Camden Market: der Londoner Markt mit Punkseele
Ins größte Gebäude des Camden Market kam man früher hinkend. Es war einmal ein Pferdehospital: Noch vor dem Zweiten Weltkrieg gingen hier jährlich über 800 Patienten mit Hufen ein und aus, die Lieferkarren durch die Stadt und Lastkähne auf dem Kanal zogen. Heute verkauft man in denselben Ställen und Tunneln Lederjacken und Curry aus aller Welt.
Camden Market ist der Sammelname für sechs benachbarte Marktbereiche am Regent's Canal in Camden Town und einer der größten Märkte des Vereinigten Königreichs.

Sechs Märkte an einer Schleuse
Der Name kommt vom Wasser: Camden Lock ist die Schleuse am Regent's Canal, und der Markt, der neben ihr entstand, hat sich seinen Namen von ihr geliehen. Nach und nach kamen weitere dazu - die ehemaligen Ställe, eine neue Halle am Kanal und der Konzertsaal Electric Ballroom -, bis heute sechs von ihnen unter einer gemeinsamen Marke laufen. In London gibt es Dutzende Märkte, und jeder große kann eine Sache besonders gut: Auf den Borough Market geht man wegen des Essens, auf die Portobello Road wegen der Antiquitäten, auf den Broadway Market wegen des Samstags unter Nachbarn. Camden ist der Einzige, der sich auf etwas spezialisiert, das man nicht in die Tasche packen kann: auf alternative Kultur - und zieht damit eine Viertelmillion Besucher pro Woche an. Trotzdem klagten die Betreiber in der Lokalzeitung, an der Schleuse sei es zu voll und man brauche mehr Leute. Beide Sätze standen in ein und demselben Zeitungsartikel.

Vom Pferdehospital zum Punk
Die Ställe baute Mitte des 19. Jahrhunderts das Transportunternehmen Pickfords für Pferde, die Waren durch die Stadt fuhren und Lastkähne auf dem Kanal zogen; in Spitzenzeiten standen hier über vierhundert, und sie hatten ein eigenes Hospital mit Gurten, in die man ein verletztes Pferd hängte, damit es die Beine entlasten konnte. Wer den Markt im ehemaligen Prager Schlachthof in Holešovice kennt, erkennt das Prinzip: Zieht die Industrie aus, ziehen die Stände ein. Der Kanalverkehr starb langsam aus, und am 30. März 1974 eröffneten zwei Jugendfreunde auf einem heruntergekommenen Holzhof an der Schleuse einen Markt: sechzehn Stände mit Antiquitäten und Kunsthandwerk, nur sonntags. Zwei Jahre später spielten die Ramones ein Konzert im nahe gelegenen Roundhouse - heute gilt es als der Moment, in dem in Camden der Punk explodierte -, und die Ställe, in die man früher Pferde führte, besetzten Nietenjacken und Gothic-Kleider. Nur der Ordnung halber: Der Punk war nicht allein, durch dasselbe Viertel zogen auch Ska, Reggae, New Wave und Goth. Zur Uniform gemacht hat ihn aber ausgerechnet Camden.

Der Spielplatz von Amy Winehouse
Dass Amy Winehouse direkt am Markt gewohnt habe, liest man an vielen Stellen. In Wirklichkeit sieht es etwas anders aus: Sie lebte am Camden Square, etwa anderthalb Kilometer vom Markt entfernt, und nannte Camden Town ihren Spielplatz. Am nächsten hatte sie es zum Pub The Hawley Arms, dem ein Brand im Jahr 2008 den hinteren Gebäudeteil nahm - die Stammgäste holten ihn damals mit einer Spendenaktion zurück. Drei Jahre nach dem Tod der Sängerin, an ihrem 31. Geburtstag, den sie nicht mehr erlebte, enthüllte man im Stables Market ihre lebensgroße Bronzestatue. Ans Handgelenk hängen ihr die Fans bis heute Armbänder.

Was ich auf dem Markt gegessen und getroffen habe
Essen kann man in Camden fast alles: Die Stände wechseln zwischen italienischen Klassikern, afrokaribischen Grills und Delikatessen aus dem Nahen Osten, und auch die britische Küche hat hier ihre Vertreter. Die Stände locken mit ausgestellten Portionen, du siehst also genau, was du für dein Geld bekommst, und die meisten Gerichte kosten um die acht Pfund - weniger, als du in der Londoner Innenstadt ausgibst; mit Karte zahlst du praktisch überall. Rechne damit, dass die Stände erst gegen halb zwölf öffnen, und wer den Markt auch nach Einbruch der Dunkelheit erleben will, kommt am besten donnerstags, wenn bis in den Abend verkauft wird.

Ich habe hier auch gegessen und bin ehrlich: Das Essen hat mich in keiner Weise überzeugt, und deshalb bleibt der Camden Market für mich ein Gastro-Tipp mit Vorbehalt - du wirst schnell satt und zahlst (für Londoner Verhältnisse) keinen überzogenen Preis, aber wegen des Geschmacks würde ich nicht wiederkommen. Wegen allem anderen schon. Der Duft der Grills unter dem Ziegelgewölbe, die Statue mit dem Handgelenk voller Armbänder - und auf dem Weg vom Markt ein Punk mit rosa Irokesenschnitt und tätowiertem Gesicht. Ich habe ihn fotografiert, und das ist das beste Souvenir, das ich aus Camden mitgenommen habe. Der Markt an der Schleuse verkauft vieles - am besten aber verkauft er sich selbst.

Camden Market