Delizia al limone: das Zitronendessert aus Sorrent und Amalfi
Vierundzwanzig Kilometer. So lang ist die Küstenstraße von Sorrent nach Amalfi, und weil man auf ihr mehr kurvt als fährt, dauert die Fahrt gut anderthalb Stunden. Das reicht für zwei verschiedene Zitronen, drei Ansprüche auf den Limoncello und ein Dessert, das auf der einen Seite der Berge geboren wurde und auf der anderen reich geworden ist.
Delizia al limone ist ein Dessert der kampanischen Küche aus zwei Biskuithalbkugeln, die mit Zitronencreme zusammengesetzt, mit Limoncello-Sirup getränkt und mit einer dicken Zitronenglasur übergossen werden - man isst sie kalt und mit dem Löffel, und die Glasur ist keine Zuckerkruste, sondern eine weitere Schicht Creme.

Warum die Delizia nicht Seufzer heißt
Delizia bedeutet Wonne oder Leckerbissen, und in italienischen Konditoreien nennt man so ziemlich jedes kleine gefüllte Törtchen, ob mit Schokolade oder mit Nuss. Das mit der Zitrone hätte allerdings beinahe anders geheißen: Der Familienlegende des Sorrentiner Restaurants Antico Francischiello zufolge stritten sich der Konditor und sein Bruder eine Woche lang zwischen sospiro al limone, dem Zitronenseufzer, und delizia al limone, bis der Besitzer Don Peppino Gargiulo die Sache nach dem ersten Löffel entschied: Das ist kein Seufzer, das ist eine Delizia. Entstanden ist das Dessert in Sorrent, heute nimmt es die ganze Küste Kampaniens für sich in Anspruch - die Sorrentiner Halbinsel, die Amalfiküste und Neapel, wo Reiseseiten es gern als alte neapolitanische Tradition ausgeben. Der Rest Italiens verkauft es als Import aus dem Süden.
Wer die Delizia in Sorrent erfunden hat und worin er den Biskuit vorher tränkte
Kein "seit jeher": Das Dessert hat einen Erfinder, einen Namen und ein Jahr. Der Sorrentiner Konditor Carmine Marzuillo stellte es 1978 beim nationalen Kochkongress in Formia vor und nahm eine Medaille mit nach Hause, obwohl er offiziell gar nicht am Wettbewerb teilnahm. Den Biskuit hatte er bis dahin in den Likör Strega getaucht; Limoncello war damals eher ein hausgemachter Likör, der auf der Halbinsel gerade erst in den Verkauf kam, und Marzuillo probierte ihn aus Neugier im Sirup aus. Eine neapolitanische Tageszeitung behauptet deshalb, es sei das Dessert gewesen, das den Limoncello groß gemacht habe, und nicht umgekehrt. Bruder Alfonso, Küchenchef bei Francischiello, setzte die Delizia auf die Speisekarte und verbreitete sie in den Achtzigerjahren über die Gäste des Restaurants auf der ganzen Halbinsel; 1996 erklärte die Akademie der italienischen Konditormeister sie zum Symbol der Küste. Bei Jahr und Medaille gehen die Überlieferungen auseinander - Marzuillo selbst sprach in einem späten Interview von den frühen Siebzigerjahren und von Silber - und das handgeschriebene Rezept soll die Familie Gargiulo bis heute hüten. Marzuillo starb mit neunundachtzig Jahren als Cavaliere der Italienischen Republik, was für den Erfinder eines einzigen Törtchens eine ordentliche Karriere ist.
Woraus die Zitronenkuppel besteht und wie man sie isst
Die Hauptrolle spielt die Zitrone, und an dieser Küste bewerben sich dafür gleich zwei. Sorrent hat die rundliche ovale di Sorrento mit dicker, aromatischer Schale, Amalfi die längliche, spitz zulaufende sfusato amalfitano mit weniger saurem Saft, und jede Konditorei greift zu ihrer eigenen; das IGP-Siegel erhielten beide Sorten erst über zwanzig Jahre nach der Erfindung des Desserts, Marzuillo arbeitete also schlicht mit Zitronen aus dem Garten. Schale und Saft gehen in die Creme, in den Sirup zum Tränken des Biskuits und in die Glasur, die in Wahrheit eine dünnere Version derselben Creme ist - deshalb glänzt die Kuppel und gibt unter dem Löffel nach, statt zu brechen. Getränkten Biskuit kennt jeder, der schon einmal beim Konditor einen Punschkrapfen gekauft hat; hier treten an die Stelle von Rum und rosa Glasur der Limoncello und die Farbe der Butter. Obendrauf ein Tupfen Schlagsahne, kandierte Zitronenschale, mancherorts eine Walderdbeere oder ein Schokoladentäfelchen.
Die Delizia isst man zum Abschluss des Mittagessens oder zum Espresso am Nachmittag, immer gut gekühlt, in der Konditorei als einzelne kleine Kuppel, zu Festen als ganze Torte zum Anschneiden. Eine frische erkennst du an der Glasur: Sie soll glatt und glänzend sein, nicht angetrocknet und nicht rissig, und der Biskuit darunter getränkt, aber nicht matschig. Wer in Sorrent und in Amalfi denselben Geschmack erwartet, bekommt eine kleine Lektion in Pomologie: andere Zitrone, andere Delizia.

Ein Dessert an der Piazza Duomo in Amalfi
Ich habe die Delizia in Amalfi gegessen, in der Konditorei Pansa am Platz unterhalb der Domtreppe. Den Betrieb führt hier die fünfte Generation der Familie, und den Blick vom Tischchen auf die alten Häuser ringsum bezahlt man über die Rechnung mit: das Dessert kostete 6 EUR, der Kaffee 3 EUR. Der Korpus war kühl und saftig, der Biskuit gab den Limoncello erst beim zweiten Bissen frei, die Creme war saurer, als ich es von einer weißen Glasur erwartet hätte, und das Schokoladentäfelchen mit dem Aufdruck Pansa 1830 Amalfi habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben - die Konditorei trägt diese Jahreszahl zu Recht, das Dessert darunter ist allerdings fast hundertfünfzig Jahre jünger. Amalfi selbst hat mich eher enttäuscht: Auf einem kleinen Stück Küste drängen sich zu viele Menschen auf einmal. Für 9 EUR sind wir ins Schnellboot nach Positano gestiegen - es fährt wirklich schnell, und die Wellen entscheiden, ob daraus ein Erlebnis wird oder eine Probe für den Magen; wer es darauf nicht ankommen lassen will, nimmt die langsamere Fähre.