Lao Fang Zi: kantonesisches Restaurant in Flic en Flac
Das Wertvollste, was man mir an diesem Abend servierte, lag nicht auf dem Teller. Es war die kühle Luft. Ein mauritischer Abend hält die Hitze des Tages noch lange fest, und ein klimatisierter Gastraum ist auf der Insel ein Luxus, der auf keiner Rechnung steht, aber lange in Erinnerung bleibt.
Das Lao Fang Zi (chinesisch 老房子, "altes Haus") ist ein kantonesisches Restaurant unweit des Zentrums von Flic en Flac, dem größten Badeort an der Westküste von Mauritius - und ich ging mit einem einfachen Plan hinein: nach Wochen mauritischer Küche einmal von einer anderen Küche bekochen lassen.

Das alte Haus, das auf der Insel ein Neuling ist
Der Name gehört in die Abteilung Nostalgie: lao fang zi heißt altes Haus, und chinesische Restaurants nennen sich so, wenn sie Tradition und Familienrezepte versprechen wollen. Die Gäste begrüßten das Lao Fang Zi dagegen als frische Verstärkung der chinesischen Szene auf der Insel - das Restaurant mit dem Namen Altes Haus gehört hier zu den jüngsten. Alt ist erst die Szene dahinter: Die ersten Chinesen kamen Ende des 18. Jahrhunderts aus Kanton auf die Insel, nach 1860 wurden sie von den Hakka aus Meixian zahlenmäßig überflügelt, und in Port Louis gibt es bis heute das chinesische Viertel: einen halben Kilometer entlang der Rue Royale, wo jeden Oktober ein Fest des chinesischen Essens stattfindet.
Die Nachfahren der Einwanderer machen heute etwa drei Prozent der Bevölkerung aus, die kleinste der vier großen Gemeinschaften der Insel; Reiseführer befördern sie trotzdem gern zur "bedeutenden Minderheit". Die Volkszählung spricht ihnen drei Prozent zu, die Speisekarte der Insel deutlich mehr: Die gebratenen Nudeln Mine frit und die gedämpften Klößchen Boulettes sind heute mauritische Klassiker chinesischen Ursprungs, und manche ihrer Varianten - etwa Klößchen aus Chayote - würde in Kanton selbst niemand wiedererkennen. Auf Mauritius von der lokalen Küche zur chinesischen zu fliehen heißt deshalb, im Kreis zu laufen - man landet am Ende wieder bei den Ursprüngen.

Knuspriges Hähnchen, Holzohr und eine Vorspeise ohne Bestellung
Das Restaurant liegt an der Coastal Road hinter dem Parkplatz des Pasadena-Komplexes, ein Stück vom Strand entfernt, und drinnen ist es mustergültig sauber. Die Küche hält sich an das kantonesische Repertoire: gedämpfter Fisch, Nudeln, gebratenes Hähnchen und am Freitagabend ein Buffet, bei dem man einmal zahlt und dann aufhört zu rechnen. Ein Europäer kennt diese Karte aus den China-Imbissen zu Hause; hier stehen aber die Nachfahren derer am Herd, die sie auf die Insel gebracht haben. Noch vor der Bestellung landet ein Gruß aus der Küche auf dem Tisch, eine Schale mit eingelegtem Gemüse und Pilzen. Im Chinesischen heißen die schwarzen Scheiben nüchtern Holzohr, während Europa ihnen den Namen Judasohr gab - nach der Legende, Judas habe sich an einem Holunder erhängt, auf dem der Pilz mit Vorliebe wächst.

Zwei Teller Hähnchen an der Coastal Road
Der Gruß aus der Küche kam wie im Drehbuch, bevor ich überhaupt bestellen konnte. Dann kamen scharf angebratene Hähnchenstreifen mit einer Gemüsemischung: alles war hervorragend gewürzt, das Hähnchen saftig, das Gemüse knackig und trotzdem nicht roh, und dazwischen glänzten Scheiben vom Judasohr und zwei Kartoffelscheiben. Der zweite Teller brachte knusprig gebratenes Hähnchen mit süßsaurer Soße - das Fleisch von der Keule durch und durch gebraten und trotzdem saftig. Das erste Gericht kostete 275 MUR (5,60 EUR), das zweite 250 MUR (5 EUR), dazu eine große Portion Reis für 2 EUR. Die Bedienung war schnell, sprach Englisch und akzeptierte Karten - das einzige Mal, dass ich während des ganzen Inselaufenthalts in einem Restaurant mit Karte zahlen konnte. Dann blieb nur noch, aufzuessen, die Tür zu öffnen und sich von der Insel ihren warmen Abend zurückservieren zu lassen.
Lao Fang Zi