Colaci: zu einem Ring geflochtene Ritualbrote
Im Supermarkt Nr. 1 in Chișinău stehen zwischen den Regalen mit ganz gewöhnlichem Brot Weidenkörbe, und darin glänzen geflochtene Kränze aus Teig. Ich habe mir einen gekauft; was ich da eigentlich mitgenommen hatte, habe ich erst später herausgefunden. Colaci (Singular Colac) sind Hefebrote aus Weizenmehl, die aus Teigsträngen zu einem Ring geflochten werden - das Ritualgebäck der moldawischen Küche und des ganzen rumänischsprachigen Raums. Der Kranz aus dem Regal ist nur ein gezähmter Ableger einer Familie von Broten, die man zu Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen trägt und mit denen man die Sänger beschenkt, die zu Weihnachten von Haus zu Haus ziehen.

Vom Rad zur Kolatsche: die Familie, zu der der Colac gehört
Der Name stammt aus dem Altkirchenslawischen: kolačĭ, abgeleitet von kolo, dem Rad. Das Rumänische hat dabei gleich den Plural entlehnt - colaci spricht man [kolatsch], also fast genau wie das slawische Original - und den Singular Colac erst nachträglich dazu gebildet. Damit gehört der Colac zu einer weitverzweigten Familie von Gebäcken, die nach dem Kreis benannt sind: Zu ihr gehören die tschechische Kolatsche, der polnische Kołacz, der ungarische Kalács sowie der ukrainische und der russische Kalatsch. Jedes Familienmitglied ist seinen eigenen Weg gegangen: Die tschechische Kolatsche ist geschrumpft und hat eine Füllung bekommen, der ungarische Kalács ist süßer geworden, und der russische Kalatsch ist zum Straßengebäck geworden.
Brot von der Wiege bis zur Bahre
Den Colac kennt man in der ganzen rumänischen Küche, von Maramureș bis ins Banat, und die schriftlichen Spuren reichen mindestens bis ins Jahr 1653 zurück; populäre Websites packen gern gleich noch die Daker und einen Sonnenkult obendrauf, doch das ist eine Legende ohne Quellen. Belegt ist etwas Wertvolleres: Der Colac begleitet den Menschen durch sein ganzes Leben - zur Taufe bringt man ihn den Paten, bei der Hochzeit wird er über dem Kopf gebrochen, bei der Beerdigung mit einer brennenden Kerze verteilt, und die Sänger bekommen ihn zu Weihnachten als Dank für ihr Lied, zusammen mit den Crăciunei in Form einer Acht. Am weitesten trieb man es im Süden Moldawiens: Im Dorf Văleni bei Cahul wurden für eine Hochzeit zwölf Colaci gebacken, jeder mit eigenem Namen - einer für die Braut, einer für die Schwiegermutter, sechs für die Trauzeugen. Der Tanz mit dem Colac der Braut, den der erste Brautführer am Ende unter den Hochzeitsgästen bricht und verteilt, steht im nationalen Register des immateriellen Kulturerbes.
Zwei Teige, vier Stränge
Im Grunde gibt es zwei Teige. Colaci für Beerdigungen und für das Supermarktregal backt man aus einem Fastenteig: Mehl, Wasser, Hefe, eine Prise Zucker. Hochzeitsbrote und die Brote für die Trauzeugen bekommen Milch, Eier und Butter - manche Bäckereien backen sie gleich aus Cozonac-Teig -, dazu Schmuck: aus Teig ausgestochene Rosen, Ähren und Blätter, bei Hochzeiten sogar frische Blumen. Geflochten wird aus zwei bis vier Strängen - die Technik selbst kennt man vom gewöhnlichen Hefezopf, hier wird der Zopf nur zu einem Ring gelegt. Große Ritualbrote wiegen bis zu dreieinhalb Kilo und werden zwei, drei Tage im Voraus beim Bäcker bestellt; sie tragen Namen, die ihrer Rolle entsprechen: der Colac der Braut, der des Trauzeugen, der Begrüßungs-Colac mit Salz.
Der kleine Kranz aus dem Laden ist der alltägliche Verwandte dieser Pracht. Wofür er gedacht ist, verheimlicht er keineswegs: Ein Großhändler aus Chișinău schreibt in seiner Online-Produktbeschreibung ganz offen, dass solche Colaci bei Riten als Pomană verteilt werden, also zum Gedenken an die Verstorbenen. Die Einheimischen kaufen ihn deshalb oft mit einer ganz bestimmten Absicht: für die Kirche oder für eine Gedenkfeier zum Todestag. Ihn einfach so zu essen, verbietet natürlich niemand. Und wer ein komplettes Hochzeitsset sehen will, sollte einen Abstecher ins Museum in Văleni machen - dort dürfen die Besucher die Exponate sogar probieren.
Der Kranz aus dem Nr. 1
Mein Colac stammt aus Chișinău, aus dem Supermarkt Nr. 1, und hatte weder eine Taufe noch eine Hochzeit hinter sich - gekauft habe ich ihn, weil dieser glänzende Kranz das Hübscheste in der ganzen Brotabteilung war. Die dünne Kruste knackte und schmeckte ein wenig nach Karamell. Eine Zeremonie habe ich ihm nicht gegönnt. Nur habe ich ihn von Anfang an nicht geschnitten, sondern gebrochen - ohne zu ahnen, dass man bei Zeremonien genau so mit ihm umgeht.