Armenischer Wein: Areni, Karas und der Streit um die Wiege des Weins
Auf dem Etikett der Flasche, die ich in einem Laden in Eriwan gekauft habe, steht unter dem Namen Karas in kleiner Schrift "6200 years crafting wine". Kein anderer Wein der Welt traut sich, eine so alte Zahl aufs Etikett zu schreiben - und diese Kühnheit hat eine Grundlage, nur eine kompliziertere, als es scheint.
Armenischer Wein (armenisch: գինի, gini) wird aus einheimischen Rebsorten gekeltert, die sonst nirgendwo wachsen - dem roten Areni und dem weißen Voskehat -, auf Weinbergen in tausend Metern Höhe, und er beruht auf zwei Gefäßen: dem tönernen Karas, in dem hier schon Wein gärte, bevor es die Schrift gab, und dem Eichenfass, das erst mit den modernen Weingütern kam. Getrunken wird er zu dem, wozu in der armenischen Küche alles getrunken wird: zu gegrilltem Fleisch und langen Trinksprüchen.

Wer den Wein erfunden hat: die Höhle Areni-1 und der Streit mit Georgien
Das armenische Wort für Wein ist das einzige Wort in diesem Artikel, das du nicht übersetzen musst. Gini geht auf dieselbe indogermanische Wurzel zurück wie das lateinische vinum und das griechische oinos; nur hat das Armenische im Lauf der Zeit das v gegen ein g getauscht. Der Name des Getränks ist hier nicht von den Nachbarn geborgt - er ist so alt wie die Sprache selbst, was sich von den Wörtern für andere armenische Gerichte, die aus dem Türkischen und dem Persischen entlehnt sind, nicht sagen lässt.
Und jetzt zu der Zahl auf dem Etikett. 2007 begann der armenische Archäologe Boris Gasparjan mit seinem irischen Kollegen Ron Pinhasi in der Höhle Areni-1 in Wajoz Dsor zu graben und fand eine Traubenpresse, Gärbottiche, Vorratsgefäße und Traubenkerne beieinander - ein komplettes Weingut aus der Zeit um 4100 v. Chr. Daher die sechstausend Jahre auf dem Etikett. Nur kann das benachbarte Georgien aus den Fundstellen bei Marneuli chemische Weinspuren in Keramik vorweisen, die zweitausend Jahre älter sind, und der Iran aus Hadschi Firuz solche, die tausend Jahre älter sind. Armenien hat also nicht den ältesten Wein der Welt, sondern das älteste erhaltene Weingut - und das sind zwei verschiedene Rekorde, auch wenn Reiseführer sie gern zu einem verschmelzen. Armenische Quellen übersehen diesen Unterschied gern und sprechen von der ersten kultivierten Rebe der Welt; ich habe ihnen das bei der ersten Flasche auch geglaubt, ein Georgier würde es nicht unterschreiben und hätte recht.

Areni, Voskehat und Karas: woraus armenischer Wein besteht
Die Hauptrolle spielt die Rebe Areni, benannt nach demselben Dorf wie die Höhle: eine rote Sorte, die es höher mag, als ein Franzose je pflanzen würde, auf tausend bis fünfzehnhundert Metern auf vulkanischem Boden, und die eher fruchtige und schlanke als wuchtige Weine gibt. Die weiße Linie vertritt Voskehat, den die Armenier die Königin ihrer Trauben nennen und dessen Kerne Archäologen auch in der urartäischen Festung Karmir Blur gefunden haben; dazu kommen die weniger bekannten Khatouni und Kangun und der aus Georgien übernommene dunkle Saperavi, der mit Areni halbe-halbe verschnitten wird. Das Karas ist ein tönernes Gefäß, das in den Boden eingelassen wird, ein Verwandter des georgischen Qvevri, und anders als das Eichenfass drängt es sich dem Wein geschmacklich nicht auf - Vanille und Schokolade kommen nicht aus dem Ton. Wer im Keller einen Steinguttopf für Sauerkraut hat, kennt das Prinzip: Der Ton hält eine gleichmäßige Temperatur, atmet und überlässt den Geschmack dem Inhalt. Vanille und Schokolade in den Beschreibungen armenischer Weine sind das Werk der Eiche, nicht des Tons.
Die Sowjetunion machte aus Armenien ein Land des Cognacs und ließ den Wein in dessen Schatten stehen - nicht, dass keiner produziert worden wäre, in den Achtzigern entstanden hier über hundertfünfzig Millionen Liter im Jahr, aber niemand sprach so laut über ihn wie über den georgischen. Das Comeback nach 2000 hat die Diaspora bezahlt: Zorik Gharibian aus Italien baute das Weingut Zorah einen Kilometer von der Höhle Areni-1 entfernt, die argentinische Familie Eurnekian gründete in Armawir Karas und der Schweizer Winzer Jakob Schuler Noa direkt in Areni. Menschen, deren Familien einst fortgegangen waren, kamen mit Geld und einer Winzerausbildung aus Patagonien und der Toskana zurück und begannen, Wein aus Reben zu machen, die ihre sowjetischen Cousins zum Brennen geerntet hatten.


Wie man in Armenien Wein trinkt und wonach man die Flasche aussucht
Wein trinkt man hier zum Khorovats, zu Käse und Lavash und vor allem zu den Trinksprüchen: Die langen Reden namens kenaz, durch die der Tamada führt, gehören dem ganzen Südkaukasus und nicht nur Armenien, und das Glas hält man dabei eher, als dass man daraus trinkt. Im Laden lohnt es sich, die Rückseite des Etiketts zu lesen: Such nach der Sorte Areni oder Voskehat und nach der Region Wajoz Dsor, dem Weinzentrum des Landes, und lass dich vom Wort Wein auf Flaschen mit Granatapfelwein nicht in die Irre führen - das ist ein Produkt der letzten zwanzig Jahre, über das ich gesondert schreibe.


Drei Flaschen aus einem Laden in Eriwan
Drei Flaschen habe ich in einem Laden in Eriwan gekauft, ausgesucht habe ich sie nach dem Etikett. Der Red Blend 2020 vom Weingut Karas, der mit den sechstausend Jahren, war von den dreien der zugänglichste: weich, rund, mit der Frucht vorn, ein Wein, der niemanden belehren will. Der Areni 2017 vom Weingut Noa war heller und säurebetonter, mit Kirsche und dem Zug der Höhenlage, und mich hat überrascht, wie lange sein Geschmack nach dem Schlucken im Mund bleibt. Der Takar Reserve 2020 von Armenia Wine, halb Areni und halb Saperavi, war der dunkelste und tanninreichste, schwarze Johannisbeere und Pfeffer, ein Wein eher zum Fleisch als zum Gespräch. Karas kostete 3.500 AMD (8 EUR), Takar 4.250 AMD (10 EUR) und Noa 9.000 AMD (21 EUR), also ungefähr zweieinhalb Karas. Die App Vivino gibt allen dreien identische 4,1 von 5.