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Hejnická putovnice: ein Klosterbier für den Wallfahrtsort Hejnice

Dan Špaňhel Tschechien Aktualisiert Keine Kommentare

Mehr als das Wort "Kloster" verrät das Etikett. Es ist schwarz, dreieckig, und in der Mitte schreitet eine Frau im blauen Mantel mit Regenschirm aus, den Kopf gesenkt, mit einem Schritt, der auf niemanden wartet. Hinter ihr die Silhouette der Kirchtürme. Darunter die Zahl zehn, darüber der Name Volt und am Flaschenhals ein gelber Aufkleber: Kleinbrauerei des Jahres. Wer Etiketten lesen kann, hat alles Wesentliche beisammen: wohin es geht, wer das Bier wirklich gebraut hat und wie selbstbewusst es auftritt.

Die Hejnická putovnice ist ein helles, unfiltriertes und unpasteurisiertes Lagerbier mit zehn Grad Stammwürze, das sich das Kloster in Hejnice (deutsch Haindorf) im Friedländer Land von der Kleinbrauerei Volt in Jablonec nad Nisou brauen lässt und in 0,75-Liter-Flaschen an Pilger und Kurgäste verkauft - ein Klosterbier, wie nur Tschechien es hinbekommt: ohne einen einzigen Mönch.

Hejnická putovnice: helles Lagerbier, gebraut für das Kloster in Hejnice.
Hejnická putovnice: helles Lagerbier, gebraut für das Kloster in Hejnice.

Wer die Putovnice ist und wohin sie so eilt

Das Wort putovnice steht in keinem Wörterbuch, das Kloster hat es erfunden. Gemeint ist eine rüstige alte Dame, die zügig zur Wallfahrtskirche von Hejnice ausschreitet - genau die vom Etikett. Ihr Ziel ist die Basilika Mariä Heimsuchung: Der Legende nach schlief hier ein armer Siebmacher unter drei Linden an der Smědá ein und bekam im Traum den Auftrag, eine Marienfigur in den Baum zu hängen; seine Frau und sein Kind wurden gesund, und die Leute fingen an zu kommen. Auf eine Jahreszahl lässt sich die Legende nicht festlegen, belegt ist der Ort erst ab dem vierzehnten Jahrhundert, doch der Wallfahrtsort wuchs so stark, dass unter der Herrschaft der Gallas angeblich bis zu 120.000 Menschen im Jahr hierherkamen. Die Franziskaner, die seit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts das Kloster an der Basilika führten, kümmerten sich um sie. Und ein Pilger, der zu Fuß gekommen ist, hat nach der Messe in jedem Jahrhundert denselben Durst.

Klosterbier ohne Mönche

Der Haken ist: In Hejnice lebt längst kein Franziskaner mehr. Im April 1950 machte das kommunistische Regime aus dem Kloster ein Internierungslager: In die Zellen für gut zwanzig Ordensleute quartierte es an einem einzigen Tag hundertfünfzig Männer aus den zerschlagenen Orden ein. Das Klosterleben kehrte nie zurück; das renovierte Gebäude betreibt die Diözese seit der Jahrtausendwende als Bildungs-, Tagungs- und Pilgerhaus. Den Mönch mit der Maischschaufel, den das Wort "Kloster" verspricht, hat es hier also nie gegeben. In Tschechien ist das aber normal. Das einzige Kloster im Land, das in eigener Regie braut, sind die Prämonstratenser in Želiv; die berühmten Prager Klosterbrauereien sind nur Mieter in alten Klostergemäuern, und die einzigen tschechischen Trappisten, die Mönche von Nový Dvůr, brauen überhaupt kein Bier - sie stellen Senf her. In welchem Jahr die Putovnice genau entstanden ist, habe ich nicht herausgefunden.

In Belgien, wo ich Klosterbiere gern trinke, nimmt man diese Frage ernst: Ein Trappistenbier darf sein Gütesiegel nur tragen, wenn es innerhalb der Abteimauern unter Aufsicht der Mönche gebraut wird und der Erlös in den Unterhalt des Klosters und in wohltätige Zwecke fließt - und als aus einer belgischen Abtei die letzten Mönche auszogen, verlor auch das Bier sein Siegel. Die Putovnice braut Volt, eine weltliche Kleinbrauerei in einer Villa in Jablonec nad Nisou. Dafür ist es eben Volt - die Brauerei, die 2021 und 2022 die Wahl der tschechischen Vereinigung der Bierfreunde zur Kleinbrauerei des Jahres (Minipivovar roku) gewonnen hat; ja, das ist der gelbe Aufkleber vom Etikett. Ein Kloster ohne Mönche hat sich eine Brauerei mit Titeln ausgesucht. Eine vernünftige Arbeitsteilung: Die einen liefern den Namen und die Pilger, die anderen können brauen.

Das Zehn-Grad-Bier nach Martin Palouš

Das Rezept stammt von Volts Braumeister Martin Palouš und liest sich bescheiden: ein helles, untergäriges Lagerbier mit zehn Grad Stammwürze, gehopft mit Magnum und dem Saazer halbfrühen Rothopfen (žatecký poloraný červeňák), rund vier Prozent Alkohol. Unfiltriert und unpasteurisiert heißt: Die Hefe ist in der Flasche geblieben, und niemand hat das Bier der Haltbarkeit zuliebe ein zweites Mal erhitzt - deshalb ist es trüb, deshalb schmeckt es voller, als ein Zehn-Grad-Bier schmecken müsste, und deshalb will es kühl getrunken werden und nicht lange warten. Der Unterschied ist derselbe wie zwischen Brot vom Bäcker und abgepacktem Toastbrot: Das erste schmeckt mehr, das zweite hält länger. Die Flasche ist für tschechische Verhältnisse ungewöhnlich: ein Dreiviertelliter, von der Form her näher am Wein als am Bier - man bringt sie mit, wenn man statt einer Flasche Wein zu Besuch kommt, und der Gastgeber macht sie ohnehin sofort auf.

Getrunken wird sie dort, wo sie verkauft wird: im Klosterrestaurant und in der Konditorei U kostela gleich neben der Basilika, zwischen Kaffee und Kuroblaten. Neben den Pilgern kaufen hier Gäste aus dem benachbarten Kurort Lázně Libverda ein, wo man mit kohlensäurehaltigem Mineralwasser Gelenke und Herz behandelt - meist ältere Leute mit eigenen Maßstäben für Kaffee und Bedienung, und eine Konditorei für sie zu führen stelle ich mir nicht leicht vor. Kauf die Flasche erst auf dem Rückweg von der Basilika, nicht auf dem Hinweg: Ein unfiltriertes Zehn-Grad-Bier und zwei Stunden im Rucksack in der Sonne vertragen sich nicht unbedingt.

Die Flasche vor der Basilika

Ich habe die Putovnice genau dort gekauft, in der Konditorei U kostela in Hejnice, und sie noch vor der Basilika fotografiert, bevor sie in den Rucksack wanderte. Es war ein gutes Zehn-Grad-Bier: goldgelb, mit hefiger Fülle und brotiger Süße, die Bitterkeit des Saazer Hopfens kam erst im Abgang und ließ sich Zeit. Für ein Zehn-Grad-Bier schmeckte es hervorragend und war ordentlich spritzig. Die 0,75-Liter-Flasche kostete 130 CZK (5,20 EUR). In Belgien hätten die Trappisten diesem Bier ihren Stempel verweigert, ohne Mönch und ohne Klostermauer. In Hejnice ist es damit durchgekommen. Bei mir auch.

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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