Saint-Aubin: der Sonntagsmarkt in Toulouse
Wir landeten nach Mitternacht in Toulouse und schafften gerade noch einen Willkommensdrink in der Bierbar Le Père Peinard. Es war die beste Investition der ganzen Reise: Der Barkeeper riet uns, am Sonntagmorgen die Cafés links liegen zu lassen und stattdessen zu Saint-Aubin zu gehen, dort gebe es einheimisches Essen und Straßenkünstler.
Der Sonntagsmarkt Saint-Aubin ist ein Freiluftmarkt, der sich einmal pro Woche über den Platz und die Straßen rund um die gleichnamige Kirche am östlichen Rand des Zentrums von Toulouse ausbreitet - und die französische Küche tritt hier in voller Besetzung an, von der Wurst bis zum Gewürzbrot.

Kirche, freie Gemeinde und der einzige Sonntag der Woche
Seinen Namen hat sich der Markt von der Kirche geborgt. Saint-Aubin, benannt nach einem frühmittelalterlichen Bischof von Angers, wirkt altehrwürdig, ist aber ein Bau aus den Jahren 1847 bis 1853 - die größte Kirche, die Toulouse im 19. Jahrhundert errichtet hat. Das Viertel drumherum war einmal Vorstadt und hat sich bis heute etwas von diesem Vorstadtcharakter bewahrt: Die benachbarte Rue de la Colombette erklärte sich 1944 zur "freien Gemeinde", und der Ton der Bohème ist ihr geblieben. Das Publikum des Marktes passt dazu - ein Magazin aus Toulouse beschrieb es mit den Worten "von Hippies bis zum Bürgertum", und der Sonntagvormittag an der Kirche ist hier eher ein geselliges Ereignis als ein Einkauf.
An Märkten herrscht in Toulouse kein Mangel - die überdachte Markthalle Victor Hugo oder der lange Markt am Boulevard de Strasbourg haben von Dienstag bis Sonntag geöffnet. Saint-Aubin macht es genau umgekehrt: Er findet ausschließlich sonntags statt, und zu den Lebensmitteln kommen ein Flohmarkt, Kunsthandwerker, Buchhändler und Musiker vor der Kirche, die jede Woche wechseln. Wer die Tage verwechselt und dienstags kommt, findet eine geschlossene Kirche und einen leeren Platz; wer erst gegen Mittag auftaucht, sieht vor allem den Abbau der Stände. Die richtige Zeit ist der Vormittag.

Wurst in Spiralform, Aligot aus dem Kessel
Der kulinarische Teil des Marktes gehört dem Südwesten. Die Saucisse de Toulouse, eine dicke, spiralförmig aufgerollte Schweinsbratwurst, liegt hier neben Käse aus den Pyrenäen, und ein paar Stände weiter zieht jemand Aligot aus dem Kessel, das Kartoffelpüree mit Käse aus dem Aveyron - das Ziehen ist halb Verkauf, halb Theater. Seinen sicheren Platz hat hier auch das Hähnchen vom Drehspieß, der Star jedes französischen Marktes: Ein guter Stand verkauft davon an einem Tag gut hundert Stück. Buchweizen-Galettes und süße Crêpes werden direkt vor Ort gebacken. Hungrig geht hier niemand nach Hause.

Der Rest des Marktes hat mit Essen nur noch am Rande zu tun. Der Stand, den ich mir als den mit den Pflaumen gemerkt hatte, verkaufte in Wirklichkeit Pruneaux d'Agen, die berühmten Dörrpflaumen aus dem Südwesten Frankreichs - frische hätte ich im April in der Auslage vergeblich gesucht - und daneben eine ganze Reihe Pflaumenkonfitüren. Bei den Pflanzen erwarte keine gewöhnlichen Topfpflanzen: Verkauft werden hier Moosbälle namens Kokedama, ein Stück weiter Bücher und Modeschmuck - Stände, wegen derer der Markt amtlich zugleich als Lebensmittel- und als Jahrmarkt geführt wird.


Was Pain d'épices ist und woher es nach Toulouse kommt
Am längsten hielt mich der Stand mit den Laiben Pain d'épices auf. Pain d'épices ist ein dichtes süßes Brot aus Mehl, Honig und Gewürzen, das einen sofort an Lebkuchen denken lässt - und das nicht zufällig, beide Gebäcke sind Zweige desselben mittelalterlichen Honigstammbaums. Nach Toulouse kommt Pain d'épices von auswärts - aus Dijon, Reims und dem Elsass, verkauft wird es aber auf französische Art nach Gewicht: Auf dem Stand lagen Laibe mit Feigen und mit Dörrpflaumen - eine Kombination, die auch die elsässische Beerawecka verstehen würde - und die Tradition kennt auch kleine Nonnettes, gefüllt mit Orangenmarmelade.

Eine Scheibe nach Gewicht vor der Fahrt nach Carcassonne
Wir kamen hungrig auf den Markt, weil uns am Nachmittag ein Ausflug nach Carcassonne erwartete, und ein leerer Magen war die richtige Ausrüstung - die Verkäufer sind freundlich und lassen einen fast alles probieren. Beim Pain d'épices arbeitete ich mich durch die Kostproben und entschied mich für einen Laib mit Orangenschale, meiner alten Schwäche. Der Honig war vom ersten Bissen an da, zu süß war das Brot nicht, und die Orangenschale passte zum Honig genau so, wie ich es mir erhofft hatte. Verkauft wird nach Gewicht, und der Verkäufer schneidet auch eine hauchdünne Scheibe ab, du kannst dich also ohne Scheu durch einen guten Teil des Angebots probieren, bevor du dich entscheidest. Das Kilo kostet rund 15 EUR.