Irakischer Tee: süßer Schwarztee im Istikan-Glas
Den stärksten und dunkelsten Tee nennen die Iraker Naft - Erdöl. In einem Land, dessen Haushalt mit dem Öl steht und fällt, ist das ein Kompliment: Gemeint ist, dass der Tee kräftig und dunkel ist und sich bei der Zubereitung niemand beeilt hat. Irakischer Tee (arabisch: چاي, gesprochen tschai) ist starker Schwarztee, der auf kleiner Flamme zieht, in einem kleinen Glas namens Istikan serviert und ohne jede Zurückhaltung gesüßt wird. In der irakischen Küche beginnt mit ihm der Tag, er beschließt jede Mahlzeit und füllt den Großteil der Zeit dazwischen.

Der Istikan und die Lehnwörter
Das irakische Teegeschirr ist ein kleines Wörterbuch für sich: die Kanne Quri, der Wasserkessel Kitli vom englischen "kettle", der Löffel Chaschuga, die Zuckerdose Schakardan aus dem Persischen - und das einzige rein arabische Wort im ganzen Set bleibt Sahn, die Untertasse. Den weitesten Weg hat das Glas selbst hinter sich. Im Irak erzählt man sich, Istikan komme vom englischen "East Tea Can", so sollen britische Soldaten die Gläser genannt haben; die Wörterbücher führen die Spur aber zum russischen Stakan, belegt schon für das Jahr 1356, lange vor dem ersten britischen Soldaten in Basra. Die persische Sprachakademie tat die englische Version übrigens als Internetwitz ab.
Aus dem Glas mit schmaler Taille trinkt die ganze Region starken Schwarztee, und der Streit darüber, wer zuerst da war, ist müßig: Im Iran heißt es Estekan, in der Türkei Ince belli, in Aserbaidschan Armudu. Die Unterschiede spielen sich im Glas ab. Türkischer Tee wird grundsätzlich pur serviert, iranischen Tee trinkt man manchmal durch ein Stück Zucker, das man im Mund zergehen lässt. Der irakische Weg ist der direkteste: Der Zucker kommt gleich ins Glas. Kardamom, den Reisende oft als Pflichtzutat beschrieben finden, ist in Wirklichkeit nur eine häufige Variante - hier ein paar ganze Kapseln in der Kanne, anderswo gar keine.

Wie der Tee in Bagdad den Kaffee besiegte
Dabei war Bagdad ursprünglich eine Kaffeestadt: Das erste Kaffeehaus öffnete dort schon 1590. Wann genau der Tee den Kaffee vom Thron stieß, darüber sind sich die Quellen uneins - die Schätzungen reichen vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Ankunft der Briten. Der Dichter Dhu'l-Nun Schihab aus Mossul nannte den Tee den Wein der Arbeiter, und da ist etwas dran: Das billige Getränk an jeder Ecke hat dem Kaffee nach und nach den Rang abgelaufen. Heute ist der Irak, ein Land ohne einen einzigen Teestrauch, der größte Abnehmer von Ceylon-Tee und indischem Tee zugleich - wenn man schon das Nationalgetränk wechselt, dann gründlich.

Zwei Kannen und Zucker am Boden
Für die Zubereitung braucht es zwei Gefäße: In der Kanne Quri zieht der Tee langsam über der Flamme durch - das irakische Verb tachdir bedeutet, ihn reifen zu lassen -, daneben wartet der Kitli mit heißem Wasser. Ein Bagdader will seinen Tee sangin, also schwer und kräftig; alles Hellere ist verschwendetes Feuer. Dann ist der Zucker an der Reihe: Davon landet so viel im Glas, dass am Boden eine goldene Schicht bleibt, an der sich der Löffel vergeblich abmüht. Das Ergebnis ist süßer als der Saft, der am Boden der Kompottschale übrig bleibt.
Man trinkt ihn nach jedem Essen - zu Hause heißt die Ansage chaddiru lana tschai, "macht uns Tee" - und Stände mit Kannen gibt es überall: auf Märkten, vor Behörden, an Busbahnhöfen. Für einen Gast kommt das Wasser aufs Feuer, noch bevor er sich setzen kann. Die traditionellen Teehäuser an der Straße sind nach wie vor überwiegend Männersache, auch wenn in den Städten immer mehr Lokale für Familien aufmachen. Zucker landet automatisch im Glas; wer Tee ohne möchte, muss das sagen, bevor eingeschenkt wird. Dazu passt etwas Kleines, Süßes, am besten der Sesamkeks Ka'ak abu simsim.

Tee unter Einheimischen
In einem Teehaus an der Straße zu sitzen, gehört zu den schönsten Dingen, die ich auf Reisen kenne: einfach bestellen und dem Treiben ringsum zuschauen. Der Kontakt zu den Einheimischen ergibt sich von selbst, auch ohne Worte, und niemand hat es eilig. Den Kardamom habe ich im Glas kaum herausgeschmeckt - das wenige, was durchkam, erinnerte mich eher an Rosen -, und ich war froh darüber; dafür war es der süßeste Tee, den ich je probiert habe. Ein Glas kostet 250 IQD (0,15 EUR); in bekannten Lokalen wie dem Teehaus Mam Khalil in Erbil das Doppelte, 500 IQD (0,30 EUR). Nirgends liest man die Stimmung eines Landes leichter als über den Rand eines Teeglases hinweg.