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Chinatown: günstig chinesisch essen in London

Dan Špaňhel Vereinigtes Königreich Aktualisiert Keine Kommentare

Das meistfotografierte Stück Alt-China in London ist jünger als ich. Die rotgoldenen Tore, unter denen sich heute die Menschenmassen mit ihren Handys drängen, entstanden erst Mitte der achtziger Jahre, und das größte an der Wardour Street kam sogar erst 2016 dazu.

Die Chinatown ist ein Geflecht aus wenigen Straßen im Herzen des Londoner West End: über achtzig Restaurants, chinesische Supermärkte und Girlanden roter Lampions, zusammengedrängt auf der Fläche eines größeren Häuserblocks. Dazu einer der wenigen Orte, an denen man im Zentrum wirklich günstig essen kann - die britische Küche ringsum ist nämlich alles andere als billig.

Chinatown: das Eingangstor zum Londoner Viertel.
Chinatown: das Eingangstor zum Londoner Viertel.

Von den Docks in Limehouse nach Soho

Die erste Londoner Chinatown lag nicht in Soho, sondern in den Docks des East End. In Limehouse ließen sich chinesische Seeleute nieder, die von britischen Reedereien billiger angeheuert wurden als die eigenen Landsleute, und in den 1880er Jahren entstanden um sie herum Pensionen, Wäschereien, Läden und Cafés für die durchreisenden Mannschaften. Die Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre und die deutschen Bomben tilgten das Viertel dann praktisch von der Landkarte. Ab den fünfziger Jahren zogen chinesische Gastronomen wegen der niedrigen Mieten in die Gerrard Street - und am Leben hielten sie vor allem britische Soldaten, die aus Fernost den Geschmack an chinesischem Essen mitgebracht hatten. Der oft wiederholte Satz, die Chinatown sei "in den siebziger Jahren entstanden", beschreibt also nur den Moment, in dem der langsame Umzug quer durch die halbe Stadt endlich abgeschlossen war. Die Tore und die steinernen Löwen kamen noch später dazu, als sorgfältig geplante Kulisse.

Chinatown: eine Straße unter Girlanden roter Lampions.
Chinatown: eine Straße unter Girlanden roter Lampions.

Die Straße der Tang-Menschen

Auf Chinesisch heißen Viertel wie dieses 唐人街, in kantonesischer Aussprache tong jan kaai - "Straße der Tang-Menschen". Die Diaspora benannte sich nach der Dynastie, die sie für das goldene Zeitalter ihrer Zivilisation hält, obwohl diese gute tausend Jahre vor der ersten Chinatown untergegangen war. Die Gerrard Street selbst trägt dagegen den Namen eines englischen Grafen, auf dessen ehemaligem Exerzierplatz sie einst angelegt wurde. Und noch einen Irrtum will ich geraderücken: die berühmteste Chinatown Europas ist zugleich eine der kleinsten. Die mit Abstand größte findest du in Frankreich, im 13. Pariser Arrondissement, dahinter folgt Mailand in Italien, den zweiten Platz in Großbritannien hält Manchester, und die älteste chinesische Gemeinde Europas lebt in Liverpool - samt dem größten chinesischen Torbogen außerhalb Chinas. London ist nur in einer einzigen Disziplin führend: bei den Menschenmassen.

Chinatown: endlose Reihen von Lampions über der Straße.
Chinatown: endlose Reihen von Lampions über der Straße.

Enten im Schaufenster und All you can eat

Der historische Kern des Angebots ist kantonesisch: gebratene Enten, die in den Schaufenstern glänzen, Dim Sum, Teehäuser. In den letzten Jahrzehnten kamen eine scharfe Sichuan-Welle, Bubble Tea sowie koreanische Grills und japanische Konditoreien dazu, sodass du heute in ein paar Straßen an die fünfzehn verschiedene Küchen zählst. Auch die Leute hinter den Theken wechseln: Zum Kantonesisch der Hongkonger Familien, die das Viertel aufgebaut haben, kommt nach und nach das Mandarin der Neuankömmlinge vom chinesischen Festland. Die Londoner Chinesen selbst sagen dazu, wer sehen will, wo ihre Gemeinde heute wirklich isst, müsse ihr dorthin folgen, wo sie wohnt - nach Bloomsbury zum Beispiel. Die Chinatown bleibt das Schaufenster; manchmal ganz wörtlich.

Am zuverlässigsten satt macht Touristen allerdings ein Buffet nach dem Prinzip "All you can eat": Du zahlst einmal und trägst danach nur noch Teller von der Ausgabetheke an deinen Tisch. Das chinesische Buffet kam Ende der vierziger Jahre in Kalifornien auf; aber kaum irgendwo ist es so heimisch geworden wie hier. Große Entdeckungen darfst du nicht erwarten: gebratene Nudeln, gebratener Reis, Fleischstücke in süßsaurer Soße, Brokkoli mit Karotten. Erwarte einen vollen Teller.

Chinesisches Buffet: die All-you-can-eat-Theke mit Nudeln und frittiertem Hähnchen.
Chinesisches Buffet: die All-you-can-eat-Theke mit Nudeln und frittiertem Hähnchen.
Chinesisches Buffet: gebratener Reis und Gemüse in süßsaurer Soße.
Chinesisches Buffet: gebratener Reis und Gemüse in süßsaurer Soße.

Was ich mir aufgeladen habe

An einem solchen Buffet habe ich mich nach dem Prinzip All you can eat für 14 GBP (15,20 EUR) satt gegessen; eine große Portion zum Mitnehmen kam auf 7 GBP (7,60 EUR), was für London wirklich sehr wenig ist. Die einzige Einschränkung, auf die ich gestoßen bin, betraf die Garnelen - ihre Menge pro Besuch ist meist begrenzt, alles andere liegt bei dir. Mit Karte zahlst du in chinesischen Buffets meistens nicht, Bargeld holst du dir aber problemlos an den Automaten direkt auf der Straße. Und der Geschmack? Ganz normales chinesisches Essen, nichts, was aus der Reihe tanzt: Wenn du chinesische Restaurants magst, wie sie bei uns in Tschechien in jeder Stadt stehen, verlässt du das Lokal satt und zufrieden, und wer ein außergewöhnliches Geschmackserlebnis sucht, geht lieber woanders hin. Ein außergewöhnliches Erlebnis war es also nicht. Eine außergewöhnliche Rechnung aber auch nicht - und das Zweite ist in London die größere Kunst.

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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