Cockta: Hagebuttenlimonade aus dem ehemaligen Jugoslawien
Am Hals der Plastikflasche ist die Jahreszahl 1953 eingeprägt. Eine Plastikflasche brüstet sich also mit einem Jahr, in dem es noch gar keine Plastikflaschen gab, und das Etikett setzt mit dem englischen "Legendary Taste" noch eins drauf - wer sie zum ersten Mal im Regal sieht, tippt auf eine neue Marke, die sich eine Vergangenheit kauft. Diese hier hat eine.
Die Cockta (auf Mazedonisch: Кокта) ist ein koffeinfreies slowenisches Erfrischungsgetränk aus Hagebutte, Zitrone und elf Kräuterauszügen, das als jugoslawischer Ersatz für die unerreichbare Coca-Cola entstand und in den Läden Nordmazedoniens bis heute wie selbstverständlich neben der einheimischen Gazoza steht. Farblich ist sie dunkel wie Cola. Damit endet die Ähnlichkeit aber auch schon.

Warum die Cockta keine Cola ist und wem sie eigentlich gehört
Reiseseiten nennen sie "jugoslawische Cola", und das ist gleich doppelt falsch. Cola ist sie nicht: Im Rezept stecken weder Koffein noch Phosphorsäure, nur Hagebutte und Kräuter. Und jugoslawisch ist sie nur halb - erfunden wurde sie in Slowenien, bei der Ljubljanaer Firma Slovenija vino, und ganz Jugoslawien übernahm sie erst danach. Das Einzige, was die Cockta wirklich mit Coca-Cola gemeinsam hat, ist der Name: Der Chemiker Emerik Zelinka, der das Getränk zusammenmischte, dachte sich einen Namen aus, der an die amerikanische Marke erinnert und zugleich nah am englischen Wort cocktail liegt - denn Hagebutte, Zitrone und Kräuter sind ja wohl ein Cocktail. Heute gehört die Cockta dem ganzen ehemaligen Jugoslawien gemeinsam - getrunken wird sie in Kroatien, wo man sie für ein eigenes Getränk hält, im Rest der früheren Föderation und eben hier in Mazedonien, wohin sie aus Slowenien importiert wird; einen mazedonischen Klon, wie ihn die Cedevita in Cevitana hat, habe ich nicht gefunden. Und wo wir schon bei nationalen Antworten auf Coca-Cola sind: Auch das iranische Zamzam fing als Pepsi in Lizenz an, bis die Revolution den Betrieb verstaatlichte. Die Cockta hatte nie eine Lizenz, nur Hagebutten.
Wie die Cockta entstand und fast wieder verschwand
Entstanden ist sie aus dem Mangel, gefeiert wurde ihre Premiere trotzdem groß. Ein Jahr zuvor hatte Firmenchef Zelinka den Auftrag gegeben, das erste jugoslawische Erfrischungsgetränk zu entwickeln, das die westliche Cola ersetzen sollte, und am 8. März 1953 führte die Firma das Ergebnis beim Skisprung-Wettbewerb in Planica vor: Verkäuferinnen in Cockta-Kostümen standen vom Bahnhof bis hinauf zur Sprungschanze und verteilten Kostproben an die Zuschauer. In knapp einem Jahr gingen vier Millionen Flaschen über die Theke. Dann kam 1968: Coca-Cola drängte auf den jugoslawischen Markt und lief der Cockta binnen weniger Jahre den Rang ab; in den neunziger Jahren, als Jugoslawien zerfiel, wäre sie beinahe mit ihm verschwunden - gerettet hat sie erst die Nostalgie.
Was in der Cockta steckt und wie man sie trinkt
Die Hauptzutat ist die Hagebutte, die Frucht der wilden Rose, die sonst im Tee und in der Marmelade landet. Hier gibt sie dem Getränk sein säuerliches Rückgrat und einen leicht herben Nachgeschmack, karamellisierter Zucker leiht ihm die Farbe, die jeder für Cola hält, Zitrone und Orange bringen Frische, und die elf Kräuter hütet der Hersteller so streng wie Coca-Cola sein Rezept. Wenn du wissen willst, wie die Cockta schmeckt, stell dir Hagebuttentee vor, wie man ihn Kindern bei Erkältung kocht - nur kalt, mit Kohlensäure und einer kräuterigen Bitterkeit am Schluss. Die Variante Free, die du auf dem Foto siehst, lässt den Zucker weg und süßt künstlich; es gibt sie erst seit 2019, wer also wissen will, was die Zuschauer in Planica getrunken haben, greift zur Variante Original.
Ein Ritual gibt es um die Cockta herum keines, und slowenische Quellen geben das auch offen zu: Sie ist ein Getränk für jeden Tag, man trinkt sie eiskalt, zu allem, am liebsten aus der kleinen Glasflasche, deren Hals heute wie eine Hagebutte geformt ist. In Mazedonien findest du sie in jedem größeren Supermarkt in PET-Flaschen. Eine praktische Kleinigkeit: Die Cockta tut nur so, als wäre sie Cola - wer Coca-Cola erwartet, wird überrascht sein, wer Hagebutte erwartet, wird zufrieden sein. Die Redakteure der Financial Times setzten sie übrigens vor Jahren in einem Test von dreizehn Cola-Getränken auf den vierten Platz, vor Pepsi.
Meine Flasche aus Skopje
Ich habe mir eine Flasche in Skopje gekauft, im Supermarkt des Einkaufszentrums Skopje City Mall, zusammen mit einer Flasche Gazoza. Von der Farbe her hatte ich etwas wie Coca-Cola oder Pepsi erwartet, und geschmacklich war sie von beiden meilenweit entfernt. Der halbe Liter kostete 51 MKD (0,80 EUR).
Für das Geld bekommst du vor allem eine echte Überraschung: Hagebuttentee mit Kohlensäure - und nichts von dem, was die Farbe verspricht.