Gazoza: die legendäre mazedonische Birnenlimonade
Wer Italien oder die Türkei kennt, weiß beim Wort Gazoza sofort, was gemeint ist: klares Sprudelwasser. Im mazedonischen Supermarkt steht dann aber ein Kühlschrank voller Flaschen mit etwas Goldorangem darin - und mit der italienischen Brause hat es nur den Namen und die Bläschen gemeinsam.
Die Gazoza (mazedonisch: Газоза) ist eine süße Sprudellimonade mit Birnengeschmack und goldener Farbe, die in Nordmazedonien eine Brauerei in Prilep abfüllt. Sie ist das meistverkaufte einheimische alkoholfreie Getränk des Landes, man trinkt sie eiskalt, direkt aus der Flasche.

Was Gazoza bedeutet und warum die mazedonische anders ist
Der Name ist eigentlich eine Gattungsbezeichnung: Gazoza heißt schlicht "sprudelnd", abgeleitet von gas. Nach Griechenland und auf den Balkan kam das Wort über die italienische Gassosa, in die Türkei auf Umwegen über das französische eau gazeuse - Griechen und Türken benutzen heute also dasselbe Wort, jeder aus einer anderen Quelle. Und überall sonst bezeichnet es eine Kategorie, kein bestimmtes Getränk: Die italienische Gassosa ist klar und zitronig (ein sehr entfernter Verwandter von ihr ist der Chinotto), der türkische Gazoz entstand Ende des 19. Jahrhunderts als sprudelnde Konkurrenz zum alten Şerbet, die griechische Gkazoza ist praktisch dasselbe wie Limonade, und das Albanische kennt das Verb gazoj, sprudeln lassen.
Das Wort haben die Mazedonier also nicht erfunden - die Birne schon. Nirgendwo sonst auf dem Streifen von Italien bis in die Türkei ist die Gazoza golden und birnig; hier ist sie die einzige, die man unter diesem Namen kennt. Der Vollständigkeit halber: Eine Birnenlimonade wird unter dem Namen Strumka auch in Strumica abgefüllt, aber wenn ein Mazedonier Gazoza sagt, meint er die aus Prilep.
Wer die Gazoza herstellt und seit wann
Hergestellt wird die Gazoza von der Prilepska pivarnica, einer 1924 gegründeten Brauerei, einer der ältesten auf dem Balkan und heute ein Familienbetrieb. Wann sie neben dem Bier auch Gazoza abzufüllen begann, verrät die firmeneigene Chronik nicht - das Bier hat Meilensteine, die Gazoza nur das Attribut "seit Jahrzehnten". Dafür erfährst du, dass diese Brauerei 1979 und 1980 Verträge über die Produktion von Pepsi und Mirinda für ganz Jugoslawien und Albanien unterschrieb; die amerikanische Cola für den halben Balkan wurde in Prilep abgefüllt, ein paar Meter von der Linie mit der Birnenlimonade entfernt. Ein paar Jahrzehnte später hat sich die Gazoza revanchiert: Die mazedonische Presse vermeldete stolz, dass eine Plastikflasche mit dem kyrillischen Schriftzug Газоза im Hintergrund einer Szene der amerikanischen Serie Blacklist zu sehen ist. Warum die Requisiteure ausgerechnet sie ausgewählt haben, weiß niemand.
Was in der Gazoza steckt und wie man sie trinkt
Drin steckt kein Geheimnis: Wasser, Zucker, Kohlensäure und Birnenaroma, dazu ein Farbstoff, den der Hersteller wegen der europäischen Vorschriften durch einen natürlichen ersetzt hat. Laut Etikett sind es 10,3 Gramm Zucker pro Deziliter. Der Körper merkt das früher als die Zunge. Die Birne ist deutlich herauszuschmecken und süß wie aus dem Kompottglas, nicht wie vom Obstmarkt; die Farbe erinnert an Honig, den jemand in Wasser aufgelöst hat. Geschmacklich kommt sie einem dickflüssigen Fruchtsirup am nächsten, wie man ihn zu Hause mit Wasser anrührt - nur ist er hier schon angerührt, und zwar kräftig. Gebacken wird damit auch: Pogača oder ein Marmorkuchen "so gazoza" gehören zu den gängigen Rezepten, in denen die Limonade dem Teig Zucker, Duft und ein paar Bläschen statt Backpulver mitgibt.
Getrunken wird sie eiskalt, meist aus der Halbliter-PET-Flasche; Familien kaufen die 1,75-Liter-Flasche. Du findest sie in jedem Supermarkt, an der Tankstelle und am Kiosk neben dem Wasser und dem Bier Skopsko; bestellt wird sie mit dem schlichten Wort Gazoza, ohne jeden Zusatz. Bevor du zur großen Flasche greifst, kauf dir einen halben Liter: Die Menschheit zerfällt für mich in die, denen sie unverdünnt schmeckt, und in alle anderen - und solange du nicht weißt, wozu du gehörst, sind 1,75 Liter eine ziemlich lange Verpflichtung.
Meine erste Gazoza habe ich im Supermarkt in Skopje gekauft, im Einkaufszentrum Skopje City Mall - zu finden ist sie aber wirklich überall. Der halbe Liter kostete 32 MKD (0,50 EUR). Die Birne war vom ersten Schluck an da, die Süße einen Moment früher, und sie hielt sich noch lange auf der Zunge. Ehrlich: Mir war das viel zu süß, also habe ich den Rest der Flasche etwa halb und halb mit Wasser verdünnt - erst dann wurde daraus ein Getränk, das ich mit Genuss ausgetrunken habe. Das ist kein Vorwurf, eher ein Geständnis: Man kann den Geschmack offenbar trainieren. Die Einheimischen trinken sie schließlich seit Jahrzehnten unverdünnt.
Zum Wohl!