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Kleckselkuchen: der sächsische Kuchen, den man in Nordböhmen vor der Hochzeit verteilt

Dan Špaňhel Tschechien Aktualisiert Keine Kommentare

Auf den ersten Blick sieht es nach einem Missgeschick in der Küche aus. Der Mohn liegt in Streifen, die Marmelade in Klecksen, dazwischen lugt der Quark hervor und die Streusel decken das Ganze nur halb zu. Genau so soll dieser Kuchen aber aussehen, und das verrät schon sein Name: Er ist gekleckst, also mit dem Löffel hingeklatscht, wie es die Hand gerade wollte.

Der Kleckselkuchen (auf Tschechisch kecaný svatební koláč, der gekleckste Hochzeitskuchen) ist ein Hefekuchen aus sächsischen Bäckereien und dem nordböhmischen Grenzland, auf dessen Quarkschicht mit dem Löffel Streifen und Kleckse aus Mohn, Pflaumenmus oder Marmelade verteilt werden; darüber kommen Streusel mit Mandeln und nach dem Backen Puderzucker. In der Region um Česká Lípa trägt ihn die Familie der Braut vor der Hochzeit herum, und deshalb heißt er dort Hochzeitskuchen.

Kleckselkuchen: der ganze Kuchen mit Streifen aus Mohn und Marmelade.
Kleckselkuchen: der ganze Kuchen mit Streifen aus Mohn und Marmelade.

Ein Klecks in beiden Sprachen

Der deutsche Name beschreibt schlicht den Handgriff: Klecks ist der Farbfleck, klecksen hieß im 18. Jahrhundert auch nachlässig hinschreiben. Das tschechische kecat klingt fast genauso und meint dasselbe, nämlich schludrige Arbeit der Hände oder des Mundes, verwandt sind die beiden Wörter aber wohl nicht. Zwei Sprachen sind nur unabhängig voneinander darauf gekommen, dass diesen Kuchen jemand hingeklatscht hat, und beide meinen es als Lob. In Sachsen ist der Kleckselkuchen eine Spezialität des ganzen Bundeslandes, von Leipzig bis ins Erzgebirge, auf der tschechischen Seite hält er sich im nördlichen Grenzland: In Děčín nennt man ihn nach dem Stadtteil Podmokly Podmokelský koláč, in der Gegend um Česká Lípa eben Hochzeitskuchen.

Ein Resterezept aus einer Leipziger Schule für höhere Töchter

Der Kuchen stammt aus keinem Dorf und blickt auf keine Jahrhunderte zurück. Laut dem sächsischen Portal für regionale Spezialitäten entstand er um 1900 in Leipzig, in der Kochlehranstalt von Therese Niese für Töchter aus besseren Häusern, und zwar als Rezept für Reste: Vom Mohnkuchen blieb Mohn übrig, vom Quarkkuchen Quark, von einem weiteren ein paar Äpfel oder etwas Pflaumenmus, und Frau Niese brachte den Mädchen bei, das alles auf einen einzigen Teigboden zu klecksen, damit nichts weggeworfen wurde. Von einer Hochzeit steht in den deutschen Quellen nichts, in Sachsen ist es ein Kuchen zum Kaffee, den man beim Bäcker holt. Zu seiner Rolle bei der Hochzeit kam er erst jenseits der Grenze, in Nordböhmen, wo man schon zuvor vor der Hochzeit Kuchen herumtrug und dieser gut in den Brauch passte: Von einem Blech bekommt jeder Verwandte ein Stück mit allem darauf. Die Hälfte dessen, was im tschechischen Internet über ihn steht, stimmt also: Aus Sachsen kommt er. Zum Hochzeitskuchen wurde er erst jenseits der Grenze, und wann genau er sie überschritten hat, hat niemand festgehalten.

Kleckselkuchen: Blick von oben auf den ganzen Kuchen.
Kleckselkuchen: Blick von oben auf den ganzen Kuchen.

Drei Füllungen auf einem Blech

Die Grundlage ist ein dünner Hefeteig und darauf der Quark, der tut, was Quark im Kuchen immer tut: Er hält die Feuchtigkeit und gleicht mit seiner Säure aus, was auf ihn kommt. Dann kommt der Löffel zum Einsatz. Der Mohn wird in dichten Streifen hingeklatscht, das Pflaumenmus oder die Marmelade in Klecksen, und keine zwei Kleckselkuchen sehen gleich aus, weil das Muster nicht nach einer Vorlage entsteht, sondern nach der Hand, die an diesem Tag gebacken hat. Die Streusel mit Mandelblättchen fassen das Ganze zusammen, und der Puderzucker nach dem Backen mildert, was am Rand zu dunkel geraten ist.

In Sachsen kaufst du ihn beim Bäcker zum Nachmittagskaffee, ohne Anlass und ohne Zeremonie. In Nordböhmen backt man ihn auf dem Blech und in der runden Form, und vor der Hochzeit wandert er zusammen mit der Hochzeitseinladung zu Verwandten und Nachbarn, sodass mancher von der Hochzeit eher durch den Kuchen erfährt als durch die Post. Wer keine Braut in der Familie hat, kann ihn in Děčín unter dem Namen Podmokelský koláč probieren oder in jeder sächsischen Bäckerei; in Leipzig, wo er entstanden ist, liegt er genauso in der Auslage wie im Erzgebirge.

Kleckselkuchen: Anschnitt mit Quark, Mohn und Marmelade.
Kleckselkuchen: Anschnitt mit Quark, Mohn und Marmelade.

Der Kuchen, der vor der Hochzeit kam

Ich mag Volksbräuche. Als Kind war ich im Kinderfolkloreensemble Valášek, ich fahre zum Festival Jánošíkův dukát, und wenn es zeitlich passt, lasse ich auch den Wettbewerb "Na chleba sa těžko dělá" in meinem Geburtsort Nový Hrozenkov nicht aus - der Name im mährischen Dialekt heißt so viel wie: Sein Brot verdient man sich schwer. Als bei einem Besuch in der Gegend um Česká Lípa ein Kleckselkuchen als vorzeitiges Hochzeitsgeschenk der Familie auf unserem Tisch landete, war ich also begeistert, noch bevor ich ihn angeschnitten hatte. Im Anschnitt waren alle Schichten zu sehen: dünner Teig, weißer Quark, darüber dunkler Mohn und Aprikosenmarmelade, obenauf die Streusel mit Mandeln. Der Quark war unter der süßen Marmelade fein säuerlich, der Mohn dicht und leicht nussig, die Streusel waren knusprig, und der Teig darunter war kaum zu schmecken, er hielt nur alles zusammen. Den Preis kenne ich nicht: Dieses Stück wurde nicht bezahlt, dieses Stück war ein Geschenk. Hochzeitsgeschenke bringen sonst die Gäste mit. Dieses hier haben wir bekommen, und das noch vor der Hochzeit.

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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