Mam Khalil: ein Teehaus voller Fotografien im Basar von Erbil
Den Putz im Teehaus Mam Khalil hat schon sehr lange niemand mehr gesehen. Wände, Gewölbe und Decke sind mit gerahmten Fotografien bedeckt: Schwarz-Weiß-Porträts, verblasste Farbaufnahmen, Collagen aus Dutzenden Gesichtern in großen Goldrahmen, dazwischen gerahmte alte Geldscheine und auf dem Sims Petroleumlampen und ein Holzradio. Die Chaykhana Mam Khalil (kurdisch: چاخانەی مام خەلیل) ist ein historisches Teehaus im überdachten Qaysari-Basar unterhalb der Zitadelle von Erbil und zugleich eine Bilderchronik des Irak - von den Königen bis zu den Politikern von heute. Du sitzt auf niedrigen gemauerten Bänken mit gewebten Kissen, und die Geschichte hängt dir hier buchstäblich über dem Kopf.

Das Haus des Tees und Onkel Khalil
Das Wort Chaykhana hat das Kurdische aus dem Persischen entlehnt: tschai-chane bedeutet Haus des Tees. Und Mam heißt auf Kurdisch Onkel - eine respektvolle Anrede für einen älteren Mann, die in Kurdistan selbst einem Staatsoberhaupt gut ansteht: Präsident Talabani nannte man Mam Dschalal. "Teehaus Onkel Khalil" ist also zugleich eine genaue Übersetzung und eine genaue Beschreibung des Lokals, das jahrzehntelang ein Mann führte, den man im Basar genau so ansprach.
Die Institution selbst reicht allerdings weit über Kurdistan hinaus: Das Teehaus als Treffpunkt der Männer kennt man überall von Istanbul über Teheran bis nach Zentralasien - dort heißt es Tschaichana, und neben Tee wird darin auch Plov gekocht; in eines davon, wenn auch eher modern als traditionell, bin ich in Bischkek eingekehrt. Der Iran hat das qahwe-chane, wörtlich Kaffeehaus, in dem man seit über hundert Jahren vor allem Tee trinkt - nur der Name hat das noch nicht mitbekommen. Und im arabischen Bagdad geht man für einen Tee "auf einen Kaffee", in Lokale namens maqha: Das berühmte Shabandar, das Café der Bagdader Literaten, hat ebenfalls Wände voller Fotografien, allerdings vor allem vom alten Bagdad und von Persönlichkeiten, die dort nicht unbedingt je gesessen haben - und es verbietet Backgammon und Domino, damit das Gespräch bei der Literatur bleibt. Bei Mam Khalil landet das Gespräch ganz von selbst bei der Politik - die Einheimischen nennen das Lokal das politische Café.
Wer Mam Khalil war und warum er Fotos aufhängte
Khalil Salih fing 1948 an zu arbeiten, als sein Vater starb und die Familie nichts zum Leben hatte. Laut Familienüberlieferung fing er 1952 im heutigen Teehaus an, und 1967 kaufte er es - erst von da an redete ihm niemand mehr in seine Wände hinein. An seiner ersten Arbeitsstelle duldete der Chef das Aufhängen der Fotos nämlich nur, weil er gut arbeitete. "Ich liebe kein Geld, ich liebe Fotografien", sagte er ein paar Jahre vor seinem Tod der Nachrichtenagentur AFP - und rahmte sicherheitshalber auch alte Geldscheine ein und hängte sie auf. Er starb Mitte der 2010er Jahre; die AFP konnte noch berichten, dass seine Kinder das Teehaus nicht weiterführen würden, und drei Jahre später leitete bereits sein Sohn Mohammed das Teehaus. Er führt es bis heute.
Die Sammlung ist inzwischen über ihren Besitzer und das Lokal hinausgewachsen. Hier hängen der letzte irakische König Faisal II. bei einer Parade der Königsgarde, Mullah Mustafa Barzani mit Gewehr und ein Bild, auf dem Saddam Hussein Barzanis Hand in die Höhe hebt - vermutlich aus der kurzen Friedenszeit nach dem Abkommen von 1970, bevor wieder alles zerbrach. An den Wänden blättert man durch Monarchie, Diktatur und Gegenwart wie durch ein Familienalbum - nur finden sich darin statt Hochzeiten und Abschlussfeiern Putsche. Manche Gesichter kannte nur der Gründer selbst, und ihre Namen sind mit ihm gegangen. Als berühmtestes Teehaus Erbils gilt laut kurdischen Quellen allerdings das ein Jahrzehnt ältere Machko unterhalb der Zitadelle. Das Mam Khalil braucht keinen Superlativ - es hat seine Wände.
Was man bestellt und wer hier sitzt
Das Angebot ist kurz: vor allem starker, süßer schwarzer Tee im Glas und daneben Kaffee. Bunter ist das Publikum - Stammgäste, die jeden Tag kommen, junge Leute, kurdische Politiker und ausländische Delegationen. Und stell dich auf Zucker ein: Damit wird hier nicht gespart.

Ein Glas auf einer Keramikuntertasse
Zu Mam Khalil in Erbil habe ich mich durch das Labyrinth des Basars geschlagen, und in den ersten Minuten konnte ich den Blick nicht von den Wänden lassen. Der heutige Besitzer nahm sich Zeit für uns und kam mit uns ins Gespräch; der Tee stand fast gleich nach der Bestellung auf dem Tisch - ein kleines Glas auf einer Keramikuntertasse, so heiß, dass ich es kaum zwischen den Fingern halten konnte. Und es war der süßeste Tee, den ich im Irak getrunken habe. Und das waren nicht wenige. Das Glas kostete 500 IQD (0,30 EUR), doppelt so viel wie in anderen Teehäusern Erbils, und ich habe es gern bezahlt. Denn das hier ist kein Tee gegen den Durst. Das hier ist Tee zum Entschleunigen.
Mam Khalil