Dschermuk: armenisches Mineralwasser aus dem Bergkurort
Die sowjetarmenische Enzyklopädie handelte das Wasser von hier in einem einzigen Satz ab: Sie stellte es neben Karlsbad, Vichy, Bordschomi und Jessentuki. In solche Gesellschaft gerät ein Heilwasser nur mit Empfehlung. Dschermuk (auf dem Etikett in lateinischer Schrift Jermuk) hatte sie: vierhundert Stellen, an denen rund um ein einziges Bergstädtchen heißes, kohlensäurehaltiges und leicht salziges Wasser aus dem Boden tritt.
Dschermuk (armenisch: Ջերմուկ) ist ein armenisches Mineralwasser aus den Thermalquellen der gleichnamigen Kurstadt in Wajoz Dsor und zugleich das bekannteste abgefüllte Mineralwasser der armenischen Küche - im Restaurant bekommst du es in der grünen Glasflasche, stark oder leicht sprudelnd. In die Flasche kommt allerdings nur ein Bruchteil dessen, was die Quellen hergeben. Der Rest bleibt in der Kolonnade, wo man direkt aus dem Hahn trinkt.

Was das Wort dschermuk bedeutet und wo man solches Wasser noch trinkt
Das Wasser hat seinen Namen von der Stadt und die Stadt ihren vom Wasser - nur mit einer anderen Logik, als man erwarten würde. Das armenische dschermuk ist ursprünglich kein Eigenname, sondern ein ganz gewöhnliches Wort: dscherm bedeutet warm und dschermuk heiße Quelle - die Quelle, die aus dem Boden tritt. Die Stadt heißt also einfach Heiße Quelle, und der ältere turksprachige Name desselben Ortes, Isti-su, bedeutet genau dasselbe. Zwei Sprachen, zwei Völker - und für den Ort, an dem heißes Wasser aus dem Fels läuft, kamen beide unabhängig voneinander auf dieselbe Idee. Das Wasser selbst betrachtet Armenien als nationales Gut, und das zu Recht: Quelle wie Abfüllanlage sind armenisch. In der Sowjetunion entstand eine ganze Reihe von Heilwässern mit eigenem Etikett, und das georgische Bordschomi, seit 1890 abgefüllt, ist davon das berühmteste und älteste; Dschermuk ist ihm vom Typ her nah verwandt, kommt nur deutlich heißer aus dem Boden. Konkurrenz im eigenen Land hat es auch - Armenien füllt weitere Quellen ab, etwa Bjni oder Dilidschan -, aber eine ganze Kurstadt gehört nur zu Dschermuk.

Der Hirsch auf dem Etikett und das Arsen in der Flasche
Auf dem Etikett trägt Dschermuk einen Hirsch, und dieser Hirsch hat eine Geschichte: Ein verletztes Tier soll zur heißen Quelle gekommen sein, darin gebadet haben und gesund in den Wald zurückgekehrt sein. Es ist eine Legende, die die Armenier selbst als Volkserzählung bezeichnen, geblieben ist davon aber das Stadtsymbol. Die belegte Geschichte ist nüchterner und beginnt im Mittelalter. Mit dem Wasser wurde hier schon damals kuriert, kommerziell abgefüllt wird es seit 1951, und zu Sowjetzeiten wurde aus dem Städtchen auf zweitausend Metern eine "Kurstätte der ganzen Union" mit tausenden Sanatoriumsbetten, in die man aus dem gesamten Imperium zur Behandlung fuhr. Reiseführer packen gern noch Geysire dazu - die gibt es hier nicht, nur heiße Quellen, die nicht spritzen müssen, weil ihnen das Fließen genügt. Und Heilwasser kann auch überraschen: 2007 zog die US-Behörde FDA eine Charge Dschermuk aus dem Verkehr, in der sie fünfzigmal mehr Arsen fand als erlaubt. Das armenische Rechercheportal Hetq schrieb jahrelang darüber; zu Hause trank man das Wasser weiter. Im Frühjahr 2026 verbot es dann Russland, kurz nach dem Verbot armenischer Blumen - aus Gründen, die in Moskau hygienische genannt werden und in Eriwan politische.

Was im Wasser steckt und wie man es in Armenien trinkt
Aus dem Boden kommt Dschermuk mit bis zu 64 Grad und mit vier Gramm Mineralien pro Liter. Die Hauptrolle spielt Natrium, das den leicht salzigen Geschmack macht, dazu kommen Hydrogencarbonate und Sulfate und als Drittes Kohlendioxid, das sich das Wasser aus der Tiefe selbst mitbringt. Aus der Flasche schmeckt es wie aus dem Trinkbecher im Kurbad, leicht salzig und voll - da fällt einem wieder ein, warum man Heilwässer in Schlucken trinkt und nicht in halben Litern. Im Restaurant bekommst du es in der Glasflasche zu 0,33 l, zur Wahl stehen das stark sprudelnde Classic und das leicht sprudelnde Millennium; wer keine Blasen in der Nase will, bestellt das zweite. Und wer bis nach Dschermuk selbst fährt, geht in die Kolonnade: eine lange offene Halle mit steinernen Säulen, darin eine Reihe von Quellen, die in steinerne Amphoren gefasst und für jeden frei zugänglich sind. Die Quellen unterscheiden sich in Temperatur und Zusammensetzung, von lauwarm bis heiß, und die heißen trinkt man in kleinen Schlucken.

Die Flasche in der Hitze und der Becher in der Kolonnade
Dschermuk habe ich in Armenien fast überall getrunken, wo ich am Tisch saß, und in der Sommerhitze war es mir lieber als alles andere auf der Karte: Es ist erfrischend, leicht salzig, und nach dem ersten Schluck verstehst du, warum dieses Wasser im ganzen Land so selbstverständlich bestellt wird wie Brot. In der Kolonnade in Dschermuk habe ich dann eine Quelle nach der anderen probiert, und die warmen schmeckten salziger und voller als das Wasser aus der Flasche, mit einem metallischen Nachklang, der in der gekühlten Version fast verschwindet. Eine Flasche zu 0,33 l kostet auch in teureren Lokalen rund 350 AMD (0,80 EUR), in der Kolonnade zahlst du gar nichts. Nur bei der sprudelnden Variante solltest du beim Öffnen aufpassen: Sie hat so viel Kohlensäure, dass du die erste Drehung am Verschluss besser über dem Tisch erledigst als über den eigenen Knien.