La Table 101: Bistronomie im Lyoner Viertel Part-Dieu
Wer wegen des Essens nach Lyon fährt, kommt wegen der Bouchons - kleiner Lokale mit karierten Tischdecken, in denen Innereien auf den Tisch kommen; ein Erbe der Stadt, die der Kritiker Curnonsky schon 1935 zur Welthauptstadt der Gastronomie erklärte. Mein bestes Lyoner Mittagessen an einem Montag fand aber woanders statt: in einem Büroviertel, in das sich ein Tourist höchstens auf dem Weg zum Zug verirrt. La Table 101 ist ein kleines bistronomisches Restaurant der französischen Küche im Viertel Part-Dieu, ein paar Minuten von der Markthalle Les Halles de Lyon Paul Bocuse entfernt, an dessen Tischen sich mittags die Angestellten aus den umliegenden Büros ablösen. Und genau sie sind das zuverlässigste Urteil, das man mittags in einer fremden Stadt bekommen kann.

Was die Zahl 101 bedeutet und wer dahintersteht
Das Erste, was einem auffällt, ist die Zahl: eingestickt in die weiße Serviette, eingraviert in die Gläser. Wer darin eine Chiffre oder eine Anspielung auf Orwells Zimmer 101 sucht, sucht vergebens. Das Restaurant ist nach seiner Hausnummer benannt - es liegt in der 101 rue Moncey, und der Name wirkt damit eher wie ein Eintrag im Melderegister als wie ein Marketingeinfall. In einer Zeit, in der sich Lokale gern nach Großmüttern benennen, die es nie gegeben hat, ist das eine fast befreiende Ehrlichkeit.
In der Küche steht Olivier Delbergues, der durch die Lyoner Küchen von Christian Têtedoie und Nicolas Le Bec ging, bevor er im September 2012 die Räume des Restaurants L'Alternative übernahm und seine eigene Hausnummer über die Tür hängte. Das Lokal führt er von Anfang an zusammen mit seiner Frau Maryline - er am Herd, sie im Gastraum, und so läuft es dort bis heute. Gekocht wird nach Markt und Saison; das Lokal selbst beschreibt seine Küche als Bistronomie, also gastronomische Präzision ohne Zirkus drumherum.
Bib Gourmand: die zweite Währung des Guide Michelin
Die Sterne des Guide Michelin kennt jeder. Seit 1997 vergibt der Guide aber noch eine zweite Auszeichnung: den Bib Gourmand, benannt nach dem Maskottchen Bibendum. Ihn bekommen Lokale, in denen man außergewöhnlich gut und zu vernünftigen Preisen isst. La Table 101 zählt seit Langem zu den Lyoner Bibs: Das rote Schild mit der Jahreszahl 2022 hing schon bei meinem Besuch neben der Tür, im Guide ist das Lokal bis heute gelistet (Stand September 2026), und auch der konkurrierende Gault & Millau erwähnt es.

Wie das Mittagessen hier aussieht
Das Mittagsangebot kommt als Formule: Vorspeise und Hauptgang, oder Hauptgang und Dessert, wahlweise auch alle drei mit Käse obendrein. Die Formule ist die französische Cousine unseres Mittagsmenüs - dieselbe mittägliche Völkerwanderung, nur wählt man statt Suppe und Tagesgericht aus Gängen, die sich nach dem Einkauf auf dem Morgenmarkt richten. Kurz nach der Bestellung landet ein Amuse-Bouche auf dem Tisch - ein Gruß aus der Küche, den man weder bestellt noch bezahlt. Geöffnet ist nur werktags, auch montags, wenn andere Lokale oft geschlossen haben. Der Mittagsservice dauert kaum länger als eine Stunde, am sichersten kommt man also gleich zu Beginn - auf das Mittagsmenü setzt hier nämlich das ganze Viertel.

Menu affaire am Montag mit Soufflé gegen Aufpreis
Wir kamen an einem Montagmittag: Die meisten Tische waren von Leuten in Hemden besetzt, ein paar blieben frei. Die Chefin - allem Anschein nach Maryline Delbergues - begrüßte uns freundlich, das Personal wagte sich danach nur mit sichtbarer Scheu ans Englische. Zur Wahl standen zwei Vorspeisen und zwei Hauptgänge. Das Amuse-Bouche kam als Kartoffel-Pilz-Creme mit geräuchertem Fisch und einem Löffelchen am Glasrand, der marinierte Lachs Gravlax mit Quinoa hätte von der Portion her als Hauptgang durchgehen können. Der pochierte Fisch vom Morgenmarkt hatte eine knusprige Haut, und beide Hauptgerichte verband derselbe Vorzug: die Saucen - eine sahnige mit Thymian und Zitrone beim Fisch, eine dunkle beim Kaninchen mit Süßkartoffeln und Shiitake-Pilzen.



Bei den Desserts war die Rollenverteilung klar: Der Teller mit frischem und gegartem Obst, Eis und einem süßsauren Saft erfrischte, das Soufflé mit Schokoladenblättchen zeigte, warum dieses Dessert als Prüfung für eine Küche gilt - es kam hoch, luftig und nicht zusammengefallen. Die Formule mit zwei Gängen und einem Glas Wein kostete 22,50 EUR, drei Gänge 28 EUR, und die Rechnung für den ganzen Tisch blieb bei 105,50 EUR stehen. Den Bib Gourmand hat sich das Lokal bei mir bis zum letzten Bissen verdient.



La Table 101