Bistro E. Pellicci: Full English Breakfast in London
Auf der britischen Denkmalliste erwartest du Kirchen, viktorianische Bahnhöfe und Landsitze des Adels. Im Januar 2005 kam ein Bistro aus dem Londoner East End dazu, in dem ab Viertel nach sechs Uhr morgens der Speck in den Pfannen brutzelt.
Das Bistro E. Pellicci im Londoner Stadtteil Bethnal Green führt seit 1900 dieselbe toskanische Familie, und sein Full English Breakfast, das deftige gebratene Frühstück der britischen Küche, gehört zu den berühmtesten der Stadt.

Von der Toskana an die Bethnal Green Road
Priamo Pellicci kam aus der Toskana nach London, fing in einem kleinen Café an der Bethnal Green Road an und kaufte es dem Besitzer später ab. Er starb allerdings schon 1931, und das Lokal ging an seine Witwe über. Die Initiale E. im Namen gehört deshalb nicht dem Gründer, sondern Elide Pellicci - der Frau, die das Café am Leben hielt und deren Porträt bis heute drinnen hängt. Heute steht die vierte Generation der Familie mit italienischen Wurzeln hinter dem Tresen, in der Küche kocht seit den Sechzigern Maria Pellicci. Nevio, der Sohn des Gründers, kam direkt über dem Café zur Welt; Familie und Lokal waren hier eben nie zwei verschiedene Adressen.
Der Tischler Capocci und die Kray-Brüder
Den Denkmalstatus verdankt das Lokal keinem Architekten, sondern einem Stammgast. Der Tischler Achille Capocci, treuer Gast des Hauses, verkleidete 1946 den einzigen Raum komplett mit Intarsientafeln im Art déco. Knapp sechzig Jahre später würdigten die Inspektoren von Historic England genau diese Arbeit als immer seltener werdendes Beispiel eines stilvollen italienischen Cafés, wie es sie in London zwischen den Kriegen zuhauf gab. Auf die Denkmalliste gebracht hat das Bistro also ein Tischler, der hier essen ging. An die Geschichte des East End erinnert auch ein Gästebuch, das niemand führt: Fast jeden Morgen frühstückten hier Ronnie und Reggie Kray, die gefürchtetsten Gangster des Viertels - um sechs Uhr früh, auf dem Heimweg aus den Nachtclubs, in denen für sie gerade Feierabend war.

Was bei den Pelliccis auf den Teller kommt
E. Pellicci ist ein typischer Caff - so nennen die Londoner ihre kleinen, billigen Bistros, für die sie auch den liebevolleren Spitznamen Greasy Spoon haben, den fettigen Löffel. Genau dort brutzelt das Full English Breakfast am häufigsten: Eier, Speck, Wurst, Bohnen in Tomatensoße, gebratene Tomate, Champignons, Toast und Black Pudding, die britische Blutwurst. Die Pelliccis ergänzen die englische Basis um eine italienische Note - neben den gebratenen Frühstücken steht auf der Karte auch die Lasagne. Das große gebratene Frühstück ist keine rein englische Spezialität, es ist auf den ganzen Britischen Inseln zu Hause. Worin sich die irische Schwester unterscheidet, beschreibe ich im Artikel über das Full Irish Breakfast. Zumindest habe ich es versucht.
Geöffnet ist von Montag bis Samstag, von Viertel nach sechs am Morgen bis fünf am Nachmittag. Am Wochenende stehst du vor der türkisen Fassade locker eine Stunde an; wer werktags kommt oder gleich zur Öffnung da ist, setzt sich sofort hin. Gezahlt wird ausschließlich bar, und der Geldautomat steht direkt gegenüber - die Frage der Kartenzahlung hat das Lokal salomonisch gelöst: Es hat die Sache der Bank überlassen.

Frühstück im zweiten Anlauf
Zum ersten Mal stand ich an einem Samstag gegen elf Uhr vormittags bei den Pelliccis in der Schlange. Es schüttete, und die Schlange vor dem Bistro sah trotzdem nach einer Stunde Wartezeit aus; ich gab auf. Beim zweiten Mal kam ich kurz nach der Öffnung und bekam sofort einen Platz. Auf dem Teller fanden sich eine Cumberland-Wurst, ein Spiegelei, zwei Scheiben Speck, zwei Hash Browns, zwei Scheiben Black Pudding, Bohnen in Tomatensoße, gegrillte Tomaten, Champignons und eine große Scheibe Toast mit zerlassener Butter - für 15,50 GBP (16,80 EUR). Die Wurst war grob gewolft und pfeffrig, das Eigelb lief beim ersten Schnitt aus, und der Black Pudding schmeckte erdiger und würziger, als sein Ruf verspricht. Ich war schon oft in London, die Stadt war lange meine liebste Metropole - ein besseres Full English Breakfast habe ich dort nicht gegessen. Vom leeren Teller stand ich mit dem Gedanken auf, dass ich mich beim nächsten Mal auch im strömenden Regen anstellen würde.
E. Pellicci