Chè Sài Gòn: vietnamesische Desserts in der Prager Sapa
Becher hinter Glas, jeder mit einer Nummer, und dazu die Beschreibung auf der Karte gleich in zwei Sprachen, Vietnamesisch und Tschechisch. Der Stand in der hintersten Ecke des Prager Großmarkts Sapa hat die Sprachbarriere eleganter überwunden als so manches Wörterbuch: Ein Dessert, dessen Namen du dich nicht auszusprechen traust, bestellst du einfach per Nummer.
Chè Sài Gòn hat sich auf Chè spezialisiert, die vietnamesische Familie süßer Becher und Getränke aus Bohnen, Tapioka, Gelee, Früchten und Kokosmilch, führt rund zehn Sorten davon und gehört zu der Handvoll Läden in Sapa, die ganz von diesem süßen Genre leben.

Was alles in das Wort Chè passt
Das Wort Chè steht für eine ganze Kategorie: Die vietnamesische Wikipedia führt darunter über fünfzig benannte Sorten, von süßen Getränken bis zu dickflüssigen, puddingartigen Bechern. Der gemeinsame Nenner sind Zucker und Stärke, der Rest ist Sache der Fantasie - Mungbohnen, Tapiokaperlen, Geleewürfel, Fruchtstücke, Kokosmilch. Chè wird warm wie eisgekühlt serviert, mit dem Löffel aus der Schale gegessen und aus dem Glas getrunken; die Grenze zwischen Dessert und Getränk hat nie jemand gezogen, und niemand vermisst sie. Ausgesprochen wird es ungefähr "tsche", und das Vietnamesische hat gleich eine sprachliche Falle mit dazugepackt: Genau dasselbe Wort bedeutet auch Tee. Ob die beiden Bedeutungen auch verwandt sind, traut sich nicht einmal das Wörterbuch zu sagen. In Vietnam wird Chè auch zu den Altären getragen: Es gehört zu den Opfergaben bei der Zeremonie zur Verehrung des Schicksalssterns.
Das Sài Gòn im Namen des Stands verrät die südliche Schule. Saigon, das heutige Ho-Chi-Minh-Stadt, hat vor allem die gemischten Versionen namens Chè thập cẩm ins Herz geschlossen, in denen Bohnen, Gelee, Tapioka und Früchte wie geologische Schichten übereinanderliegen. Auf eine ähnliche Idee kam man auch anderswo: Thailand hat Ruam mit, die Philippinen Halo-halo, Malaysia Cendol - das sind aber Parallelerfindungen, bei deren Entstehung Chè nicht Pate stand. Der bunte Spezialmix hinter dem Glas des Prager Stands ist genau dieses südliche Genre im Becher.

Wo der Stand steht und wer seine Nachbarn sind
Sapa liegt in Libuš am südlichen Rand von Prag, und Chè Sài Gòn findest du im hinteren Teil des Geländes, ein Stück vom buddhistischen Tempel entfernt. Gleich nebenan steht das Bistro Sành Quán, du kannst dir hier also ein komplettes Mittagessen zusammenstellen: das Herzhafte bei den Nachbarn, das Süße am Fenster. Chè kocht in Sapa auch das winzige Bistro Lán dê - Xôi Chè, in meiner Rangliste der Stationen in Sapa steht der Stand am Tempel aber weit oben. Und wenn du vor allem wegen des gegrillten Bún chả oder der Fischsuppe Bún cá herkommst, lass nach der Suppe noch Platz: Ein Becher Chè ist sättigender, als er aussieht, und am besten probiert man ihn in größerer Runde - jeder nimmt eine andere Nummer, und die Löffel wandern dann herum. Wer es nicht bis nach Libuš schafft, findet die Becher auch in Lieferapps.

Drei Becher aus der hinteren Ecke von Sapa
Wir kamen zu dritt an den Stand, also wurden es drei Nummern. Am besten schmeckte uns das Chè mit frischer Jackfrucht, schwarzer und weißer Tapioka, Gelee und Kokos: Die Frucht brachte Duft und Süße, die Tapiokaperlen den kauigen Widerstand, und die Kokosmilch band das Ganze zusammen. Der Spezialmix schillerte in allen Farben und schmeckte je nach Schicht - Bohnen, Gelee, Tapioka und violettes Taro, jeder Löffel ein bisschen anders. Das Kokos-Chè war das einfachste und cremigste der drei. Beim Sieger waren wir uns alle drei einig, ganz ohne Abstimmung. Jeder Becher kostete 90 CZK (3,60 EUR).

Chè Sài Gòn