Jaffa-Orangen: die Sorte Shamouti aus den Gärten von Jaffa und die Exportmarke
Die Briten kennen sie von Biskuits mit Orangengelee, die sie seit 1927 backen, die Finnen von einer Limonade und der halbe Balkan von serbischen Keksen. Der Name Jaffa hat die Welt so oft umrundet, dass die Frucht, nach der das alles benannt ist, irgendwo dabei verloren ging.
Jaffa-Orangen (hebräisch: תפוזי יפו) sind die Sorte Shamouti: eine süße, ovale Orange mit dicker, aber leicht abziehbarer Schale und fast ohne Kerne, die Mitte des 19. Jahrhunderts in einem der Gärten am Hafen von Jaffa auftauchte und zur berühmtesten Frucht der israelischen Küche wurde, noch bevor es den Staat Israel überhaupt gab.

Was Jaffa bedeutet und warum sie auch spanische Orangen tragen
Den Namen gab der Frucht der Hafen, von dem aus die Kisten nach Liverpool verschifft wurden. Das Hebräische erfand sich für die Orange sein eigenes Wort: tapuz ist die Kurzform von tapuach zahav, goldener Apfel - ein Sprachwissenschaftler schlug in den Dreißigerjahren vor, sie einfach als eigenständiges Wort zu lesen, und die Leute befolgten das so gründlich, dass heute kaum jemand ahnt, dass er eine Abkürzung ausspricht. Jaffa ist heute aber keine Sorte mehr, sondern eine Marke: eine geografische Angabe, die durch israelisches Gesetz geschützt ist, unter der Dutzende Zitrussorten verkauft werden und die der israelische Rat für den Zitrusabsatz (Citrus Marketing Board of Israel) gegen Gebühr an Anbauer in Spanien und Südafrika verleiht, damit das Etikett in den Monaten, in denen Israel nicht erntet, nicht aus den europäischen Regalen verschwindet. Eine Orange mit dem Etikett Jaffa muss Jaffa also nicht gesehen haben. Shamouti selbst ist eine Mutation der älteren einheimischen Sorte beledi und hat Verwandte im gesamten östlichen Mittelmeerraum: im Südlibanon und im palästinensischen Westjordanland nennt man sie auf Arabisch bis heute burtuqal Yafa, Jaffa-Orange, während Ägypten, heute der größte Orangenexporteur der Welt, eher auf Sorten mit anderer Schale und anderem Saft setzt.
Die Gärten von Jaffa: vom schwedischen Botaniker zur Motorsäge
Der Erste, der die Jaffa-Orange schriftlich festhielt, war der schwedische Botaniker Fredrik Hasselquist, der um 1751 in Jaffa Station machte. Im Jahr 1900 verließen bereits rund 650.000 Kisten den Hafen, und die Gärten, arabisch bajarat, nahmen ein Drittel der landwirtschaftlichen Fläche der Region ein. Sie gehörten größtenteils arabischen Anbauern, einen Teil hielten jüdische Siedler - die Ernte war lange eines der wenigen Dinge, die beide Gemeinschaften hier gemeinsam unternahmen. Nach dem Krieg von 1948 blieben die meisten arabischen Gärten verlassen zurück und gingen an die israelische Verwaltung für verlassenes Eigentum über; seitdem ist die Jaffa-Orange für die eine Seite eine Marke des Staates, für die andere eine Erinnerung an die verlorene Heimat - davon erzählen Ghassan Kanafanis Erzählung "Das Land der traurigen Orangen" und Eyal Sivans Dokumentarfilm Jaffa, the Orange's Clockwork.
Die Schale wie ein Mantel: warum Shamouti die Schiffsreise überstand und sich nicht für Saft eignet
Das Besondere an der Jaffa-Orange ist ihre Schale: dick, grob und trotzdem lässt sie sich fast in einem Stück abziehen, wie ein Handschuh. Darunter liegt ein Fruchtfleisch, das süßer ist als bei gewöhnlichen Orangen, mit ein paar Kernen oder ganz ohne - und mit auffallend wenig Saft. Genau das, was ihr in der Saftfabrik zum Verhängnis würde, brachte sie im 19. Jahrhundert nach Europa: Eine Frucht mit dicker Schale und trockenerem Fruchtfleisch hielt wochenlang im Laderaum eines Schiffs durch. Wer als Kind in der Schule eine Orange mit den Fingernägeln geschält und dem Sitznachbarn das Heft mit Saft bespritzt hat, wird zu schätzen wissen, dass sich Shamouti auch in weißem Hemd essen lässt. Geerntet wird von November bis Juni; eine Anmerkung zum Etikett: Im Sommer stammt eine Orange mit der Aufschrift Jaffa fast sicher aus Spanien oder Südafrika, die israelische Shamouti findet man im Winter.

Zwei Orangen und zwei Mandarinen vom Damaskustor
Meine Jaffa-Orangen habe ich in Jerusalem gekauft, auf dem Markt vor dem Damaskustor (siehe Wo man in Jerusalem gut isst), wo Obst und Gemüse direkt auf der Straße unter den Stadtmauern verkauft werden. Zwei große Orangen und zwei Mandarinen kosteten zusammen 4 ILS (1,20 EUR). Die Schale hatte einen helleren, gelb-orangen Ton als die Orangen aus unseren Supermärkten und ließ sich fast von selbst lösen, das Fruchtfleisch war süß, Kerne gab es keine - genau wie die Sortenbeschreibung verspricht. Die Mandarinen trugen das Etikett Bnei Dror, eines Moschaws in der Scharon-Ebene, der in den Sechzigerjahren auf Zitrusfrüchte umgestiegen ist, und waren von allem, was ich gekauft hatte, das Einzige, das mich geschmacklich nicht überzeugte. Die Orange habe ich erst am Ufer des Toten Meeres gegessen: Die Frucht, deren Vorfahren von Jaffa nach Liverpool reisten, legte so mit mir die letzten Kilometer zurück und landete am tiefsten Punkt der Landmasse der Erde.