La Cité du Vin: Weinmuseum in Bordeaux
Das Gebäude am Ufer der Garonne sieht aus, als wäre es jemandem gelungen, die Bewegung anzuhalten: zehn Stockwerke aus goldschimmerndem Aluminium und Glas, zu einem einzigen Wirbel gedreht. Reiseführer und das halbe Internet nennen es einen Dekanter für Rotwein. Ich habe es auch so genannt. Die Architekten vom Büro XTU haben allerdings keinen Dekanter gezeichnet - sie sprechen vom Wein, der im Glas kreist, vom knorrigen Rebstock und von den Strudeln des Flusses, über dem das Haus steht.
La Cité du Vin ist ein interaktives Weinmuseum in Bordeaux - und mit Wein ist hier die ganze Welt gemeint, nicht nur die Keller, auf denen der Ruhm der französischen Küche beruht.

Warum es Cité heißt und von der ganzen Welt erzählt
Mit dem Wort cité bezeichnen die Franzosen nicht nur eine Stadt, sondern auch große Kulturkomplexe: Paris hat die Cité des Sciences für die Wissenschaft, Bordeaux hat dasselbe für den Wein gebaut. Dem Wort Museum gehen die Betreiber ohnehin aus dem Weg und beschreiben das Haus als Kultureinrichtung zwischen Museum und Themenpark. Wer hier einen Schrein für die örtlichen grand cru erwartet, wird überrascht sein - die Dauerausstellung auf dreitausend Quadratmetern behandelt Geschichte, Landschaften, Handwerk und Rituale des Weins von der Antike bis heute, und der Bordeaux-Wein ist in einem Museum, das Bordeaux größtenteils selbst bezahlt hat, nur eines von vielen Themen. Wer sich vor den Weinbergen selbst verneigen will, hat es von dort ohnehin nicht weit nach Saint-Émilion.
Durchgesetzt hat das Museum der langjährige Bürgermeister Alain Juppé; es sollte den Wandel des alten Hafenviertels Bacalan vorantreiben. Der Bau verschlang rund 81 Millionen Euro, zum großen Teil öffentliche Gelder, und im Mai 2016 wurde er von Präsident Hollande feierlich eröffnet. Der interessanteste Posten der Rechnung folgte allerdings erst nach der Bauabnahme: Die Stadt musste den Architekten weitere 600.000 Euro für die Urheberrechte nachzahlen, unter anderem am Abbild des Gebäudes, das sie selbst bezahlt hatte. Gelohnt hat sich die Investition trotzdem - seit der Eröffnung haben mehr als drei Millionen Menschen das Museum besucht, und mehr als die Hälfte der Besucher kommt aus dem Ausland.

Düfte unter Glasglocken und Videos kreuz und quer
Drinnen geht man nicht von Vitrine zu Vitrine, denn es gibt kaum welche. Rund zwanzig Stationen bedient man mit den Händen: an den Sinnestischen hebt man Glasglocken an und riecht, was alles im Wein stecken kann, und durch die Videos klickt sich jeder selbst, je nachdem, wohin die Geschichte ihn zieht. Das erinnert eher an ein Science Center als an eine Vinothek - alles darf man anfassen, beschnuppern und anklicken, und ich schätze, ein Kind unterhält das genauso zuverlässig wie einen Erwachsenen. Der Rundgang endet im achten Stock auf dem Belvedere in 35 Metern Höhe, wo ein Glas Wein im Eintrittspreis enthalten ist - zur Auswahl stehen mehr als fünfzehn Flaschen aus aller Welt.
La Cité du Vin ist zudem nicht der einzige Ort in Bordeaux, an dem es um den Wein geht: Im Viertel Chartrons sitzt seit 2008 das kleine Musée du Vin et du Négoce, das vor allem der Geschichte des Weinhandels gewidmet ist. Und die Idee machte in Europa Schule - Burgund eröffnete seine eigene Cité, gleich auf drei Städte verteilt, und Porto startete 2020 ein ganzes Museumsviertel namens World of Wine, dessen Macher aus dem Vorbild Bordeaux keinen Hehl machen. Die Eintrittskarte kauft man am besten vorab online. Der Eintritt ist außerdem im Bordeaux CityPass enthalten, der sich für alle lohnt, die mehr als einen Tag in der Stadt verbringen wollen.

Ein Glas im achten Stock
Im Museum habe ich einen Nachmittag verbracht, und am längsten haben mich genau diese Sinnestische aufgehalten: an all den Düften zu riechen, die im Wein auftauchen können, und Videos zu schauen, bei denen der Zuschauer selbst wählt, in welche Richtung sie weitergehen. Mein Glas vom Belvedere habe ich mit auf die Panoramaterrasse genommen, mit weitem Blick über die Stadt und über die Garonne. Der Einzeleintritt kostet 21 EUR. Und im Shop am Ausgang, bestückt mit einheimischen und internationalen Weinen in einer Auswahl, wie ich sie sonst nirgendwo gesehen habe, bin ich auf eine mährische Pálava vom Weingut Sonberk gestoßen. Das Museum führt durch alle Zivilisationen des Weins - und am meisten gefreut hat mich am Ende eine Flasche, die ich von zu Hause kenne.

La Cité du Vin