Colivă: der Trauerweizen, den man in Rumänien für die Seelen der Verstorbenen verteilt
Vor einer der vielen Kirchen in Iași (früher deutsch Jassy) drückte man mir einen Teller in die Hand, der aussah wie eine Festtagstorte: weiße Oberfläche, in der Mitte ein Kreuz aus Kakao. Der Löffel sank aber nicht in einen Tortenboden, sondern in Körner.
Colivă ist süßer gekochter Weizen, vermischt mit Walnüssen, Zucker und Zimt, zu einem Hügel geformt und mit Puderzucker oder Kokosraspeln bestreut - eine Speise, die die rumänische Küche nicht zum Mittagessen kocht, sondern für die Seelen der Verstorbenen. Man isst sie mit dem Löffel, geschnitten wird sie nicht.

Ein Wort, das einmal Kleingeld bedeutete
Die naheliegende Umschreibung "Trauertorte" wird der Colivă gleich in zweierlei Hinsicht nicht gerecht: eine Torte ist sie nicht, und das Wort selbst hat eine interessantere Karriere hinter sich. Das griechische kóllybos bezeichnete eine kleine Münze, und in hellenistischer Zeit nannte man so auch die kleinen Küchlein aus gekochtem Weizen; aus dem griechischen kóllyba machte das Kirchenslawische kolivo und das Rumänische colivă, mit der Betonung auf der zweiten Silbe. Aus Kleingeld wurde eine Speise für die Ewigkeit, ein Aufstieg, der dem Geld sonst nicht gelingt.
Erfunden hat Rumänien die Colivă allerdings nicht: süßen Weizen für die Toten kennt die ganze orthodoxe Welt. In Griechenland kommen Granatapfelkerne in die kollyva, und die Mönche auf dem Athos bestehen auf genau neun Zutaten, die bulgarische Küche trägt an den Totensamstagen kolivo in ein Tuch gewickelt zu den Gräbern, und die Serben segnen ihr žito nicht nur bei Beerdigungen, sondern auch bei der Slava, dem serbischen Familienfest des Schutzheiligen, bei der es eher fröhlich als traurig zugeht. Entferntere Verwandte des gekochten Getreides gibt es auch außerhalb der Orthodoxie: die sizilianische cuccìa, die Sizilien am 13. Dezember zu Santa Lucia isst, und die türkische Aşure, in die die türkische Küche an die vierzig Zutaten gibt, weil Noah nach der Sintflut angeblich alles gekocht hat, was auf dem Schiff übrig blieb. Verwandt sind sie mit der Colivă nicht, gemeinsam ist ihnen nur die Idee.
Ein Kaiser, ein Märtyrer und ein Korn, das sterben muss
Die orthodoxe Kirche erzählt, wie die Colivă zu ihrem Festtag kam. Kaiser Julian Apostata (regierte 361-363) ließ in der ersten Fastenwoche die Lebensmittel auf dem Markt mit dem Blut heidnischer Opfer besprengen, um den Christen die Fastenzeit zu entweihen; der Märtyrer Theodor Tiron erschien dem Erzbischof im Traum und riet, die Leute sollten nichts kaufen und gekochten Weizen mit Honig essen. Die rumänischen Orthodoxen erinnern bis heute daran: Der erste Samstag der großen Fastenzeit heißt Sâmbăta lui Toader, und an ihm kochen die Hausfrauen die erste Colivă des Jahres. Das ist eine Kirchenlegende, kein historischer Bericht, und Weizen für die Toten ist noch älter: Die Griechen opferten den Verstorbenen zu den Anthesterien eine gekochte Körnermischung, lange vor Christus. Wann der Weg von der antiken Opfergabe zur orthodoxen Schüssel führte, lässt sich nicht datieren; das antike Rom, das hier oft in einem Atemzug mit Griechenland genannt wird, hat mit der Colivă allem Anschein nach nichts zu tun. Warum Weizen, erklärt der Priester mit dem Johannesevangelium: Das Korn, das nicht stirbt, bleibt allein, und wenn es stirbt, bringt es Frucht. Colivă ist dieser Satz, gekocht.
Woraus die Colivă gekocht wird und wie man mit ihr umgeht
Die Grundlage ist einfach, die Arbeit langwierig. Der Weizen, in der Bukowina geschälte Gerste, muss verlesen, gewaschen und weich gekocht werden, erst dann kommen gemahlene Walnüsse, Zucker oder Honig, Zimt, Vanille, Zitronenschale und ein Schuss Rum dazu. In der Schüssel formt man die Masse zu einem Hügel, der movilă heißt, Grabhügel; die Oberfläche wird geglättet, mit Semmelbröseln und Puderzucker bedeckt, und erst auf diese weiße Leinwand zeichnet man mit Kakao oder Zimt ein Kreuz. Rund um das Kreuz Bonbons, Mandeln, manchmal die Initialen des Verstorbenen; statt Zucker werden auch Kokosraspeln gestreut. Geschmacklich erinnert sie an Grießbrei mit Zimt und Zucker, wie man ihn aus Kindertagen kennt, nur muss man die Körner kauen, und die Nüsse geben ihr einen erwachsenen Ernst.
Die Colivă wird in die Kirche getragen, zur Beerdigung und zu den Totengedenkgottesdiensten, die parastas heißen: am dritten, neunten und vierzigsten Tag nach dem Tod, dann nach einem Jahr, nach zwei, nach sieben und an den Totensamstagen. Der Priester segnet sie, und wenn "Veșnica pomenire", Ewiges Gedenken, gesungen wird, heben die Angehörigen die Schüssel an und wiegen sie. Nach der Zeremonie wird sie als pomană verteilt, als Almosen für die Seele des Verstorbenen, und sie abzulehnen gehört sich nicht - in der Bukowina glaubt man sogar, die Körner seien die Sünden des Verstorbenen und die Gäste trügen sie mit jedem Löffel fort. Auf der Speisekarte suchst du sie vergeblich: Wer die Colivă ohne Trauerfall in der Familie probieren möchte, wartet, bis ihn jemand vor der Kirche anspricht, oder kauft in der Konditorei einen Becher colivă la pahar, rund 150 Gramm, der allerdings meist für den parastas eines Verstorbenen bestimmt ist.
Ein Teller vor der Kirche in Iași
Die Colivă bekam ich in Iași, vor einer der vielen Kirchen dort, und eine Beerdigung war es wohl nicht - woran an diesem Tag genau erinnert wurde, habe ich nicht erfahren. Der Teller stand auf einer blauen bestickten Tischdecke, und das Kreuz aus Kakao war so sorgfältig gezeichnet, dass ich nur ungern als Erster den Löffel hineintauchte. Der Weizen war weich, die Körner ließen sich aber noch kauen, die Nüsse schmeckten stärker als der Zucker, die Kokosraspeln obenauf waren trocken und süß, und der Zimt kam erst zum Schluss. Sie kostete nichts - Colivă bekommt man geschenkt. Für eine Speise, die nach kleinen Münzen benannt ist, habe ich also nicht einmal Kleingeld bezahlt.