Der Alte Markt in Bethlehem: ein morgendlicher Souk unter steinernen Bögen
Ein paar Schritte von dem Platz entfernt, an dem die Busse mit den Pilgern halten, verengt sich Bethlehem zu Gassen, in denen auch tagsüber Glühbirnen an Drähten brennen. Statt Souvenirs liegen hier Kisten mit Paprika, Zitronen und Kartoffeln, an denen noch Erde klebt, und zwischen den Ständen schlängeln sich Einkaufswagen hindurch.
Der Alte Markt (arabisch: السوق القديم, as-Suq al-Qadim) ist der alltägliche Markt im historischen Kern von Bethlehem - der Ort, an dem die palästinensische Küche beginnt - ein paar Stunden, bevor aus ihr ein Gericht auf dem Teller wird.

Warum der Markt Souk heißt und wo er entlangführt
Dem Wort Souk begegnet man in jeder arabischen Stadt, und sein Ursprung ist älter als die Läden, die es heute bezeichnet: die arabische Wurzel s-w-q bedeutete "treiben". Früher trieb man das Vieh zum Markt, und der Name blieb dem Ort auch dann, als Gemüsekisten die Tiere ablösten. Der Souk von Bethlehem gehört zu den bescheideneren. Jerusalem, Hebron oder Nablus haben ganze Marktsysteme, aufgeteilt nach Handwerken; Bethlehem hat einen einzigen verwinkelten Weg. Sie beginnt am Ende der Al-Mdbasseh-Straße nahe dem Kloster und führt durch Gassen unter steinernen Bögen bis zum Al-Manarah-Platz, der an den Manger-Platz vor der Geburtskirche grenzt.

Woher die Ernte auf den Markt kommt
Das alte Viertel rund um den Markt entstand in osmanischer Zeit. Die heutige Gestalt des Marktes geht laut der Stadtverwaltung von Bethlehem auf ein Unglück zurück: Das Erdbeben von 1927 zerstörte die meisten damaligen Läden, und die Stadt baute den Bereich anschließend neu auf; bei der letzten Sanierung bekam der Markt eine neue Infrastruktur, die steinernen Fassaden blieben erhalten. Die Ware kommt aber immer noch von dort, woher sie schon immer kam - aus den Dörfern rund um Bethlehem. Battir, dessen Steinterrassen seit zweitausend Jahren von sieben Quellen gespeist werden, steht mit seiner Agrarlandschaft seit 2014 auf der UNESCO-Welterbeliste, und das benachbarte Artas nennt man wegen seiner Gärten die Speisekammer der Region Bethlehem. Wasser ist hier kostbar - rund vier Fünftel der palästinensischen Felder hängen allein vom Regen ab - und die Ernte beider Dörfer steht und fällt mit den Quellen, die bis heute fließen. Wer den Markt am lebendigsten erleben will, kommt am Vormittag, wenn die Bauern die frische Ernte abladen.

Ein Tablett Bohnen, das Ful heißt
Zwischen dem Gemüse stehen auch ein paar Essensstände. Auf einem davon ein großes Metalltablett mit geschmorten Ackerbohnen, belegt mit Zitronenscheiben und bestreut mit Petersilie, daneben ein zweites mit Kichererbsen - aus denen macht man in der Region Hummus und Falafel. Die Bohnen heißen Ful und sind wohl das Gericht, das im Nahen Osten am weitesten verbreitet ist: erfunden hat es Ägypten, zum Frühstück gemacht hat es sich die ganze Levante. Der volle Name Ful medames trägt das koptische Wort für "vergraben" in sich - früher ließ man die Bohnen langsam in einem Topf durchziehen, der in heißer Asche vergraben war. Die palästinensische Küche schmeckt sie mit Tomaten, Paprika und säuerlichem Sumach ab; im Irak kocht man aus denselben Bohnen Bagilla. Das Besteck ist hier Pitabrot: Die Bohnen isst man nicht mit dem Löffel, man nimmt sie mit einem Stück Fladenbrot auf.
Ful gehört zum Morgen, genau wie der ganze Markt. Und vielleicht gerade deshalb kommt der Souk auch einem Besucher vom anderen Ende der Welt vertraut vor: Was die Bauernmärkte bei uns in Europa als Rückkehr zu den Wurzeln fürs Wochenende verkaufen, ist hier nie etwas anderes gewesen als ganz normaler Einkauf.

Ein Morgen zwischen den Ständen in Bethlehem
Den Alten Markt habe ich von der Al-Mdbasseh-Straße aus betreten und mich von den verwinkelten Gassen bis zum Al-Manarah-Platz treiben lassen. Schnell geht es hier nicht: Ständig weicht man einem Wagen oder einer Menschentraube vor einem Stand aus. Ausländer findest du hier praktisch keine, und genau deshalb ist der Gang über den Markt ein Erlebnis - Bethlehem lebt hier seinen ganz gewöhnlichen Vormittag, ganz gleich, wer zuschaut. An einem der Stände habe ich hervorragend gewürzte Bohnen probiert; mehr als der konkrete Geschmack bleibt mir aber das rege Treiben auf dem Markt in Erinnerung.