Antica Gelateria Sorrentina: die familiengeführte Eisdiele in Sorrent
Wenn dir in Sorrent jemand aus der Tür eines Lokals zuwinkt, beschleunigt der erfahrene Tourist seine Schritte. Vor der Eisdiele in der via Fuoro stand allerdings ein älterer Herr und bat so höflich herein, dass ich ausnahmsweise langsamer wurde - und das Schild mit der Jahreszahl 1860 erledigte den Rest.
Die Antica Gelateria Sorrentina ist eine kleine, familiengeführte Eisdiele der Familie Gargiulo im historischen Zentrum von Sorrent - genau die Sorte Lokal, wegen der man in Italien auch zweimal am Tag ein Eis holt. Die Straße, in der sie steht, ist übrigens älter als alles, was hier über die Theke geht: Der Name via Fuoro geht auf das lateinische forum zurück, und die Gasse folgt der Hauptachse der antiken Stadt.

Von der Milch zum Eis
Die Jahreszahl auf dem Schild ist in der Gastronomie ein Genre für sich - Wirtshäuser mit einem "gegründet anno ..." an der Fassade kennt man auch in unseren Breiten, und das Datum bezieht sich dabei öfter auf das Haus als auf die Küche. Das Attribut antica und das Jahr 1860 trägt das Lokal direkt im Namen, ein zeitgenössischer Beleg dafür liegt aber nirgends vor. Die belegte Version ist nüchterner und schöner: Die Familie Gargiulo handelte in dieser Gasse ursprünglich mit Milch, und von der Milch war es zum Eis nur ein kurzer Schritt. Heute stehen William und Greta Gargiulo hinter der Theke, nach eigener Zählung der Familie die dritte Generation. William hat Lebensmittelwissenschaften studiert, eine Konditorschule durchlaufen und mit der italienischen Nationalmannschaft einen internationalen Wettbewerb in Frankreich gewonnen - und ist dann an die Theke der Familie in der Gasse hinter dem Corso zurückgekehrt.
Crema amalfitana und Zitronen, die man nicht verwechseln darf
Die Karte wirbt mit Zutaten mit Stammbaum: Pistazien vom Ätna, Haselnüsse aus dem Piemont, Kaffee aus Neapel - so gibt es das Lokal jedenfalls an, und eine ähnliche Liste hängt sich heute jeder an die Wand. Die örtliche Presse liefert ein Detail, das mir wertvoller erscheint: Einen Teil der Zutaten baut die Familie selbst auf einem Grundstück in Massa Lubrense an, ein paar Kilometer außerhalb der Stadt. Das Aushängeschild ist die crema amalfitana, eine feine Milchcreme mit Zitrone, lose angelehnt an das Dessert Delizia al limone - keine amtlich abgesegnete Kategorie, jede Gelateria mischt sie nach eigenem Gusto. Und mit den Zitronen ist hier Vorsicht geboten: Sorrent und die benachbarte Amalfiküste haben jeweils ihre eigene geschützte Sorte - die ovale Limone di Sorrento mit dicker, aromatischer Schale und die schlankere Sfusato von der Amalfiküste mit intensiveren ätherischen Ölen - und die Einheimischen mögen es gar nicht, wenn man sie verwechselt. Eine Eisdiele in Sorrent, deren Aushängeschild nach Amalfi benannt ist, ist also eine kleine diplomatische Leistung.
Sorrent geizt dabei nicht mit Eis: Auf den paar hundert Metern der Altstadt gibt es Gelaterien in Hülle und Fülle, und niemand hat eine davon offiziell zur Nummer eins gekürt - neben der Sorrentina fallen am häufigsten die Namen David und Primavera. Familienbetriebe mit langem Stammbaum sind zudem keine Sorrentiner Besonderheit, in Bari steht in der Antica Gelateria Gentile schon die fünfte Generation hinter der Theke. Die Erkennungszeichen des Handwerks lassen sich zum Glück von Stadt zu Stadt mitnehmen: abgedeckte Metallbehälter statt aufgetürmter bunter Berge, Pistazien in einem Farbton, der eher an Khaki als an Rasen erinnert, und eine Zutatenliste bei jeder Sorte. Wer diese drei Dinge prüft, kommt ohne Reiseführer und Sterne aus.
Zwei Kugeln in der via Fuoro
Die Wahl haben mir die Zitronen der Gegend abgenommen: einmal Zitrone und dazu die Crema amalfitana als Aushängeschild des Hauses. Die Zitrone war spritzig und klar, die Säure hielt die Zunge noch eine Weile wach; die Crema amalfitana war dagegen samtig, die Zitrone würzte darin nur die Milchbasis. Mehr brauchten wir an diesem Tag nicht. An einem der Tischchen vor dem Lokal (siehe Wo man in Sorrent essen geht) konnte man sich damit hinsetzen und die Straße an sich vorbeiziehen lassen. Und wir haben genauso viel bezahlt wie in Lokalen, in die sich kein Tourist verirrt - was an einer der Hauptadern von Sorrent nicht selbstverständlich ist. Der ältere Herr stand unterdessen in der Tür und bat höflich die nächsten Passanten herein. Ob die Familie hier wirklich seit 1860 Eis verkauft, kann ich nicht belegen. Dass die beiden Kugeln einen Halt wert waren, schon.
Antica Gelateria Sorrentina