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Divin: moldawischer Weinbrand mit göttlichem Namen

Auf dem Flohmarkt am Bahnhof von Chișinău unterhielten wir uns mit einer Frau, indem wir uns gegenseitig die Handys mit der Übersetzungs-App reichten. Ein paar laut gesprochene Sätze, und jeder merkte, dass wir nicht von hier waren. Genau in diesem Moment wurde aus dem Plausch Gastfreundschaft: Wir müssten unbedingt probieren, sagte sie, und bestand so lange darauf, bis sie zu einer angebrochenen Halbliterflasche griff und uns in Pappbecher einschenkte, aufs Haus - falls es überhaupt ein Haus gab. Drin war Divin. Divin ist der moldawische Weinbrand: ein Destillat aus Weißwein, das mindestens drei Jahre in Eichenfässern reift und dessen Name eine geschützte Bezeichnung ist.

Divin: ein fünfjähriger VSOP vom Weingut Bardar.
Divin: ein fünfjähriger VSOP vom Weingut Bardar.

Was Divin bedeutet und wer sich das Wort ausgedacht hat

Zu Sowjetzeiten nannte man dieses Getränk moldawischen Konjak, und die Republik gehörte damit zu den führenden Brennereistandorten des ganzen Imperiums. Dann kamen die Unabhängigkeit, die Pläne für westliche Märkte - und ein Haken: Über das Wort cognac wacht Frankreich eifersüchtig, und Konjak ist nur seine Umschrift. Die Lösung fanden die Winzer selbst. Der Weinbauprofessor Anatol Balanuță schlug die technische Abkürzung distvin vor, für distilat de vin, und der Önologe Emil Rusu schliff daraus Divin - ein Wort, das auf Rumänisch göttlich bedeutet. Amtliche Abkürzung und Werbeslogan in einem; wann genau der neue Name galt, darüber schwanken die Quellen zwischen 1993 und 1996, also bleibe ich vorsichtshalber bei den Neunzigerjahren. Seit 2016 schützt auch die Europäische Union Divin als geografische Angabe. Am langsamsten benennt sich die Alltagssprache um: In Rumänien wird moldawischer Divin zwar unter seinem eigenen Namen verkauft, im Alltag nennen ihn dort aber viele weiterhin coniac.

Seine Regeln hat sich Moldawien nach dem Vorbild des Cognacs geschrieben, und sie gelten für jede Flasche mit dem Wort Divin: nur weiße Rebsorten aus einer verbindlichen Liste, das Destillat reift mindestens drei Jahre in Eiche, das fertige Getränk hat mindestens 40 Prozent, und alles von der Traube bis zum Korken muss auf moldawischem Boden geschehen. Bei uns in Tschechien brennt man vor allem Pflaumen, und Weinbrand fristet neben dem Sliwowitz ein Aschenputteldasein; hier gehört ihm eine ganze geschützte Kategorie. Die Altersstufen folgen dem Cognac-Alphabet: VS heißt mindestens drei Jahre, VSOP fünf, XO sieben und XXO zwanzig - und die Zahl auf dem Etikett bezieht sich immer auf das jüngste Destillat in der Cuvée. In die Cuvée dürfen neben enthärtetem Wasser auch Zuckersirup und Karamell.

Divin: ein fünfjähriger VSOP vom Weingut Vinuri Ialoveni.
Divin: ein fünfjähriger VSOP vom Weingut Vinuri Ialoveni.

Die Familie, die das Wort Cognac verlor

In Eiche gereiften Weinbrand brennt übrigens die ganze Region zwischen Balkan und Kaukasus, und fast jedes Land musste sich, nachdem es das Wort Cognac verloren hatte, einen eigenen Namen dafür suchen. Rumänien hat sich vinars ausgedacht, eine Lehnübersetzung des deutschen Branntweins; Serbien schenkt vinjak aus; der bulgarische Pliska trägt heute auf dem Etikett die Bezeichnung Trauben-Rakija; der armenische Ararat nennt sich zu Hause weiterhin Konjak, der kirgisische Cognac ebenso; die Ukraine hat ab 2026 auf brendi umgesattelt, während Russland das Wort Konjak kurzerhand als eigene Kategorie gesetzlich verankert hat. Ein Getränk mit einem Dutzend Pässen. Und die moldawischen Regeln haben in dieser Familie eine Besonderheit: Der rumänische Vinars darf kein einziges Gramm Zucker enthalten, Divin dagegen darf gesüßt werden - der Göttliche ist eben der Süßere.

Eine Flasche, die die Regeln nicht erfüllt, darf das Wort Divin nicht auf dem Etikett tragen, und wäre ihr Inhalt auch dreißig Jahre gereift. Vinuri Ialoveni brachte im Juni 2024 zur Feier des Beginns der EU-Beitrittsverhandlungen die festliche dreißigjährige Cuvée Ambassador für 1.870 MDL (91 EUR) heraus, die neben dem Destillat auch einen unter Florhefe gereiften Wein nach Sherry-Vorbild enthält - und auf dem Etikett steht nicht Divin, sondern băutură tare, starkes Getränk. Dieselbe ausweichende Bezeichnung tragen manche Flaschen der Marke Sarajishvili, benannt nach dem georgischen Unternehmer, der Ende des 19. Jahrhunderts Brennereien von Georgien bis ins moldawische Călărași gründete: magari sasmeli, starkes Getränk. Wenn du nicht Cognac schreiben darfst und nicht Brandy schreiben willst, schreibst du eben Getränk.

