Markthalle im Bahnhof Victoria: Street Food im neuen Terminal von Port Louis
Der Bahnhof Victoria in Port Louis war über ein halbes Jahrhundert lang ein Bahnhof ohne Züge. 1864 fuhr von hier der erste Zug der Insel ab, und die Station war die wichtigste der Insel, samt Bahndirektion unter demselben Dach. Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde der Personenverkehr eingestellt, die Gleise verschwanden. Zurück kamen sie erst 2019 mit dem Metro Express, der Stadtbahn von Mauritius, und drei Jahre später entstand um sie herum ein Neubau, der dem Bahnhof Läden und eine Markthalle brachte.
Die Markthalle im Bahnhof Victoria liegt im Victoria Urban Terminal, einem modernen Verkehrsknoten im Zentrum von Port Louis, wo unter einem Dach die Busse in den Süden und Westen der Insel, eine Haltestelle des Metro Express, ein Supermarkt und Stände mit Obst und Street Food der mauritischen Küche zusammenkommen.

Tausend Stände für die Händler vom Bürgersteig
Das Terminal wurde im Juli 2022 feierlich eröffnet, und die Zahlen dazu können sich sehen lassen: 50.000 Quadratmeter, rund zwei Milliarden Rupien, 67 Läden und Restaurants. Die interessanteste Zahl ist aber tausend - so viele Stände bekam die Markthalle angeblich für die Straßenhändler, die die Stadtverwaltung jahrelang von den Gehwegen im Zentrum vertrieben hatte. Die Abmachung war einfach: von der Straße unter das Dach, jeder seinen eigenen Stand. Während des Baus verkauften sie provisorisch auf dem Decaen-Platz ein Stück weiter, und in den Zeitungen standen Interviews mit Leuten, die nicht wussten, wohin sie gehen sollten. Nach der Eröffnung zeigte sich, dass ein Dach allein noch keine Kunden bringt: Belegt wurden angeblich rund achthundert Stände, und manche Händler gaben sie nach ein paar Monaten wieder zurück. Die mauritische Tageszeitung Le Mauricien zitierte damals einen von ihnen auf Kreolisch: "Mo'nn vann zis enn savat" - ich habe nur eine einzige Sandale verkauft. Den Essensständen ging es bei meinem Besuch besser als den Sandalen - Vor der Fahrt hat man verlässlicher Hunger als Bedarf an neuen Schuhen.
Victoria, Gare du Nord und die Märkte von Port Louis
Den Namen erbte das Terminal von der alten Station, und die wurde in britischer Zeit wohl nach der Königin benannt, genau wie die gusseisernen Tore des Zentralmarkts ein paar Straßen weiter. Port Louis hat also zwei Markthallen mit Victoria im Namen, eine von 1839 und eine, die sich gerade erst einlebt, und dazu zwei Busbahnhöfe, die sich die Insel aufgeteilt haben: Von Victoria fahren die Busse in den Süden und Westen, nach Curepipe, Quatre Bornes, an die Strände bei Flic en Flac und zum Flughafen; in den Norden und Osten geht es vom Immigration Square, den die Einheimischen Gare du Nord nennen und wo bis heute direkt vom Gehweg verkauft wird. Wer ans Meer im Norden will, sucht seinen Bus also besser nicht hier. Der Metro Express fährt von Victoria über Rose Hill nach Quatre Bornes und weiter nach Curepipe; als ich hier stand, fuhr er erst seit zwei Monaten bis Curepipe. Und Victoria ist kein Einzelfall: Ähnliche Terminals mit Läden und Markthalle plant die Regierung auch für Rose Hill, Curepipe und Quatre Bornes; das am Gare du Nord bremst bislang die Nähe zu einer UNESCO-Stätte.
Was man am Bahnhof isst
Die Markthalle ist kleiner, als die Zahl tausend vermuten lässt, und teilt sich in zwei Bereiche. Das eine sind die Stände mit Obst und Gemüse, im Dezember mit Kisten voller Litschis, das andere die Verkaufsfenster mit Essen, das man in die Hand und in den Bus nimmt. Gegessen wird am Bahnhof dasselbe wie in der Stadt: Dholl puri, gefüllt mit Curry und eingelegtem Gemüse, klassische Roti und frittierte Bällchen Gâteaux piments, wie sie an jeder Ecke der Insel verkauft werden. Mitten in der Halle stehen zwischen den festen Theken auch Verkäufer mit einer einzigen Schüssel oder einem einzigen Tablett, auf dem nur das liegt, was sie zu Hause gerade frittiert haben; ist es verkauft, gehen sie nach Hause. Bei uns in Tschechien ist Reiseproviant das Schnitzel in Alufolie, das man sich zu Hause einpackt - hier wird erst am Bahnhof eingepackt, in Papier, ein paar Schritte vom Bahnsteig entfernt. Im Erdgeschoss gibt es dazu den großen Supermarkt Winners, die Vorzeigefiliale der Kette, in der man vor dem Abflug kulinarische Mitbringsel für den Heimweg einkaufen kann.


Eine Tüte für die Fahrt nach Flic en Flac
In die Markthalle im Bahnhof Victoria (siehe Wo man in Port Louis essen geht) kam ich wegen der Verbindungen weiter ins Landesinnere und ging mit einer Papiertüte wieder hinaus. Darin ein vegetarisches Roti, ein Fladen gefüllt mit einer Gemüsemischung im Curry, und dazu von einem dieser Verkäufer mit dem einzigen Tablett ein paar Gâteaux piments und andere Häppchen. Das Roti war weich und noch warm, die Füllung eher gehaltvoll als scharf, die Bällchen angenehm knusprig. Der Bahnhof Victoria hatte ein halbes Jahrhundert lang keine Züge, aber das, was ein Bahnhof vor allem können muss, konnte er die ganze Zeit: einen auf die Reise schicken und einem etwas zu essen mitgeben. Das Terminal kostete zwei Milliarden Rupien. Mein Anteil daran belief sich auf 15 MUR (0,30 EUR).
Victoria Urban Terminal