Armenische Aprikosen: die Nationalfrucht, die der Flagge ihre Farbe gab
Die meisten europäischen Sprachen haben die Farbe Orange nach der Orange benannt. Im Armenischen gibt es so ein Wort auch, auf der Flagge steht es aber nicht: Der untere Streifen heißt offiziell ziranagujn, aprikosenfarben. Ein Drittel der Staatsflagge trägt damit den Namen einer Frucht, die im Juni auf jedem Markt des Landes liegt.
Armenische Aprikosen (armenisch: ծիրան, ziran) sind ganz gewöhnliche Steinfrüchte: in der armenischen Küche isst man sie frisch, trocknet sie für den Winter, füllt sie mit Nüssen und brennt Schnaps daraus - und keine andere Kulturpflanze hat sich in Armenien so tief in Sprache, Musik und Staatssymbole eingeschrieben.

Warum die Aprikose auf Latein nach Armenien heißt, obwohl sie nicht von dort stammt
Botanisch heißt die Aprikose Prunus armeniaca, armenische Pflaume, und diesen Namen führen die Armenier gern als Herkunftsnachweis an. Ausgestellt haben ihn allerdings die alten Griechen und Römer, die die Frucht aus armenischen Gärten kannten und sich den Rest dazudachten. Die Genetik verortet die Heimat der Aprikose heute in Zentralasien und China; Armenien war eine Station auf dem Weg nach Europa, auf der sich die Frucht so gründlich einrichtete, dass sie am Ende den Namen des Landes bekam. Im Deutschen steckt Armenien nur noch dort im Namen, wo man Marille sagt: Das österreichische Wort geht über das Italienische auf das lateinische armeniacum zurück, während die Aprikose ihren Namen über das Arabische dem lateinischen praecoquum, der "frühreifen" Frucht, verdankt. Heute ist die Aprikose eine Frucht der ganzen Region: Das türkische Malatya erntet allein über 400.000 Tonnen im Jahr und versorgt die halbe Welt mit getrockneten Früchten, in der iranischen Küche kommen getrocknete Aprikosen auch in herzhafte Reisgerichte, und angebaut wird sie im Kaukasus in Georgien genauso wie in Aserbaidschan. Armenien exportiert rund 23.000 Tonnen, fast alles nach Russland. Von der Menge her ist das eine Nebenrolle. Als Symbol ist es eine Großmacht.
Duduk, Flagge und zwei Lieder: was die Armenier aus der Aprikose gemacht haben
Armeniens Nationalinstrument, der Duduk, heißt auf Armenisch ziranapogh, Aprikosenpfeife, und das ist wörtlich gemeint. Der Duduk wird ausschließlich aus Aprikosenholz gebaut: Es ist dicht, hält die Feuchtigkeit des Atems aus und muss ein Jahr trocknen, bevor daraus ein Instrument geschnitten werden darf; die Musik, die er hervorbringt, hat die UNESCO 2005 zu den Meisterwerken des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit erklärt. Live gehört habe ich ihn beim Abendessen im Tavern Yerevan in Eriwan, wo dazu Volkslieder gesungen wurden - und eines der bekanntesten heißt Tsirani Tsar, der Aprikosenbaum. Ein Jahrhundert später schickte Armenien die Sängerin Eva Rivas mit Apricot Stone, dem Aprikosenkern, zum Eurovision Song Contest 2010 und wurde Siebte. Das Filmfestival in Eriwan heißt "Goldene Aprikose". Wer Armenien in einem einzigen Wort beschreiben müsste und dabei nicht Ararat sagen dürfte, hätte einen klaren Kandidaten.

Wie man Aprikosen in Armenien isst und was davon für den Winter bleibt
Die Saison ist kurz, Juni und Juli, und in diesen zwei Monaten isst man die Aprikose vor allem so, wie sie vom Baum kommt. Über den Rest des Jahres rettet sie das Trocknen. Die getrocknete Aprikose, Zirani tschir, wird in zwei Farben verkauft, und die Farbe verrät das Verfahren: leuchtend orange ist geschwefelt, dunkel und schrumpelig hat nur in der Sonne gelegen. Aus unreifen weißen Aprikosen und häufiger aus Pfirsichen macht man Alani, entsteinte Trockenfrüchte, gefüllt mit Walnüssen, Zimt und Nelken, und aus dem Überschuss der Ernte wird Zirani oghi gebrannt, der Aprikosenschnaps, den in Armenien fast jeder zu Hause brennt - und ein paar Firmen auch für den Verkauf. In Tschechien landet die Aprikose meistens im Knödel oder in der Marmelade; in Armenien sperrt sie niemand in Teig ein, weil die getrocknete auch ohne Hilfe bis zum Frühjahr durchhält. Getrocknete Aprikosen sind deshalb für mich das Vernünftigste, was man aus Armenien mitbringen kann. Wer außerhalb der Saison kommt, bekommt keine frischen, aber getrocknete verkauft ihm jeder Markt lose nach Gewicht.
Aprikosen mit Blättern zwischen den Lagen
Aprikosen habe ich in Armenien in keinem Restaurant gegessen, sondern aus dem Supermarkt, wo ich sie in der Saison tütenweise gekauft habe. Im Laden werden sie lagenweise in Kisten geschichtet, und zwischen die Lagen kommen Blätter vom Baum; wer wissen will, wann gepflückt wurde, schaut, ob die Blätter noch frisch sind. Sie waren süß und saftig, und das Fruchtfleisch löste sich von allein vom Kern, ohne Messer und ohne Zerren - weicher und duftender als die, die ich aus dem Garten zu Hause kenne. Was sie gekostet haben, habe ich mir nicht notiert. Dass die Blätter dazwischen noch nicht welk waren, schon.