Arabische Märkte am Damaskustor: Einkaufen in Jerusalem, auch am Schabbat
Zuerst die Waage. Eine mit Haken, wie ich sie bis dahin höchstens aus dem Physikkabinett kannte - hier wiegt eine Verkäuferin mit Kopftuch damit Kräuterbüschel direkt auf dem Gehsteig ab, auf dem sie sitzt, die Ware in Säcken und Kisten um sich herum ausgebreitet. Der ganze Laden passt auf ein Stück Gehweg.
Die arabischen Märkte am Damaskustor sind ein Gewirr aus Gassen im muslimischen Viertel der Altstadt Jerusalems - und der sicherste Ort, an dem du in Israel auch am Schabbat noch etwas zu essen findest.

Ein Tor mit drei Namen
Auf Deutsch wie auf Englisch ist das Tor nach den Karawanen benannt, die von hier nach Damaskus aufbrachen. Auf Arabisch heißt es Bab al-Amud (باب العامود), Säulentor - nach der römischen Marmorsäule, die einst auf dem Platz gleich dahinter stand; heute suchst du sie vergeblich, sie liegt mitsamt den Resten des ursprünglichen Tores unter dem Niveau der heutigen Straße. Auf Hebräisch wiederum Scha'ar Schchem, das Tor nach Schchem, dem biblischen Sichem und heutigen Nablus. Drei Sprachen, drei Namen - und jeder zeigt in eine andere Richtung. Seine heutige Gestalt erhielt das Tor 1538 durch den Baumeister Darwisch al-Halabi im Zuge des großen Ausbaus der Stadtmauern unter Süleyman dem Prächtigen. Der Markt dahinter ist vermutlich noch älter: Die Hauptmarktstraße Khan al-Zeit trägt den Namen einer mittelalterlichen Karawanserei, in die Bauern ihr Olivenöl brachten. Heute kaufst du dort vor allem Schuhe, Pullover und Gewürze. Geblieben ist nur der Name, der an das Öl erinnert.

Ein Markt, der den Schabbat nicht mitzählt
Samstagmorgens ist die Jerusalemer Altstadt eigentümlich still. Ich ging durch Seitengassen zum Tor und begegnete kaum jemandem - umso mehr überraschte es mich, als ich hinter einer Ecke unvermittelt mitten in den vollen Markt trat. Das muslimische Viertel folgt nämlich seinem eigenen Kalender: Den Schabbat hält hier niemand ein, und während der westliche, jüdische Teil Jerusalems von Freitag- bis Samstagabend fast überall geschlossen hat, wird am Damaskustor weiter eingekauft, gebacken und Kaffee gemahlen. Auch wer seine Ankunft schlecht getimt hat, wird hier trotzdem satt. Ganz ohne Pause läuft der Markt trotzdem nicht - freitags um die Mittagszeit zieht sich ein Teil der Händler in Richtung al-Aqsa zurück. Die Altstadt schließt so gleich dreifach: die muslimischen Läden freitags, die jüdischen samstags, die christlichen sonntags. Wer diese drei Tage im Kopf hat, findet in Jerusalem immer etwas zu kaufen - der Markt Machaneh Yehudah im Westen der Stadt und der Souk am Tor wechseln sich ab wie zwei Schichten.

Gemüse vom Boden, Bagels vom Wagen
Die auffälligsten Gestalten des Marktes sitzen nicht hinter Ständen, sondern direkt davor auf dem Boden: Frauen vom Land, die morgens Gemüse, Kräuter, Oliven und Öl mitbringen, es auf dem Gehsteig ausbreiten und auf Handwaagen abwiegen. Das ist keine für Touristen inszenierte Szene - lokale Zeitungen schreiben über die Verkäuferinnen am Damaskustor als feste Institution der Stadt, manche sitzen seit über dreißig Jahren auf demselben Platz. Um sie herum läuft das übliche Sortiment eines Souks: Säcke voller Gewürze, getrocknete Feigen und Nüsse, Süßigkeiten, Tücher und Turnschuhe. Und Gebäck - ovale Sesambagels Kaak al-Quds, Hummus und Falafel reichen die kleinen Fensteröffnungen zwischen den Läden heraus. Durch die Hauptader des Marktes verläuft zudem die Via Dolorosa, die siebte Station des Kreuzwegs liegt direkt zwischen den Ständen. Pilger und Einheimische mit Einkaufstaschen vermischen sich hier zu einem einzigen Strom.


Kardamom und die Tschechoslowakei
Wir kauften Gemüse, Oliven und frisches Gebäck und gönnten uns zum Abschluss in einem Café am Tor einen Kaffee mit Kardamom. Er war dickflüssig, bitter und schaumig - ein kräftigeres Frühstück brauchte ich an diesem Tag nicht mehr. Die Tasse kostete 10 ILS (2,80 EUR), zum Mitnehmen im Becher gibt es ihn für die Hälfte. Der Café-Besitzer fragte, woher wir kämen - und die Tschechoslowakei kannte er ohne zu zögern, dreißig Jahre nach ihrem Ende. Ich habe ihn nicht korrigiert. Wer weiterreist, kauft sich am Tor einen Snack für unterwegs: Vom arabischen Busbahnhof ein paar Dutzend Meter weiter fährt auch am Schabbat der Bus Nr. 231 nach Bethlehem, das Ticket kostet 5,50 ILS (1,60 EUR). Wir saßen noch eine Weile bei unserem Kaffee und beobachteten das Treiben. Am Damaskustor tickt die Zeit anders: Der Schabbat beginnt hier nie, und die Tschechoslowakei ist nie zu Ende gegangen.