Markthalle GUM: der überdachte Markt in Eriwan mit sowjetischem Namen
Wer den GUM aus Moskau kennt, hat einen verglasten Palast am Roten Platz vor Augen und im Winter eine Eisbahn vor dem Eingang. Der Eriwaner GUM steht weit im Süden unter dem Ararat und verkauft getrocknete Aprikosen, Käse aus dem Tongefäß und Sauerampfer, der zu einem Zopf geflochten ist. Gemeinsam haben sie drei Buchstaben.
Die Markthalle GUM (armenisch: ԳՈՒՄ շուկա) ist der überdachte Markt im Zentrum von Eriwan in der Mowses-Chorenazi-Straße, wo sich unter einem Dach das meiste versammelt, was die armenische Küche trocknet, einlegt und reifen lässt.

Warum die Eriwaner Markthalle heißt wie ein Moskauer Kaufhaus
Die Abkürzung GUM stand in der Sowjetunion für Gossudarstwenny uniwersalny magasin, staatliches Kaufhaus: So wurden 1921 auf Lenins Anweisung die Handelsreihen am Roten Platz umbenannt. Die Lesart Glawny, das Haupt-, setzte sich erst nach dem Umbau in den fünfziger Jahren durch, und das Moskauer Haus wirbt heute damit, sodass man sich nicht einmal in Moskau einig ist, wofür der erste Buchstabe steht. Den verfügbaren Quellen zufolge stand das staatliche Kaufhaus GUM in Eriwan genau dort, wo heute die Markthalle ist: Nach dem Zerfall der Sowjetunion machte es zu, in das Gebäude zogen Lebensmittelhändler ein, und der Name blieb über dem Eingang hängen. Auf lokalen Websites steht mitunter, der Markt sei nur nach dem Kaufhaus nebenan benannt; einig sind sich beide Versionen immerhin darin, dass der Name geborgt ist. Reiseführer fügen gern hinzu, alle anderen GUMs seien nach 1991 verschwunden und nur der Eriwaner habe überlebt. Das stimmt nicht. Der Moskauer verkauft weiter, und den Minsker hat auch niemand geschlossen. Überlebt haben sie alle; der Eriwaner ist nur der einzige, aus dem statt eines Kaufhauses ein Markt wurde.
Eine Markthalle hatte Eriwan schon früher, an anderer Stelle. Der Pak schuka, wörtlich der geschlossene Markt, in der Maschtoz-Straße wurde 1952 eröffnet, steht unter Denkmalschutz und beherbergt heute ein Einkaufszentrum; ein Teil der Händler soll damals gerade zum GUM gewechselt sein. Der GUM ist weder die älteste noch die offiziell größte Markthalle Eriwans, mögen Reiseseiten schreiben, was sie wollen; zum Einkaufen geht man aus dem Zentrum aber hierher. Geöffnet ist täglich ab etwa acht Uhr morgens, gegen sechs Uhr abends wird geschlossen.

Was auf dem GUM verkauft wird: Aprikosen, Sujukh und Käse aus dem Tongefäß
Der vordere Teil der Halle gehört den Trockenfrüchten, kandierten Früchten, Nüssen und Gewürzen. Über den Ständen hängt der Sujukh, der früher Scharoz hieß: Walnusshälften auf einer Schnur, immer wieder in eingedickten Traubensaft mit Mehl, Zimt, Nelken und Kardamom getaucht und danach zehn bis zwölf Tage in der Sonne getrocknet. Er ist eine Spezialität des ganzen Südkaukasus: Die georgische Tschurtschchela kommt ohne Gewürze aus und hat eine festere Hülle, Georgien hat sie 2011 als typisches Gericht eintragen lassen, und Armenien führt auf seiner Liste des immateriellen Erbes immerhin den süßen Scharoz aus Aschtarak. Daneben liegen getrocknete armenische Aprikosen, jene Frucht, die Armenien im lateinischen Namen trägt, auch wenn den größten Teil der getrockneten Aprikosen der Welt heute das türkische Malatya liefert. Auf den Schildern an den Nüssen standen 6.500 bis 8.000 AMD (15,20 - 18,80 EUR) pro Kilo, und weil hier fast alles nach Gewicht verkauft wird, lohnt es sich, nach dem Preis zu fragen, bevor der Verkäufer abwiegt: Trockenware wiegt mehr, als man dem Volumen nach schätzen würde.


Weiter hinten in der Halle stehen die Stände mit Fleisch, Fisch und Käse. Dort stehen auch die Tongefäße mit dem Horats Panir, wörtlich dem eingegrabenen Käse: Gesalzener Käse wird mit Bergkräutern gemischt, im Gefäß luftdicht verschlossen und monatelang in der Erde gereift, in jeder Gegend ein bisschen anders; im Kurdistan reift ein ähnlicher Motal in einer Schafshaut. Ein Stück weiter hängt Basturma, luftgetrocknetes Rindfleisch in einer Paste aus Bockshornklee, und daneben stehen Gläser mit eingelegtem Gemüse, von rosafarbenem Kraut über Knoblauch bis zu kleinen Zwiebeln im roten Sud - die Basturma teilt Armenien mit dem ganzen ehemals osmanischen Raum, den Käse im Tongefäß macht es auf seine Art.


In den letzten Gängen hängen getrocknete Kräuter für den Tee, allen voran wilde Minze, und Zöpfe aus Aveluk, wildem Sauerampfer, den man wie Haar flicht, trocknet und vor dem Kochen über Nacht einweicht. Bei uns zu Hause trockneten die Lindenblüten auf Zeitungspapier; hier trocknen ganze Hänge, und geflochten wird, damit man die Zöpfe an einen Haken hängen kann.


Wie man auf dem GUM einkauft
Die Verkäufer laden zum Probieren ein und wollen nichts dafür; so geht es auch in Tiflis und auf den anderen Märkten des Kaukasus zu. Die Preise liegen unter denen der Supermärkte, gezahlt wird aber bar: Als ich dort war, nahm niemand Karte, und auch wenn sich die Terminals in Eriwan seitdem verbreitet haben, geht man mit Dram in der Tasche sicherer auf den Markt. Am besten kommt man vormittags, wenn die Stände voll sind.
Siebenunddreißig Grad zwischen den Ständen
Auf den GUM kam ich an einem Tag, an dem es in Eriwan um die 37 Grad hatte, und auf Kostproben exotischer Sachen hatte ich wenig Lust; die Halle spendete wenigstens Schatten. Ich habe die ganze Halle abgelaufen, vom kandierten Obst in Zellophan bis zum Tongefäß mit dem Käse, in dem ein Löffel steckte. Wegen der Hitze habe ich nichts gekauft, den Tee aus wilder Minze habe ich am Ende doch noch abgepackt mitgenommen, 680 AMD (1,60 EUR) für 35 Gramm (siehe Was aus Armenien mitbringen?). Trotzdem ist es die billigste Führung durch die armenische Küche, die Eriwan zu bieten hat: Eintritt frei, Kostprobe auch. Den Horats Panir habe ich mir für das nächste Mal aufgehoben. Ein Käse, der Monate unter der Erde überstanden hat, wartet auch ein paar Jahre auf mich.
GUM Market