Tain-l'Hermitage: ein Winzerdorf an der Rhône
Tain-l'Hermitage ist ein Winzerdorf am Ufer der Rhône, keine Stunde mit dem Zug von Lyon entfernt, und der Granithügel direkt über seinen Dächern trägt die Appellation Hermitage - 135 Hektar, die zu den berühmtesten Weinadressen Frankreichs gehören.

Der Einsiedler, der dem Hügel seinen Namen gab
Den Namen erklärt eine Legende aus der Zeit der Kreuzzüge: Der Ritter Gaspard de Stérimberg kehrte 1224 vom Feldzug gegen die Katharer heim, zog sich auf den Hügel über dem Fluss zurück und baute dort bis an sein Lebensende Reben an. Nach seiner Einsiedelei - französisch ermitage - sind der Hügel, der Wein und der Beiname des Dorfes darunter benannt. Eine Urkunde dazu gibt es keine, es ist schlicht eine Legende, doch die Jahreszahl 1224 kehrt im Tal mit der Verlässlichkeit eines Kalenders wieder. Das H am Anfang fügten erst im 19. Jahrhundert englische Händler hinzu, damals die größten Abnehmer der dortigen Fässer, die sich mit Ermitage ohne H schwertaten. Es setzte sich durch; auf den Etiketten begegnen dir bis heute beide Formen.

Der berühmteste Name, der fast kleinste Hügel
In der Weinlandschaft der nördlichen Rhône ist Hermitage ein Paradox. Der berühmteste Name der Gegend gehört dem fast kleinsten Gebiet: Die Appellation Crozes-Hermitage, die den Hügel von allen Seiten umschließt, ist rund zehnmal größer. Weiter flussaufwärts liegt Côte-Rôtie, und die Frage, welcher der beiden Weine der größere ist, lassen die Fachleute offen - Hermitage hat Kraft und jahrzehntelanges Reifepotenzial, Côte-Rôtie die Feinheit. Das Rückgrat aller dortigen Rotweine ist die Rebsorte Syrah, die Weißweine basieren auf Marsanne und Roussanne. Und Marsanne hat eine zweite Heimat im Schweizer Wallis, wo sie offiziell unter dem geborgten Namen Ermitage verkauft wird - wer dort eine Flasche mit diesem Aufdruck kauft, hält einen Schweizer Weißwein in der Hand, in dem keine einzige Traube von der Rhône steckt.
Das Prestige ist dabei keine Erfindung des modernen Marketings. Als der Önologe André Jullien 1816 die besten Weinberge der Welt klassifizierte, stufte er Hermitage bei Rot- und Weißwein zugleich in die erste Klasse des französischen Weins ein - die berühmte Klassifikation von Bordeaux gab es damals noch gar nicht. Die Herkunft der Syrah ist dagegen ein frisch umgeschriebenes Kapitel: Drei romantische Legenden - die Rebe hätten die Phönizier aus Persien mitgebracht, die römischen Legionen, oder ein heimkehrender Kreuzritter direkt auf den Hügel Hermitage - fegte 1998 ein einziger DNA-Test hinweg. Die Eltern der Syrah sind zwei unscheinbare Sorten aus den umliegenden Landstrichen; der Kreuzritter mit der Rebe in der Satteltasche hat seine Rolle damit verloren.


Gratis verkosten und mit dem Bähnchen in die Weinberge
Das Dorf unter dem Hügel hat knapp sechstausend Einwohner und eine Dichte an Weinläden, um die sie manche Kreisstadt beneiden würde. Die kleineren Winzer haben sich 1933 in der Genossenschaft Cave de Tain zusammengeschlossen, die heute 260 Mitglieder zählt und auch die Nachbarappellationen abfüllt; ein paar Schritte weiter sitzt das Haus M. Chapoutier, dem rund ein Viertel des Hügels gehört, das biodynamisch arbeitet und seine Etiketten auch in Brailleschrift druckt. In beiden wird gratis und ohne Anmeldung verkostet - ein bisschen wie an den Probiertischen im Supermarkt, nur bekommst du statt eines Käsewürfels auf dem Zahnstocher ein Glas Wein aus der obersten Preisklasse. Ein Tipp für Sparfüchse: Der Crozes-Hermitage derselben Winzer trägt dieselbe Handschrift und kostet spürbar weniger.
Dörfer, die der Wein berühmt gemacht hat, gibt es in Frankreich mehrere - Saint-Émilion gehört zur selben Familie - aber nur wenige sind so unaufgeregt geblieben. Direkt vom Dorf aus führt ein markierter Spazierweg durch die Weinberge, im Sommer fährt ein Touristenbähnchen auf den Hügel.


Mit dem Samstagszug von Lyon
Nach Tain-l'Hermitage bin ich mit dem Zug aus Lyon gefahren: direkte Verbindung, knapp eine Stunde Fahrt und eine Rückfahrkarte im Samstagsangebot für 20 EUR, die den ganzen Tag über für alle Züge derselben Zuggattung galt. Ausländische Touristen habe ich erst in den größten Weingütern getroffen; zwischen den Rebzeilen und in den Gassen herrschte eine Ruhe, wie man sie bei berühmten Namen selten findet. Verkostet habe ich bei Cave de Tain und bei Chapoutier, wo am Ende eine Flasche Monier de la Sizeranne in meiner Hand landete, und überall wechselte das Personal bereitwillig ins Englische. Der Hermitage war dicht und pfeffrig, mit einem Tannin, das es nicht eilig hatte. Für den ganzen Tag zwischen den Weinbergen habe ich so nur eine einzige Rechnung bezahlt: die für den Zug.
Tain-l'Hermitage