Mirto di Sardegna: sardischer Likör aus Myrtenbeeren
Die Myrte kennen die meisten von uns als Topfpflänzchen, von dem man einen Zweig für den Brautstrauß abschneidet und das sich danach niemand mehr anschaut. Auf Sardinien wächst sie wild im Gebüsch der ganzen Insel, im Winter werden ihre dunklen Beeren gepflückt, und das Ergebnis trinkt man aus kleinen Gläsern direkt aus dem Gefrierfach.
Mirto di Sardegna (sardisch: licòre de murta) ist ein Likör aus den Beeren der Echten Myrte, die einige Wochen in Alkohol ziehen und mit Zucker- oder Honigsirup gesüßt werden; er hat rund 30 % und ist in der italienischen Küche der sardische Digestif, mit dem das Abendessen abgeschlossen wird.

Wo überall aus Myrte Likör gemacht wird und wem der Name gehört
Das Wort mirto kam aus dem lateinischen myrtus ins Italienische, und das wiederum aus dem griechischen myrtos; die Sarden nennen die Pflanze allerdings sa murta, und auf dem italienischen Festland heißt dasselbe mortella - und Mortella aus der Flasche lässt sich vom sardischen Mirto nicht unterscheiden. Likör aus Myrtenbeeren ist im ganzen Mittelmeerraum zu Hause - man macht ihn auf Sardinien, auf Korsika und in einigen Ecken des italienischen Festlands - der Name Mirto di Sardegna ist aber eine geschützte geografische Angabe der EU und darf nur einen Likör zieren, dessen Beeren auf der Insel gewachsen sind, dort gezogen haben und dort abgefüllt wurden. Die Korsen verkaufen ihren liqueur de myrte unter eigenen Marken, und die französische Küche zählt ihn zu ihren Inselspezialitäten; italienische Quellen schreiben das Rezept aber den Banditen der Gallura aus dem 18. Jahrhundert zu, die den Likör acqua degli angeli nannten, Engelswasser, und ihn über die Meerenge nach Korsika schafften.
Seit wann man Mirto trinkt und was daran nicht stimmt
Reiseseiten schreiben gern, Mirto sei der älteste Likör der Welt und schon die Phönizier hätten ihn getrunken. Nichts davon ist belegt - uralt ist nur die Pflanze: Venus soll sich nach ihrer Geburt aus dem Meerschaum in Myrtenzweige gehüllt haben, und deshalb gehört die Myrte zu Hochzeiten, vom alten Rom bis zur heutigen Trauung in Tschechien. Vom Likör selbst berichten die Quellen erst ab dem 18. Jahrhundert, und zwar vom hausgemachten: In der Gallura im Nordosten der Insel setzte man ihn zu Hause an, und niemand füllte ihn in Flaschen. Mirto ist also ein alter Brauch und ein junges Produkt: Zu Hause wurde er zweihundert Jahre lang gemacht, in die Läden außerhalb Sardiniens kam er erst 1992, als die älteste sardische Likörfabrik Zedda Piras aus Cagliari, 1854 noch als Weingut gegründet, den landesweiten Verkauf startete. Die Insel hat ihren Likör einfach lange für sich behalten.
Beeren, Alkohol und Sirup: Woraus Mirto besteht und wie man ihn trinkt
Auch in der Fabrik wird Mirto noch so gemacht wie in der heimischen Küche. Die Beeren werden von November bis Februar gepflückt, wenn sie am dunkelsten sind, ziehen rund vierzig Tage in Alkohol, werden dann ausgepresst, mit Sirup versetzt, und der Likör darf ruhen - genau so, wie man bei uns zu Hause Nuss- oder Sauerkirschlikör ansetzt. Das Gesetz verlangt mindestens 150 Gramm Beeren pro Liter; das Etikett des Fläschchens der Firma Silvio Carta aus Zeddiani bei Oristano verspricht 350 Gramm, mehr als das Doppelte. Frischer Likör ist fast schwarz, nach einem Jahr Reifung hellt er zu Rubinrot auf. Neben dem üblichen mirto rosso aus dunklen Beeren gibt es auch mirto bianco aus Blättern oder hellen Beeren - goldfarben, süßer und seltener.
Getrunken wird er nach dem Essen. Eiskalt, aus Gläsern, die zusammen mit der Flasche im Gefrierfach lagen, und ohne Eis, weil der Würfel ihn nur verwässert. Im sardischen Restaurant kommt er oft unbestellt, offerto dalla casa: Das Gläschen, das du nach dem Abendessen nicht bestellt hast, geht aufs Haus. Wer sich Mirto mit nach Hause nehmen will, sollte ihn vor Ort kaufen - außerhalb Sardiniens ist er schwer zu bekommen.

Ich habe meinen Mirto in einem Laden auf Sardinien gekauft, im Regal mit den Produkten der Firma Silvio Carta, und habe zum kleinsten Fläschchen gegriffen, das es dort gab: 100 ml. Durchs Glas wirkte er dunkel, im Gläschen war er ziegelrot bis braun. Ich hatte etwas wie Becherovka erwartet, den bekannten tschechischen Kräuterlikör, mit kräftiger Kräuternote und bitterem Nachklang. Mirto ist aber viel sanfter, weniger süß und weniger bitter, angenehm, mit etwas entfernt Salbeiartigem am Ende. Hundert Milliliter kosteten 6 EUR, die 0,7-Liter-Flasche im selben Regal 16 EUR.