Borough Market: der bekannteste Lebensmittelmarkt Londons
An der weißen Ziegelwand hängt ein gemaltes Schild mit einer Lichterkette: Established 1756. Das sieht nach einer ordentlichen Geburtsurkunde aus, nur hat das Parlament den Markt genau 1756 aufgehoben. Gehandelt wird hier mindestens seit 1014 - das Schild sagt also nicht, wann der Markt entstanden ist, sondern wann er zum letzten Mal gegen die Behörden verloren hat. Und diese Niederlage war Gold wert.
Der Borough Market ist ein Lebensmittelmarkt am Südende der London Bridge: handwerklich hergestellter Käse, Sauerteigbrot, Wurstwaren und heißes Essen aus der halben Welt unter viktorianischem Gusseisen, die große Bühne der britischen Küche und all dessen, was sich das Vereinigte Königreich anderswo abgeschaut hat.

Was Borough bedeutet und warum das Parlament den Markt aufhob
Der Name des Marktes ist ein Torso. Vollständig lautete er Borough of Southwark, die Wurzel steckt im altenglischen burh, dem befestigten Ort - so nannte man die Siedlung, die das Südende der Brücke bewachte. Southwark war im Mittelalter der einzige Londoner Borough außerhalb der Mauern der City, und die City behandelte ihn entsprechend: Schon im 13. Jahrhundert verbot sie ihren Bürgern, auf den hiesigen Märkten einzukaufen, weil die ihr als Konkurrenz über den Kopf gewachsen waren. Von der ganzen Herrlichkeit blieben ein halbes Wort und eine U-Bahn-Station.
Das Verbot hat den Markt nicht gestoppt, das schaffte erst der Verkehr. Mitte des 18. Jahrhunderts verstopften die Stände die einzige Zufahrtsstraße zur London Bridge so hoffnungslos, dass das Parlament den Markt 1756 per Gesetz aufhob. Die Anwohner legten aber zusammen, kauften ein Stück weiter für 6.000 Pfund ein Grundstück namens The Triangle und eröffneten ihren eigenen Markt - verwaltet als Trust der Gemeinschaft und laut Gründungsurkunde "auf ewig". Das Gesetz, das den Markt erledigen sollte, sicherte ihm damit die Ewigkeit. Das Schild an der Fassade hat sich aus der ganzen Geschichte nur dieses eine Datum herausgesucht.

Züge über den Köpfen und ein zweiter Frühling
Seine heutige Gestalt gaben ihm die Viktorianer: gusseiserne Säulen, verglaste Dächer und ein Eisenbahnviadukt, das schnurstracks mitten über den Markt führt, sodass über dem Käse bis heute die Züge rattern. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts zog der Großhandel vor die Stadt, und der Markt dümpelte vor sich hin. Wiederbelebt hat ihn erst das dreitägige Foodfestival Food Lovers' Fair, das die Journalistin Henrietta Green hier im November 1998 veranstaltete - es kamen über dreißigtausend Menschen, und die Verwaltung baute den Markt auf den Einzelhandel mit handwerklich erzeugten Lebensmitteln um. Aus der einmaligen Veranstaltung wurde ein monatlicher Markt, dann ein wöchentlicher, heute ist sechs Tage die Woche geöffnet.
Unter den Londoner Märkten ist der Borough derjenige, bei dem sich alles ums Essen dreht: Camden verkauft Musik und Souvenirs, Portobello Antiquitäten, hier duftet es nach Brot, Käse und Essen auf die Hand. Die Besucher zerfallen laut Marktverwaltung in zwei Lager - die einen tragen die Zutaten nach Hause, die anderen sind gleich zum Essen gekommen. Die Lichterketten über den Ständen geben dem Ort den Charakter eines Jahrmarkts aus der Kindheit, nur duften hier statt Lebkuchenherzen die Sauerteiglaibe, die man in Pfund bezahlt. Nach Kulissen hat hier übrigens auch das englische Kino gesucht: Bridget Jones' Wohnung liegt über einem Pub direkt auf dem Gelände, und der Tropfende Kessel aus Harry Potter stand eine Gasse weiter.

Montag nicht, Samstag mit Bedacht
Montags ist geschlossen, den Sonntag hat sich der Markt erst vor Kurzem gegönnt. Am ruhigsten ist es hier dienstags und mittwochs früh am Morgen, oder samstags gleich nach neun, bevor der Rest von London aufwacht.

Immer wenigstens für einen Moment
Nach London komme ich gern zurück, und mit den Märkten bin ich im Reinen: Menschenmengen ermüden mich, also steuere ich eher den kleineren und ruhigeren Broadway Market in Hackney an. Nur endet es jedes Mal gleich, wenn ich an der London Bridge vorbeikomme: Am Borough Market halte ich wenigstens für einen Moment an. Wegen des Schildes mit der trickreichen Jahreszahl, wegen der Züge über den Köpfen und wegen des Zaubers, der den kleineren Märkten fehlt. Der Broadway Market ist angenehmer. Der Borough Market ist der Borough Market.
Borough Market