Le Tiroir: Lyoner Bistro mit dem Bib Gourmand des Guide Michelin
Die Türen der Lyoner Restaurants liest man wie einen Restaurantführer: Sterne, Jahreszahlen, Aufkleber. Le Tiroir hat auf seiner das runde Michelin-Männchen, das sich die Lippen leckt - und um es rankt sich ein Irrtum, dem die halbe Touristenschar aufsitzt: dass der Bib Gourmand so etwas wie ein halber Stern sei. Ist er nicht. Die Michelin-Inspektoren zeichnen damit eine eigene Disziplin aus: eine Küche, in der man hervorragend isst, ohne dass die Rechnung einen eigenen Absatz braucht.
Le Tiroir ist ein modernes Bistro im Viertel Vaise im Nordwesten von Lyon, das in dieser Disziplin mit einem Mittags- und einem Abendmenü der zeitgenössischen französischen Küche antritt - und den Bibendum trägt es seit 2021 an der Tür.

Was sich in der Schublade versteckt
Tiroir heißt Schublade, und das Lokal erzählt zu diesem Namen seine eigene Geschichte: Der Inhaber Rémi Charvet, der im Bistro für den Wein zuständig ist, versteckt in Schubladen angeblich Flaschen abseits der Karte und holt sie den Gästen zum Essen wie Schätze hervor. Die Erklärung stammt von der Website des Restaurants, glaub ihr also genauso, wie man einem Sommelier glaubt, wenn er den eigenen Keller lobt. Der Rest ist nüchterner belegt: eröffnet haben das Bistro im Dezember 2016 zwei Freunde nach ihrer Rückkehr von der Insel Réunion, die Räume an der Grande rue de Vaise hatten sie zuvor ein halbes Jahr lang umgebaut, und in der Küche hat heute Küchenchef Emmanuel Decloitre das Sagen. Die Karte richtet sich nach der Saison, das Menü wechselt regelmäßig.

Das Viertel, in dem Nudeln und Glühbirnen hergestellt wurden
Vaise liegt am rechten Ufer der Saône im neunten Arrondissement, und das Michelin-Männchen hätte hier vor gar nicht langer Zeit wie ein Druckfehler gewirkt. Das war ein Arbeiterviertel: Textilfasern von Rhodiacéta, Glühbirnen aus dem Werk Claude und die berühmten Nudeln von Rivoire et Carret. Als die Fabriken in den siebziger Jahren schlossen, verfiel das Viertel; seit der Jahrtausendwende wandelt es sich, und die Grande rue de Vaise ist heute zur Hälfte Fußgängerzone mit Buchhandlungen, Weinläden und Feinkostgeschäften. Die Mieten steigen in einem Tempo, das vor allem die Immobilienmakler freut.
Mit der traditionellen Lyoner Gastronomie solltest du Le Tiroir nicht verwechseln. Der Bouchon, das berühmte Lyoner Wirtshaus mit karierten Tischdecken, ist aus dem mâchon hervorgegangen - der deftigen Morgenmahlzeit der Seidenweber - und serviert bis heute Würste und Coq au vin, überwacht von einem eigenen Zertifizierungsverband. Le Tiroir gehört zu einer jüngeren Strömung, die in Frankreich Bistronomie heißt: gastronomischer Anspruch im Bistroformat und zu Bistropreisen. Neben Michelin behält diese Strömung auch der Restaurantführer Gault & Millau im Blick, und in Lyon gehören einige Lokale dazu - gegessen habe ich außer im Le Tiroir zum Beispiel auch im La Table 101.

Das Mittagsmenü vier-vier-vier
Die Mittagskarte hat etwa vier Vorspeisen, vier Hauptgänge und vier Desserts; daraus stellst du dir zwei Gänge für 20 EUR oder drei für 25 EUR zusammen. In Lyon ist das weder verdächtig billig noch überzogen - Mittagsmenüs kosten in den Bistros der Stadt üblicherweise zwischen 16 und 25 EUR. Beim Mittagstisch bei uns ist man es gewohnt, dass ein schnelles Mittagessen kleine Erwartungen bedeutet; hier zahlst du ähnlich, die Küche rechnet aber mit dir wie mit einem Abendgast. Mittags ist es meist voll; ohne Reservierung versuchst du es besser außerhalb der Stoßzeit.

Freitagsmittag an der Grande rue de Vaise
Mein Mittagessen im Le Tiroir sah so aus: Freitag, das Restaurant bis auf den letzten Platz besetzt und eine Bedienung, die sich zwischen den Tischen noch für ihr Englisch entschuldigte, obwohl es damit alles schnell und zuvorkommend erledigte. Bei den Vorspeisen gewann an unserem Tisch eindeutig die frittierte Kugel aus würzigem Saint-Marcellin mit Spinat - ein kräftiger, hervorragender Geschmack. Das Flank Steak vom Rind - ein Franzose schriebe auf die Karte bavette - kam zart auf den Tisch, dazu ein Sellerie-Meerrettich-Püree mit Erdnüssen und ein Parmesanchip; die Kombination hätte ich zu Hause nicht zusammengestellt, zum Fleisch passte sie aber. Das Rhabarberdessert mit Hibiskuseis, einer Creme aus Frischkäse und Mandelcrumble verschwand praktisch sofort vom Teller. Dazu eine Flasche Chapeau Melon 2020 von Jérémie Huchet, eine der günstigsten auf der Weinkarte, die bei rund 20 EUR beginnt - eine geheime Schublade brauchte es dafür nicht. Das Menü mit drei Gängen kostete 25 EUR. Ich ging mit dem Gefühl, dass sich diese Schublade auch ein zweites Mal zu öffnen lohnt.

Le Tiroir