Ambassador: dreißig Jahre Reifung ohne Anrecht auf das Wort Divin.
Ambassador: dreißig Jahre Reifung ohne Anrecht auf das Wort Divin.

Ein Kapitel für sich spielt dort, wohin die Kontrolle aus Chișinău nicht reicht: KVINT in Tiraspol, der Hauptstadt des abtrünnigen Transnistrien. Die Abkürzung steht für Konjaks, Weine und Getränke Tiraspols, das Werk gehört der örtlichen Holding Sheriff und stellt Divins im Alter von drei bis sechzig Jahren her. Dieselben Flaschen verkauft es zu Hause als Divin, nach Russland als Konjak und in die USA als Brandy; alle tragen dabei die Aufschrift Made in Moldova. In moldawischen Läden steht der Kvint aus Tiraspol ganz selbstverständlich neben dem Bardar vom rechten Ufer des Dnister; im Regal, das ich fotografiert habe, war ein fünfjähriger Kvint Jubilee für 167,40 MDL (8,20 EUR) der günstigste aller Divins.

Divin: Altersstufen vom fünfjährigen VSOP bis zum zwölfjährigen XO.
Divin: Altersstufen vom fünfjährigen VSOP bis zum zwölfjährigen XO.

Wie man Divin trinkt und kauft

Der moldawische Kanon verlangt, Divin wie Cognac zu behandeln: ein Tulpenglas, 16 bis 18 Grad, kleine Schlucke - wer ihn aus dem Schnapsglas auf ex kippt, versteht angeblich gar nichts. Die Kette La Plăcinte gießt ihn sogar in türkischen Kaffee, und in Bars wird er glasweise ausgeschenkt: Die Eli-Pili in Chișinău schenkt einen siebenjährigen Bardar XO für 55 MDL (2,70 EUR) aus. Der einfachste Einstieg ist aber eine 0,05-l-Miniatur aus der Vinothek - genau so eine, wie ich sie unter die Tipps im Artikel Was aus Moldawien mitbringen? aufgenommen habe. Und wer Eindruck schinden will, findet in den Läden ein ganzes Genre hölzerner Geschenkkassetten für Divin.

Divin: ein siebenjähriger Divin vom Weingut Cricova.
Divin: ein siebenjähriger Divin vom Weingut Cricova.

Miniatur aus dem Laden, Kurzer vom Flohmarkt

Die gesittetere meiner beiden Verkostungen in Chișinău fand vor dem kleinen Laden Pianyi Ugol neben dem Verkostungssaal Wine.md statt (siehe Wo man in Chișinău auf ein Glas geht): eine Miniatur des fünfjährigen Cuza Vodă VSOP, 0,05 l für 50 MDL (2,40 EUR), geteilt mit einem Freund auf der gemeinsamen Gartenterrasse, gleich nach einer Miniatur Nucată. Für seine fünf Jahre war der Cuza Vodă überraschend rund: Vanille und Karamell vorn, kein Brennen, ein kurzer, eher süßer Abgang - kurzum, ein Destillat, dem der Zuckersirup in der Cuvée gut bekommt.

Divin: eine Verkostung auf dem Flohmarkt.
Divin: eine Verkostung auf dem Flohmarkt.

Die zweite Verkostung ist die Szene vom Anfang des Artikels. Der Flohmarkt Lokomotiv am Bahnhof, derselbe, auf dem ich zwischen den Planen die Gogonele entdeckt habe; die Frau, mit der wir per Übersetzungs-App ins Plaudern gekommen waren. Sie schenkte uns aus der angebrochenen Flasche fünfjährigen Bardar ein und wollte nichts dafür. Im Vergleich zum Cuza Vodă war der Bardar trockener und kantiger, mehr Eiche als Karamell; der Pappbecher tat seiner Noblesse nichts Gutes, seinem Geschmack aber erstaunlicherweise auch keinen Abbruch. Neben der Flasche stand eine PET-Flasche Apfelsaft, gemischt wurde aber nichts: Der Saft blieb Saft, der Divin blieb Divin, und über das Mischen mit Saft schweigt sich der moldawische Kanon ohnehin aus. Ob die Frau auf dem Markt Schnäpse verkaufte oder uns einfach an ihrer Brotzeit teilhaben ließ, habe ich nicht einmal mit der Übersetzungs-App herausbekommen. Die Preisliste für Divin beginnt bei Miniaturen für fünfzig Lei und verliert sich nach oben irgendwo bei sechzigjährigen Raritäten aus Tiraspol; der Kurze, an den ich mich am längsten erinnern werde, war gratis.

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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