Zum Inhalt springen

Länder
Wohin als Nächstes? Über mich Kontakt Newsletter

Bar Touring: die Bar der Familie Genovese in Palermo für Einheimische

Dan Špaňhel Italien Aktualisiert Keine Kommentare

An der Theke geben sich an einem einzigen Vormittag eine Polizeistreife, Verkäufer aus den umliegenden Geschäften, Mütter mit Kindern und Großmütter die Klinke in die Hand - und keiner von ihnen ist wegen eines Cocktails gekommen. Das Wort Bar meint in Italien nämlich etwas anderes als bei uns: kein Nachtlokal, in dem Drinks gemixt werden, sondern eine Station für den ganzen Tag, in die man mehrmals am Tag geht und jedes Mal für etwas anderes - morgens auf einen Kaffee, mittags auf eine warme Mahlzeit, abends auf ein Glas.

Die Bar Touring in Palermo ist genau so ein Lokal: Café, Konditorei und Imbiss mit warmen Gerichten der italienischen Küche in einem, geöffnet vom frühen Morgen bis Mitternacht und fest in der Hand der Einheimischen.

Bar Touring: Arancini und frittierte Baguettes in der Vitrine.
Bar Touring: Arancini und gefüllte Brötchen in der Vitrine.

Die Familie Genovese an der Ecke zweier Straßen

Die Bar Touring hat die Familie Genovese 1959 an der Ecke beim Park Villa Giulia eröffnet, ein paar Schritte vom Meer entfernt, und ihr Name ist bis heute mit dem Lokal verbunden - auch die Firma im Handelsregister trägt ihn. Die Ecke ist wörtlich gemeint: Manche Quellen verorten das Lokal in der Via Lincoln, andere im Viale Alcide De Gasperi, und recht haben alle - das Gebäude steht an der Straßenecke, und der Eingang lässt sich von beiden Seiten beschreiben. Komplizierter ist es mit dem Namen: Warum ihre Bar nach dem englischen Wort fürs Reisen heißt, kann heute niemand mehr verlässlich belegen. Naheliegend wäre der Mailänder Touring Club Italiano, doch der einzige belegte Zusammenhang läuft umgekehrt - der Club führt die Bar heute in seinem Reiseführer durch Palermo. Der Name sollte Ende der Fünfzigerjahre also wohl einfach weltläufig klingen.

Bar Touring: die Desserts Coppa al gelo und Tiramisu in der Vitrine.
Bar Touring: die Desserts Coppa al gelo und Tiramisu in der Vitrine.

Vom Cornetto zur Arancina bomba

Der Tag hat in der Touring seine Phasen. Am Morgen hat die Konditoreitheke das Sagen: Cornetti, kleines Gebäck und Kaffee, den die Einheimischen im Stehen austrinken, bevor ein Fremder überhaupt einen freien Stuhl gefunden hat. Gegen Mittag stellen sich die Vitrinen auf die Tavola calda um - ein warmes Buffet mit Calzone, Panini und Frittiertem. Die Spezialität des Hauses ist die Arancina bomba: eine frittierte Reiskugel von vierhundert Gramm, das Doppelte der üblichen Portion, erfunden vom Konditor Antonino Genovese - ein ganzes Mittagessen, das in eine Hand passt. Und neben all dem stehen in den Vitrinen Cannoli, Cassata und Eis - die süße Hälfte Siziliens hinter einem einzigen Glas.

Bar Touring: Cannoli mit Pistazien und Erdbeeren in der Vitrine.
Bar Touring: Cannoli und andere Süßigkeiten in der Vitrine.

Zuerst die Kasse, dann die Vitrine

Das Bestellen hat in Italien seine eigene Choreografie, und die viel besuchten Bars halten sich am strengsten daran: Zuerst wird an der Kasse bezahlt, erst mit dem Bon in der Hand geht man an die Theke. Wer das nicht weiß, stellt sich in die falsche Schlange und wird zurückgeschickt - keine Blamage, nur eine Runde extra. In der Touring hat dieser Ablauf einen Vorteil: Die Kasse steht ungefähr in der Mitte der langen Vitrinen, man kann also allein mit dem Finger und ohne ein einziges italienisches Wort bestellen. Sitzplätze gibt es wenige, und das stört niemanden - das hier ist ein Lokal für zehn Minuten, aus dem man mit einem Becher oder fettigem Papier in der Hand wieder hinausgeht.

Tiramisu aus der Bar Touring: ein Becher zum Mitnehmen.
Tiramisu aus der Bar Touring: ein Becher zum Mitnehmen.

Tiramisu nach den Spaziergängen durch Palermo

In die Touring bin ich ursprünglich nur auf einen Kaffee gegangen - ein Plan, der vor einer langen Vitrine nie hält. Nur war der Magen nach einem Tag voller Spaziergänge durch Palermo schon voll, die Arancina bomba fiel also aus, und aus dem ganzen sizilianischen Angebot gewann am Ende das am wenigsten sizilianische: Tiramisu im Becher, ein Dessert aus dem Norden Italiens. Die Sahne war unglaublich, sie hob den ganzen Becher auf ein anderes Niveau, und wir waren uns einig: Das war eines der besten Tiramisu, die wir je gegessen haben - es war sofort weg. Es kostete 4 EUR, der Kaffee dazu 1,20 EUR; bezahlt habe ich vorher an der Kasse, per Fingerzeig. Beim nächsten Mal will ich zum Frühstück kommen. Oder auf ein spätes Glas. Bei einem Lokal, das um vier Uhr früh öffnet und um Mitternacht schließt, ist zum Glück beides drin.

Bar Touring

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

Über mich Kontakt

Das könnte dir gefallen:

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.