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Bäckerei Geula: Gebäck nach Gewicht in Mea Schearim

Dan Špaňhel Israel Aktualisiert Keine Kommentare

Vom Zentrum Jerusalems läuft man in wenigen Minuten nach Mea Schearim, und trotzdem ist es die weiteste Reise, die du in dieser Stadt machen kannst: Sie endet ein gutes Jahrhundert in der Vergangenheit. Die Werbetafeln werden weniger, die Straßen leiser, und wer herkommt, begreift schnell, dass er hier Gast einer Gemeinschaft ist, die auf seine Welt keinen Wert legt. Und mitten darin leuchtet eine rosa Neonschrift, die Gebäck und Eis verspricht.

Die Bäckerei Geula ist eine kleine Bäckerei im ultraorthodoxen Viertel Mea Schearim in Jerusalem: Süßes Gebäck wird hier nach Gewicht verkauft und bezahlt wird ausschließlich bar. Von allen Orten, an denen ich in Israel Essen gekauft habe, ist das der seltsamste.

Bäckerei Geula: der Eingang zur Bäckerei im Jerusalemer Viertel Mea Schearim.
Bäckerei Geula: der Eingang zur Bäckerei im Jerusalemer Viertel Mea Schearim.

Ein Name, den das Schild kennt und das Internet nicht

Die große Aufschrift über dem Eingang nennt nur das Sortiment; den Namen Geula trägt ein kleineres gelbes Schild neben der Tür - und Google Maps. Damit endet die Liste der Quellen: das hebräische Internet kennt keine Bäckerei dieses Namens - wenn in Jerusalem von den berühmten Bäckereien der Gegend die Rede ist, fallen Namen wie Berman, der seit 1875 backt, oder Landner mit seinem Ziegelofen von 1893. Die wahrscheinlichste Spur des Namens führt zur Topografie: Gleich neben Mea Schearim liegt das Viertel Geula, und die Grenze zwischen beiden ist so unscharf, dass der östliche Teil von Geula meist zu Mea Schearim gezählt wird. Das Wort geula (hebräisch: גאולה) bedeutet dabei Erlösung - benannt ist das Viertel aber nicht nach der Theologie, sondern nach Geula, der Tochter des Investors Avraham Chasidoff, der es gegründet hat. Selbst der frommste Name in Jerusalem gehört am Ende einem konkreten Menschen.

Sesamgebäck: Baguettes mit knuspriger Sesamkruste aus dem Angebot der Bäckerei.
Sesamgebäck: Baguettes mit knuspriger Sesamkruste aus dem Angebot der Bäckerei.

Hundert Tore und die Schilder an den Eingängen

Mea Schearim entstand 1874 als fünftes Jerusalemer Viertel außerhalb der Mauern der Altstadt. Der Name bedeutet "hundert Tore" und spielt auf einen Vers aus dem Buch Genesis an, der in der Woche der Gründung gelesen wurde - und darauf, dass der Gründerverein genau hundert Mitglieder zählte. Die heutige Gemeinschaft grenzt sich bewusst von der Stadt ringsum ab; ihre Lebensweise wird als freiwilliges Ghetto bezeichnet, und vom Besucher erwartet sie Respekt. Die Schilder an den Eingängen verlangen bedeckte Schultern und Beine, von Frauen einen Rock statt einer Hose - und christliche Symbole würde ich unter der Kleidung verstecken. Wer sich an die Regeln hält, kommt ohne Probleme durch; und wenn dir doch mulmig wird, bringen dich die Seitengassen in wenigen Minuten zurück ins 21. Jahrhundert.

Was auf die Waage kommt

Auf den Theken dominiert kleines süßes Gebäck, vor allem Taschen mit Quark- oder Schokoladenfüllung. Daneben liegen mit Sesam bedeckte Baguettes, die dem Jerusalemer Bagel aus den arabischen Bäckereien ein paar Straßen weiter nahekommen, und vor dem Schabbat steht man Schlange nach Challa. Gebäck nach Gewicht verkaufen Bäckereien in ganz Israel, hier gibt es allerdings nur ein einziges richtiges Vorgehen: von jeder Sorte ein Stück nehmen, so wie man an Weihnachten aus jeder Dose Plätzchen genau eines probiert.

Sesamküchlein: frisch gebackene Stücke, mit Sesam bestreut.
Sesamküchlein: frisch gebackene Stücke, mit Sesam bestreut.

Von jedem ein Stück

Ich selbst bin an der Theke genau dieser Logik gefolgt: von allem, was lockte, ein Stück in die Tüte und auf die Waage. Die Quarktasche war aus Hefeteig, näher am Frühstücksbrötchen als am Dessert, und der Quark ergänzte darin nur die Butter; die mit Schokolade war dichter und süßer, genau die Sorte Gebäck, nach der du noch einmal greifst, obwohl du gar nicht wolltest. An der Kasse gilt dann die einzige Regel, die diese Bäckerei ohne Schild durchsetzt: Bargeld - mit Karte zahlst du hier nicht. Wie viel ich am Ende dagelassen habe, kann ich nicht mehr rekonstruieren; das Kleingeld aus Mea Schearim kennt kein Online-Banking. Eine Bäckerei, über die das Internet fast schweigt, findest du ohnehin auf die alte Art - der Nase nach.

Rugelach: süßes gefülltes Gebäck, mit Zucker bestreut.
Rugelach: süßes gefülltes Gebäck, mit Zucker bestreut.

Pekárna Geula

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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