf dem Hafenplatz.
Marina Grande: reges Treiben am Morgen auf dem Hafenplatz.

Ein Aperitif, der sich in die Länge zog

Zur Bar Nonna Emilia kamen wir bei einem Spaziergang durch Sorrent im April. Die Sonne wärmte schon ordentlich, ringsum war es ruhig, und vom Tisch aus ging der Blick aufs Meer, auf den Hafen und auf die Fischer bei ihren Netzen; die Zeit läuft an diesem Wasser schneller, als es zu dieser Ruhe passen würde. Der Limoncello Spritz war eiskalt, zitronig herb und gerade so süß, dass man ihn langsam trinken konnte; der Bellini daneben war dagegen pfirsichsüß bis zum Anschlag. Beide Drinks kosteten gleich viel, je 7 EUR. Die Fischer unter uns flickten an diesem Nachmittag wer weiß wie viele Maschen. Wir schafften mehrere Drinks. Ich werte das als Unentschieden.

Nonna Emilia

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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