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Türkischer Wein

Dan Špaňhel Türkei Aktualisiert Keine Kommentare

Wenn von der Türkei und Alkohol die Rede ist, denken die meisten sofort an klirrende Gläser mit anisschwerem Raki an einem Tisch, der sich unter den Schälchen mit Meze biegt - oder vielleicht an eine beschlagene Flasche Efes-Bier am Strand von Antalya. Der Wein kommt meist erst an dritter Stelle, und das ist paradox, denn ausgerechnet Anatolien gilt historisch als eine der Wiegen des Weinbaus. Reben wachsen hier seit Jahrtausenden, lange bevor die ersten Stöcke im Bordeaux oder in der Toskana standen.

Türkischer Rotwein: eine Cuvée aus den Rebsorten Çal Karası und Shiraz.
Türkischer Rotwein: eine Cuvée aus den Rebsorten Çal Karası und Shiraz.

Die Türkei ist ein riesiges Land mit einem unglaublich vielfältigen Terroir, und das schmeckt man den Weinen an. Es gibt keinen einheitlichen Stil, eher ein Mosaik, das vom Klima geprägt wird - von mediterraner Hitze bis zu rauen kontinentalen Bedingungen im Landesinneren. Die wichtigsten Weinbaugebiete verteilen sich über das ganze Land, ein paar davon stechen heraus. Thrakien auf der europäischen Seite am Marmarameer ist wohl das bekannteste und am leichtesten zugängliche. Dank der Nähe zum Meer und des milderen Klimas gedeihen hier internationale Sorten wie Cabernet Sauvignon oder Merlot, die allerdings einen eigenen, würzigeren Zug bekommen. Die Ägäisregion rund um Izmir und Denizli bringt dagegen etwa die Hälfte des gesamten türkischen Weins hervor. Es ist warm, doch die Weinberge liegen oft in größeren Höhen, was den Trauben hilft, Säure und Frische zu behalten. Und dann ist da noch Kappadokien in Zentralanatolien. Vulkanboden, heiße Sommer und eisige Winter bringen dort Weine mit ausgeprägter Mineralität und festem Gerüst hervor, die man mit nichts anderem verwechselt.

Türkischer Weißwein: eine Cuvée aus den Rebsorten Emir und Chardonnay.
Türkischer Weißwein: eine Cuvée aus den Rebsorten Emir und Chardonnay.

Die Türkei hat Hunderte heimischer Rebsorten, aber nur einige Dutzend werden kommerziell angebaut. König der Rotweine ist die Sorte Öküzgözü. Der Name bedeutet übersetzt "Ochsenauge" und spielt auf die Größe und die dunkle Farbe der Beeren an. Sie ergibt mittelkräftige Weine mit viel saftiger roter Frucht wie Kirschen oder Himbeeren und einer angenehmen Säure, die sie zum perfekten Begleiter für Lammfleisch oder Auberginengerichte macht. Oft wird sie mit einer weiteren autochthonen Sorte verschnitten, mit Boğazkere. Boğazkere hat massive Gerbstoffe, ist rau und dunkel und braucht Zeit, um weicher zu werden. Unter den weißen Sorten lohnen sich Narince aus der Region Tokat, die an einen fülligeren Chardonnay mit Zitrus- und Weißblütennoten erinnert, und Emir aus Kappadokien, ein frischer, mineralischer Wein, der hervorragend zu Fisch oder frittierten Calamari schmeckt.

Wein gilt in der Türkei eher als Getränk der städtischen Mittel- und Oberschicht und gehört meist zum Abendessen im Restaurant. Verglichen mit den europäischen Weinnationen ist der Verbrauch verschwindend gering. Ein Türke trinkt im Schnitt nur rund einen Liter Wein im Jahr, ein Franzose oder Italiener kommt auf Dutzende Liter. Das liegt teils an kulturellen und religiösen Einflüssen, teils aber auch an der hohen Besteuerung von Alkohol, die guten Wein zu einer ziemlich teuren Angelegenheit macht. Trotzdem wächst das Interesse, vor allem bei der jüngeren Generation in Istanbul und Izmir, wo moderne Weinbars aufmachen und die Leute genauer wissen wollen, woher das kommt, was in ihrem Glas landet.

Türkischer Rotwein: Kalecik Karası.
Türkischer Rotwein: Kalecik Karası.

Türkische Weine mit der europäischen Konkurrenz zu vergleichen, ist heikel. Bei der Produktionsmenge kann die Türkei nicht mithalten. Während Frankreich und Spanien jedes Jahr Millionen Hektoliter ausstoßen und ihre Weine von Alaska bis Australien in jedem Supermarkt stehen, ist türkischer Wein auf dem Weltmarkt eine Rarität. Qualitativ nähern sich die besten türkischen Weingüter wie Kavaklıdere, Doluca, Kayra oder kleinere Boutique-Betriebe wie Vinkara und Chamlija dem europäischen Standard aber beherzt an. Sie scheuen keine Investitionen in moderne Technik, holen sich Berater aus Frankreich oder Italien und experimentieren.

Das Problem des türkischen Weinbaus bleiben Marketing und Gesetzgebung. Im Land gelten strenge Werbebeschränkungen für Alkohol, was den Winzern auf dem heimischen Markt die Hände bindet. Öffentliche Verkostungen können sie nicht so frei veranstalten wie in Europa, und der Onlineverkauf ist kompliziert. Das zwingt sie, sich auf Export und Qualität zu konzentrieren.

Wenn dich also auf deiner Reise durch die Türkei die Lust auf einheimischen Wein packt, probier ihn ruhig. Du bekommst ein ehrliches Stück Geschichte und Handwerk ins Glas - und wirst vermutlich überrascht sein, wie selbstverständlich und mühelos es türkisches Essen begleitet.

Zum Wohl - und trink mit Maß!

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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