Zum Inhalt springen
Länder
Wohin als Nächstes? Über mich Kontakt Newsletter

Irakischer Tee

Dan Špaňhel Irak Aktualisiert Keine Kommentare

Tee ist ohne Übertreibung das zentrale Element des gesellschaftlichen Lebens im Irak. Teetrinken ist im Irak weit mehr als eine alltägliche Gewohnheit, es ist ein Ritual, das die Menschen vom frühen Morgen bis in den späten Abend begleitet. Geschmack, Zubereitung und Art des Servierens unterscheiden den irakischen Tee leicht von den Varianten in den Nachbarländern.

Irakischer Tee.
Irakischer Tee.

Herkunft und Geschichte des Tees im Irak

Die Geschichte des Teetrinkens im Irak ist im Vergleich zu anderen Regionen Asiens relativ jung. Während der Kaffee die arabische Welt jahrhundertelang beherrschte, verbreitete sich der Tee erst im Lauf des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf breiter Front. Eine Schlüsselrolle spielten dabei die britische Präsenz in der Region und die Handelsbeziehungen zu Indien und Ceylon (dem heutigen Sri Lanka). Die Briten, die die Handelswege kontrollierten, begannen Tee über den Hafen von Basra im Süden des Landes einzuführen. Von dort verbreitete sich das Getränk schnell nach Bagdad und in weitere Provinzen. Die Iraker machten sich das neue Getränk rasch zu eigen und passten es ihrem Geschmack an. Heute gehört der Irak zu den größten Teeimporteuren der Welt, wobei der Großteil der Ware aus Sri Lanka stammt.

Die Zubereitung auf der Straße läuft oft direkt über offenem Feuer.
Die Zubereitung auf der Straße läuft oft direkt über offenem Feuer.

Zubereitung und Besonderheiten

Der irakische Tee wird nach einer Methode zubereitet, die für seine charakteristische Stärke und sein Aroma sorgt. Die Teeblätter werden nicht einfach in einem Schritt mit heißem Wasser aufgegossen: Die Iraker brühen den Tee meist zweimal auf, ähnlich wie in der Türkei oder im Iran, allerdings mit einigen Unterschieden. Grundlage ist loser schwarzer Tee, häufig der Sorte Ceylon. Der Tee wird in zwei Kannen zubereitet, die oft übereinandergestellt werden (das sogenannte Samowar-Prinzip), oder das starke Konzentrat köchelt direkt über dem Feuer.

Zubereitung von irakischem Tee. Gut zu sehen ist das Samowar-Prinzip (zwei Kannen übereinander).
Zubereitung von irakischem Tee. Gut zu sehen ist das Samowar-Prinzip (zwei Kannen übereinander).

Der Vorgang beginnt damit, dass in der unteren, größeren Kanne Wasser gekocht wird. In die kleinere Kanne kommt eine große Menge Teeblätter, dazu einige Kardamomkapseln. Kardamom ist für den irakischen Tee eine absolut zentrale Zutat und gibt ihm seinen unverwechselbaren Duft. Mir fällt der Kardamom im irakischen Tee allerdings kaum auf, was ich sehr schätze. Er wird ganz oder zerstoßen verwendet und verändert Geschmack und Duft nur leicht (für mich ist es ein Rosenaroma). Die Blätter mit dem Kardamom werden mit kochendem Wasser übergossen und ziehen bei milder Hitze auf der unteren Kanne, so bleibt der Aufguss heiß, ohne zu sprudeln. Heraus kommt ein sehr starkes, dunkles und bitteres Konzentrat.

Beim Servieren gießt man einen Teil dieses Konzentrats in ein kleines Glas, Istikan genannt, und füllt es je nach Geschmack des Gastes mit heißem Wasser auf. Das gilt aber nicht immer - manchmal trifft man auch auf Tee, der in einer einzigen Kanne zubereitet wird.

