Grzane piwo: polnisches Glühbier
Wer im Winter in einer polnischen Kneipe ein heißes Bier bestellt, muss mit einer Frage rechnen, auf die einen keine Bierkultur der Welt vorbereitet hat: Ingwer oder Himbeere? Gemeint ist der Sirup, und die Frage ist ernst gemeint. Grzane piwo ist erhitztes Bier mit Gewürzen und süßem Sirup, im Winter fester Bestandteil jeder Kneipe in Polen - und für die meisten Besucher die erste Begegnung mit der Vorstellung, dass Bier heiß, süß und obendrein mit Strohhalm serviert werden darf.

Grzaniec, Grzanka und wie man eigentlich bestellt
Der Name beschreibt, was passiert: grzać heißt wärmen, grzane piwo ist schlicht erwärmtes Bier. Die Tücke steckt in der Kurzform grzaniec. Laut Wörterbuch ist das ein heißes alkoholisches Getränk aus Rotwein oder Bier, doch an den Ständen und in den Regalen meint Grzaniec fast immer Glühwein - wer Bier will, muss das volle grzane piwo sagen. Und die verwandte grzanka bezeichnet zugleich den Toast und den Glühwein; im Polnischen wird eben gewärmt, was sich wärmen lässt.
In seiner heutigen Barform ist Grzane piwo eine polnische Angelegenheit; englischsprachige Reiseführer stellen es unter der Überschrift "Hot beer?!" vor, und die Fassungslosigkeit in diesem Ausrufezeichen ist echt. Das Erhitzen von Bier hat Polen allerdings nicht erfunden. Die Belgier füllen Glühkriek ab, ein Kirschbier, das schon in der Brauerei gewürzt wird und zum Erwärmen gedacht ist, in Österreich wird Bier mit einem glühenden Eisenstab erhitzt, der den Zucker darin karamellisiert, und die Briten tranken einst heißes Bier mit gebratenen Äpfeln, die zerfallen auf der Oberfläche schwammen. Als lebendige Tradition gibt es das heute nur noch in Polen und Belgien - und nur in Polen bestellst du heißes Bier in einer ganz gewöhnlichen Kneipe.
Das Frühstück eines künftigen Königs
Die alten Polen aßen ihr heißes Bier mit dem Löffel: polewka piwna, eine dicke warme Suppe aus Bier, Brot und Eigelb, stand jahrhundertelang auf dem Frühstückstisch - dort, wo heute der Kaffee steht. Selbst der spätere König Sigismund I. aß sie zum Frühstück mit geröstetem Brot. Heißes Bier hat in Polen also eine lange Geschichte - als Frühstück, nicht als Abendgetränk. Wann aus der Suppe mit Eigelb ein Becher mit Himbeersirup wurde, lässt sich nicht datieren; zwischen beiden klafft eine Lücke von mehreren Jahrhunderten.
Lagerbier, Sirup und ein strenges Kochverbot
Der heutige Kneipenstandard ist dabei ganz unspektakulär: Ein gewöhnliches helles Lagerbier wird mit Nelken und Zimt erwärmt und mit Sirup gesüßt, Ingwer oder Himbeere - daher die Frage vom Anfang. Zu Hause ersetzt Honig mit einer Scheibe Zitrone oder Orange den Sirup, und manche geben sogar wieder ein Eigelb in den Topf und knüpfen damit unbewusst an die alte Suppe an. Die einzige feste Regel: Das Bier darf nicht kochen, nur warm werden, sonst verdampft der Alkohol, und damit wäre der Grund dahin, aus dem ein Erwachsener heißes Bier überhaupt bestellt. Wer schon einmal einen Topf Glühwein bewacht hat, damit er nicht zu blubbern anfängt, schafft das auch mit Bier.
Getrunken wird es im Winter, in Kneipen und Bars; auf den Weihnachtsmärkten, wo man es zuerst suchen würde, regiert der Glühwein, und Bier setzt sich dort gerade erst durch. Mit Honig und Ingwer setzen es die Einheimischen auch als Hausmittel gegen Erkältung ein, wobei das eher Glaubenssache als Medizin ist. Und noch ein praktisches Detail: Der Sirup liegt am Boden, und das Getränk kommt mit einem Strohhalm zum Umrühren - wer sofort umrührt, riskiert, dass das überhitzte Bier über den Rand schäumt. Eine Minute Geduld gehört einfach dazu.
Grzaniec aus dem Supermarkt
Mein Grzane piwo stammte nicht aus der Kneipe, sondern aus dem Supermarkt: eine Flasche dunkles polnisches Bier der Brauerei Jastrzębie, mit einem gezeichneten Becher auf dem roten Etikett und einer Anleitung aus zwei Wörtern - wystarczy podgrzać, einfach erwärmen. Hand aufs Herz: Ich war skeptisch; Glühbier klingt nach einer Schnapsidee zu später Stunde. Die Frage nach dem Sirup hatte mir die Brauerei gleich in der Flasche abgenommen. Erwärmt schmeckte es sehr intensiv: Zimt, Nelken und Vanille. Die Flasche kostete 11 PLN (2,60 EUR).