Armenisches Bier: Kilikia, Gyumri und das Getränk, das Xenophon trank
Zehntausend griechische Söldner ziehen sich durch das winterliche Armenien zurück, das Heer geschlagen, der Weg ans Meer weit. Dorfbewohner nehmen sie unter ihr Dach und bringen Gefäße, in denen Gerstenkörner schwimmen und aus denen Schilfhalme ragen. Xenophon, der das alles überlebt und in der Anabasis aufgeschrieben hat, notierte, das Getränk sei stark, beim ersten Schluck ungewohnt und bei den Einheimischen sehr beliebt gewesen. Man schrieb das Jahr 401 vor Christus, und es ist die älteste Beschreibung von Bier auf dem Gebiet des heutigen Armeniens - älter als das meiste, womit sich Armenien heute schmückt.
Armenisches Bier (armenisch: գարեջուր, Garedschur) ist heute fast ausnahmslos ein helles Lagerbier aus Wasser, Gerstenmalz und Hopfen, das in der armenischen Küche im Schatten von Wein und Brandy steht - obwohl davon mehr produziert wird als Wein.

Gerstenwasser und seine kaukasischen Verwandten
Das Armenische hat sich das Wort für Bier nirgendwo geborgt, es hat es einfach zusammengesetzt: gari ist Gerste, dschur ist Wasser, Garedschur ist Gerstenwasser. Ein Wort, das das Produkt genauer beschreibt als manches Etikett. Die Bierkultur teilt Armenien mit dem ganzen Südkaukasus, erfunden hat das Land sie allerdings nicht: Eriwan und Baku bekamen in den Sowjetjahren je eine große staatliche Brauerei nach demselben Muster, nach dem Zerfall der Sowjetunion kaufte sie ein einheimischer Unternehmer oder ausländisches Kapital, und heute fließt daraus ein helles Lagerbier, das sich von dem des Nachbarn vor allem durch das Etikett unterscheidet. Die georgische Küche hat Natachtari und Kazbegi, Aserbaidschan hat Xırdalan, Armenien hat Kilikia - und in allen drei Ländern kommt das Bier erst nach dem Nationalgetränk, ob sie es nun Wein nennen oder Konjak. Das Bier Ararat aus der Brauerei in Gjumri hat mit dem berühmten Brandy Ararat nichts gemeinsam außer dem Berg auf dem Etikett; den leihen sich in Armenien Banken, Hotels und Brauereien gleichermaßen.
Wer armenisches Bier braut und seit wann
Moderne Brauereien entstanden im Land Ende des 19. Jahrhunderts, in Eriwan wie im damaligen Alexandropol, dem heutigen Gjumri, und darüber, welche die erste war, sind sich die armenischen Quellen bis heute uneins. Sicher sind erst die sowjetischen Daten. Die größte Brauerei des Landes steht seit 1952 in Eriwan, und ihre Vorzeigemarke Kilikia ist heute in Armenien die verbreitetste; die Brauerei Kotayk in Abowjan bauten 1974 tschechoslowakische Fachleute mit einer Kapazität, die den ganzen Kaukasus versorgen sollte, und in Gjumri braut seit 1970 die Brauerei Gyumri, deren Halle ein Erdbeben dem Erdboden gleichmachte und die nach der Privatisierung wieder auf die Beine kam. Wenn du in Armenien also eine Flasche Kotayk öffnest, trinkst du ein Bier aus einer Brauerei, die einst Tschechen gebaut haben. Das Rezept ist allerdings einheimisch, und auf Pilsner Bitterkeit setzt es nicht.

Was die Armenier wirklich trinken und wo du Bier bekommst
Armenien spricht von sich als Land des Weins und des Brandys, und trotzdem wird hier laut Produktionsstatistik weit mehr Bier hergestellt als Wein. Wein und Konjak sind die Visitenkarte für den Export, Bier ist das, was man am Dienstagabend trinkt. Fast alles armenische Bier ist ein helles Lagerbier mit rund 4,5 Prozent Alkohol, nur aus Gerstenmalz, Hopfen und Wasser, über dessen bergklare Reinheit jede Brauerei so redet, als hätte sie es erfunden; belegen kann es niemand, sauber schmeckt es aber wirklich. Fruchtbiere findest du erst in der Eriwaner Craft-Brauerei Dargett, wo sie auch ein Aprikosen-Ale brauen - in Armenien ließ sich das wohl nicht vermeiden.
Im Restaurant musst du dich auf Flaschenbier einstellen: Fassbier ist in armenischen Lokalen eher die Ausnahme, und auch ein gutes Restaurant öffnet dir die kleine Flasche am Tisch. Im Laden kostet dieselbe Flasche ungefähr die Hälfte, beliebt sind auch PET-Flaschen mit einem Liter und mehr. In größeren Supermärkten habe ich dann etwas gefunden, das bei uns nur noch die Generation meiner Großeltern kennt: eine Zapfstelle, an der du dir das Bier selbst in eine Plastikflasche abfüllst, so wie man früher mit dem leeren Krug ins Wirtshaus ging. Wer mehrere Marken auf einmal probieren will, fährt am besten im Juli nach Eriwan, wenn im Zentrum das Bierfest stattfindet; den Rest des Jahres bleibt dir nur, die Regale abzugehen und im Lokal zu bestellen.
Zwei kleine Flaschen aus derselben Brauerei
Ich habe in Armenien nur zwei Biere probiert, und beide stammten, wie sich herausstellte, aus derselben Brauerei in Gjumri. Das Gyumri trank ich in Eriwan im Restaurant Anteb (siehe Wo man in Eriwan essen geht), das Ararat im Restaurant Lavash. Beide kamen in der Flasche und schmeckten so, wie ein Lager in einer heißen Stadt schmecken soll: leicht, sauber, mit malziger Süße auf der Zunge. Stark oder ungewohnt wie bei Xenophon war es nicht. Getrunken hat es sich trotzdem genauso bereitwillig. Für dieselbe kleine Flasche aus derselben Brauerei habe ich einmal fast das Doppelte bezahlt wie das andere Mal, und der Unterschied lag nicht im Bier, sondern in der Adresse: die kleine Flasche Gyumri kostete im Anteb 600 AMD (1,40 EUR), die kleine Flasche Ararat im Lavash 1.000 AMD (2,40 EUR).