Irakischer Tee: typisch sind die tulpenförmigen Gläser (Istikan). Beachte die Menge an ungelöstem Zucker am Boden.
Irakischer Tee: typisch sind die tulpenförmigen Gläser (Istikan). Beachte die Menge an ungelöstem Zucker am Boden.

Ein entscheidender Schritt ist das Süßen. Irakischer Tee wird mit einer enormen Menge Zucker gesüßt. Der Zucker kommt entweder schon beim Kochen in die Kanne oder, häufiger, direkt ins Glas, bevor der Tee eingegossen wird. Die Menge ist so groß, dass er sich oft gar nicht auflöst und am Boden des Glases eine sichtbare Schicht bildet. Diese extreme Süße gleicht die natürliche Bitterkeit des starken schwarzen Tees mit seinen Gerbstoffen aus. Für viele Besucher aus westlichen Ländern dürfte dieses Maß an Süße überraschend sein, und auch für mich ist irakischer Tee der süßeste, den ich je probiert habe.

Servieren von irakischem Tee.
Servieren von irakischem Tee.

Vergleich mit der Türkei und dem Iran

Irakischer Tee erfüllt eine ähnliche gesellschaftliche Funktion wie der Tee in der Türkei oder im Iran, doch es gibt feine Unterschiede. In der Türkei wird der Tee pur serviert, ohne jedes Gewürz. Im Iran trinkt man den Tee oft durch ein Stück Würfelzucker, das man im Mund behält. Typisch für den irakischen Tee sind dagegen der Kardamom, der schon beim Ziehen dazukommt, und die extreme Menge Zucker.

Gesellschaftlich ist die Bedeutung des Tees im Irak kaum zu überschätzen. Lehnst du ein angebotenes Glas Tee ab, kann der Gastgeber das als Beleidigung oder als Unhöflichkeit auffassen. Die Teehäuser "chaikhana" sind traditionell eine Männerdomäne, in der über Politik, Geschäfte und den Alltag diskutiert wird. Zu Hause bereiten die Frauen den Tee für Familie und Gäste zu, nach jedem Essen und bei jedem Besuch.

Das Glas Istikan

Zum irakischen Tee gehört untrennbar das Glas "Istikan", in dem er serviert wird. Der Begriff hat eine interessante Etymologie. Einer Theorie zufolge stammt das Wort vom englischen "East Tea Can" (östliche Teedose), die britische Soldaten benutzt haben sollen, doch Sprachwissenschaftler neigen eher zu der Ansicht, dass das Wort im Russischen (stakan - Glas) oder im Persischen wurzelt. Das Istikan hat eine besondere Form mit verengter Taille: Sie hält den Tee länger heiß und man kann das Glas bequem am oberen Rand anfassen. Serviert wird es immer auf einer kleinen Untertasse, oft mit einem kleinen Löffel, der beim Umrühren des Zuckers an den Glaswänden ein charakteristisches Klirren erzeugt. Dieses Geräusch ist in irakischen Teehäusern allgegenwärtig.

Irakischer Tee. Das Istikan lässt sich bequem halten, auch wenn der Tee sehr heiß ist.
Irakischer Tee. Das Istikan lässt sich bequem halten, auch wenn der Tee sehr heiß ist.

Dem Teetrinken in Ländern wie dem Irak, Iran oder der Türkei widme ich gern viel Zeit. Ehrlich gesagt ist es für mich eine der angenehmsten Beschäftigungen auf Reisen. Man setzt sich einfach in eines der Straßenteehäuser, bestellt einen Tee und schaut dem Treiben ringsum zu. Dabei kommt man zur Ruhe, kommt fast immer mit Einheimischen ins Gespräch - auch ohne die Sprache zu können - und muss nirgendwo hin. Für mich ist Teetrinken die ideale Art, die Atmosphäre eines Landes aus einem etwas anderen Blickwinkel kennenzulernen.

Ein Glas Tee kostet im Irak 250 IQD (0,15 EUR), in bekannten Teehäusern das Doppelte, also 500 IQD (0,30 EUR).

Also, zum Wohl!

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

Über mich Kontakt

Das könnte dir gefallen:

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.