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Sangría: spanischer Wein mit eingelegten Früchten

Dan Špaňhel Spanien Aktualisiert Keine Kommentare

In Brüssel gehört Sangría zu den wenigen Getränken, über deren Namen eine Verordnung entscheidet: Ohne Zusatz darf sich nur nennen, was in Spanien oder Portugal hergestellt wurde. Dass das Wort selbst wohl aus dem Englischen ins Spanische gelangt ist, steht in der Verordnung nicht.

Sangría (spanisch: sangría) ist ein kaltes Getränk der spanischen Küche: Rotwein, in dem ein paar Stunden lang Obststücke mazerieren, vor allem Orange und Zitrone, dazu Zucker und Zimt, und der kurz vor dem Servieren mit Eis und Sprudelwasser aufgefüllt wird. Auf den Tisch kommt sie im Krug mit einer Schöpfkelle, das Obst fischt man mit dem Löffel heraus, und der Streit darüber, wem sie gehört, wird anderswo ausgetragen, nicht bei Tisch.

Sangría: die klassische Form mit Eis und Zitrusscheiben.
Sangría: die klassische Form mit Eis und Zitrusscheiben.

Woher das Wort sangría kommt und wo sie überall getrunken wird

Jeder Reiseführer sagt dir, der Name komme von sangre, Blut, wegen der Farbe. Der Sprachwissenschaftler Joan Corominas war vorsichtiger: Das englische sangaree ist schon für das Jahr 1736 belegt, und auch das Portugiesische kannte das Wort früher, während es im Spanischen erst 1832 als Bezeichnung für das Getränk auftaucht - das Blut ist also wohl eine Volksetymologie, nachträglich an ein fremdes Wort geklebt, das ihm ähnlich sah. Heute ist Sangría in ganz Spanien zu Hause, ihre Verwandtschaft reicht aber weit: In La Rioja trinkt man zu den Festen Zurracapote, in dem die Pfirsiche bis zu einer Woche mazerieren, in Kastilien die leichtere Zurra nur aus Wein, ohne Brandy, und Portugal hat auf den Namen dasselbe Recht wie Spanien. Zur selben Familie "Wein plus etwas" gehören auch der Tinto de verano, den man auf die Schnelle mit Limonade und ohne Obst mischt, und der baskische Kalimotxo mit Cola; beide sind für die Spanier Alltagsgetränke, Sangría ist ein Getränk für den Festtag.

Wie Sangría aus den englischen Kolonien nach New York kam

Die Spanier selbst hielten die Sangría lange nicht für ihr eigenes Getränk. Pater Esteban de Terreros beschrieb sie in seinem Wörterbuch von 1788 als "ein von den Engländern erfundenes Getränk, viel getrunken in den englischen und französischen Kolonien Amerikas", dazu kommt die Legende von britischen Matrosen in der Karibik, die Rum mit Obst und Honig als Fruchtsaft ausgegeben haben sollen. Nach Spanien kehrte das Rezept erst im 19. Jahrhundert zurück, mit Wein statt Rum, und weltberühmt machte es der spanische Pavillon auf der Weltausstellung in New York 1964, wo Sangría bei den Amerikanern zum unerwarteten Hit wurde; die Reiseführerversion, sie sei dort "zum Nationalgetränk erklärt" worden, stützt sich allerdings nur auf andere Reiseführer: Wer sie wann dazu erklärt haben soll, steht nirgends. Und die übliche Behauptung von den "Wurzeln bei den Römern, die ihren Wein mit Gewürzen abschmeckten" gilt für halb Europa samt Glühwein - mit Sangría verbindet sie nichts außer dem Wein.

Woraus Sangría gemacht wird und warum die Spanier sie zu Hause trinken

Das Rezept hat eine Zutat, die du im Laden nicht bekommst: Zeit. Das Obst muss mindestens zwei, drei Stunden im Wein liegen, besser über Nacht, damit beide ihre Aromen tauschen: Die Orange gibt Saft und die Bitterkeit der Schale ab, der Wein zieht ins Fruchtfleisch, und der Zimt bindet beides zusammen; Sprudelwasser oder Gaseosa kommt erst kurz vor dem Servieren dazu, sonst ist die Kohlensäure während der Mazeration längst verflogen. Der Wein ist meist jung und billig, denn ein teurer ginge im Orangensaft ohnehin unter, der Brandy ist ein optionaler Gast, und den Zucker dosiert jede Familie nach ihrem eigenen Maß. Im Grunde ist es Glühwein, dem jemand die Herdplatte abgestellt und den Sommer dazugegeben hat. Und genau deshalb machen die Spanier sie zu Hause: Eine gute Sangría braucht einen Krug, einen Kühlschrank und einen Nachmittag, alles Dinge, die eine Strandbar nicht hat - und so schenkt man dort unter ihrem Namen oft einen schnellen Tinto de verano mit einem Schuss Vermut und einem frisch geschnittenen Stück Orange aus. Spanische Medien fragen inzwischen ganz offen, ob Sangría ein "Getränk für Guiris" sei, für Ausländer; im Ausland steht sie weiter gleich neben dem Flamenco, und die Industrie stört dieser Widerspruch nicht - sie füllt Jahr für Jahr Dutzende Millionen Liter in Kartons ab. Wer im Restaurant die hausgemachte will, fragt nach Sangría de la casa und bestellt einen Krug für mehrere; das Glas für einen allein stammt oft aus dem vorbereiteten Vorrat, und das Obst darin hat den Wein nur im Vorbeigehen gesehen.

Sangría: ein Glas in der Bar, serviert ohne Krug.
Sangría: ein Glas in der Bar, serviert ohne Krug.

Sangría für einen allein in San Sebastián

Die beste Sangría meines Lebens habe ich in Madrid getrunken, im Restaurant Ojalá, mit meinen Eltern, sie war perfekt. Die auf den Fotos ist allerdings aus San Sebastián, aus der Bar Bergara, wo ich sie im Stielglas bekam, mit Eis und mit Orangen- und Zitronenstücken, die im Wein sichtlich eine Weile gelegen hatten. Sie schmeckte süßer als Wein und weniger süß als Limonade, die Orange war eher herauszuschmecken als die Trauben, und je länger das Glas in der Sonne stand, desto mehr wurde daraus einfach kalter Wein. Es war eine Sangría für einen allein, also aus einem vorher angesetzten Krug, und das ist in der Bar die bessere der beiden Möglichkeiten. Den Fotos nach stand eine Dreiviertelstunde später auf demselben Tischchen ein Kalimotxo. Im Bergara habe ich also als Tourist angefangen und bin als Einheimischer gegangen.

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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