Scotch Egg: Ei im Hackfleischmantel
Im Deutschen heißen sie schottische Eier. Genau da liegt die Falle - nach Schottland führt nämlich keine einzige der Theorien über die Herkunft des Namens oder des Gerichts.
Das Scotch Egg ist ein hart gekochtes Ei, umhüllt von Wurstbrät, paniert in Semmelbröseln und goldbraun frittiert - ein allgegenwärtiger Snack der britischen Küche, den du im Pub, im Supermarkt und an der Tankstelle bekommst und der warm genauso schmeckt wie kalt.

Warum Scotch, wenn nicht Schottland
Woher kommt also das Scotch? Die meistzitierte Spur führt zum alten Verb to scotch, einkerben oder anritzen - ein "scotched egg" wäre dann schlicht ein Ei, das mit Fleisch bearbeitet wurde. Sicher weiß es niemand, und die Briten haben sich damit abgefunden; die Schotten haben immerhin den Trost, dass das Wort Scotch, das man auf Menschen längst nicht mehr anwendet, nur noch am Whisky und an ein paar Gerichten hängen geblieben ist. In der Verbreitung ist das Scotch Egg ein landesweites Gericht - es verkauft jeder Supermarkt, jeder Bahnhofsimbiss und jeder Pub auf dem Land, und nach Tschechien brachte es seinerzeit Marks & Spencer. Die Familie wächst dabei bis heute: In Manchester umhüllt man ein eingelegtes Ei mit einer Mischung aus Schweinefleisch und Black Pudding, also Blutwurst - das Manchester Egg erfand 2010 ein Webdesigner in der Mittagspause im Pub. Und für Vegetarier gibt es eine Version, in der an die Stelle des Fleischmantels Falafel tritt.
Das Kaufhaus an der Piccadilly gegen die Mogulküche
Die Erfindung reklamiert eine noble Adresse für sich: Das Kaufhaus Fortnum & Mason an der Piccadilly behauptet, es habe das Scotch Egg 1738 als Proviant für Postkutschenreisende erfunden. Eine zeitgenössische Rechnung, ein Rezept oder einen Brief dazu gibt es allerdings nicht, und das erste gedruckte Rezept für ein Scotch Egg erschien erst 1809 im Kochbuch von Maria Rundell. Der Lebensmittelhistoriker Alan Davidson hielt die indische Nargisi Kofta für den wahrscheinlichsten Vorfahren - ein Ei in gewürztem Hackfleisch, benannt nach der Narzisse, weil es aufgeschnitten an die gelb-weiße Blüte erinnert; nach England gebracht haben könnten sie Leute der Ostindien-Kompanie. Belegt hat den Transfer allerdings niemand, und so steht von der ganzen Geschichte nur eine einzige Jahreszahl fest: 1809. Die Vorstellung, dass den Stolz der Piccadilly womöglich Köche an den Mogulhöfen erfunden haben, lässt sich aber immer schwerer verscheuchen.
Von der Tankstelle in den Gastropub
Das Rezept passt in drei Zeilen: ein Ei, ein Mantel aus Sausage Meat - Schweinehack mit Salbei und Muskat - und Semmelbrösel, dann ab ins heiße Öl. Die Trennlinie verläuft heute mitten durch das Eigelb: Beim abgepackten Ei aus dem Supermarkt ist es wegen der Haltbarkeit oft hart, der Gastropub serviert ein frisch frittiertes Ei, dessen Eigelb beim Aufschneiden noch ausläuft. Es war ein langer Weg - in den Siebzigern galt das Scotch Egg als trauriger Snack von der Tankstelle, heute machen gehobene Pubs daraus eine Vorspeise aus Premiumfleisch, für die man extra hinfährt.
Gegessen wird es, wo es gerade passt: beim Picknick, aus der Brotdose bei der Arbeit, im Pub zum Bier mit englischem Senf oder dem eingelegten Gemüse Piccalilli. Wie ernst Großbritannien seinen Snack nimmt, zeigte sich im Dezember 2020: Nach den Corona-Regeln durften Pubs nur noch zu einer richtigen Mahlzeit ausschenken, und die Regierung stritt danach tagelang öffentlich darüber, ob ein Scotch Egg eine richtige Mahlzeit ist. Ein Minister erklärte, es sei allenfalls eine Vorspeise, ein anderer - Michael Gove - ließ wissen, er würde ohne Weiteres zwei davon essen. Bestell entsprechend: Es ist ein Snack auf die Hand, und wer ein Abendessen erwartet, geht hungrig wieder nach Hause.
Ein Ei aus Fisch in Mayfair
Mein Scotch Egg habe ich in London gegessen, im Restaurant The Mayfair Chippy (siehe Wo man in London essen geht), in das man vor allem wegen Fish and Chips geht. Ich habe mir aber die Hausspezialität Kedgeree Scotch Egg ausgesucht, in der eine Masse mit geräuchertem Schellfisch nach Art des Kedgeree das Wurstbrät ersetzt, des britisch-indischen Frühstücks aus Reis und Fisch. Die Kruste krachte, gleich danach meldete sich der Räucherfisch, und das Eigelb lief genau in dem Moment aus, in dem es sollte; die gewürzte Mayonnaise steuerte Currynoten bei. Das Ei mit Mayonnaise kostete 8,95 GBP (9,60 EUR) und war hervorragend. Der Name dieses Gerichts lügt seit jeher: schottisch ist es nicht, und dieses hier war nicht einmal aus Fleisch. Der Geschmack aber sagte die Wahrheit.