Bauernmarkt Warna: der zentrale Markt, den hier alle Kolchosmarkt nennen
Die höchste Zahl auf den Preisschildern, die ich auf dem Markt in Warna fotografiert habe, stand bei der einzigen Ware, die niemand gesät und niemand gegossen hat: Hagebutten, sieben Lewa pro Kilo, in einer Pappkiste neben Pfirsichen für zweieinhalb. Bevor ich mir zusammenreimen konnte, warum wilde Beeren aus dem Gebüsch dem Obst aus dem Garten davonziehen, wurde mir klar, wo ich gerade stand.
Der Bauernmarkt Warna, offiziell Pazar Centralen (bulgarisch: Пазар "Централен") und für die Einheimischen Kolhozen pazar, ist der größte Markt der Stadt: mehrere überdachte Gassen mit Obst, Gemüse, Kräutern und Blumen, mittendrin der Fischmarkt und ringsherum Bäckereien und Käseläden - also der Ort, an dem die bulgarische Küche anfängt, lange bevor sie am Herd endet.

Centralen, Kolhozen und Farmers Market: drei Namen für einen Markt
Die Stadtverwaltung nennt ihn Centralen, die Karte auf dem Handy Farmers Market und die Warnaer Kolhozen pazar, den Kolchosmarkt. Der Spitzname stammt aus der Zeit, als die Landwirtschaftsgenossenschaften hier ihre Überschüsse ablieferten, und hat die Genossenschaften wie das Regime überlebt; heute trägt das ganze Viertel ringsum seinen Namen, samt Schulen und Kindergärten. Die englische Version auf der Karte ist eine Falle: Der echte fermerski pazar, der Bauernmarkt der kleinen Erzeuger, findet in Warna nur am Sonntagvormittag am Musala-Platz statt, also woanders und zu anderer Zeit. Wer unter der Woche zu den Bauern will, meint den Kolhozen. Einen städtischen Markt dieser Art hat jede größere bulgarische Stadt. In Warna gehört der Centralen zum städtischen Unternehmen Pazari, das über zehn Marktplätze in der Stadt betreibt; der Blaue Markt mit den Omas, die aus dem eigenen Garten verkaufen, ist dagegen die Taschenausgabe.
Was auf dem Kolchosmarkt alles verkauft wird
Wann der Markt entstanden ist, verrät weder der Betreiber noch die Tourismusseite der Stadt, und raten will ich nicht. Er liegt im Zentrum zwischen den Straßen Piskjuliew, Drin und Angel Kantschew; im November 2024 bekam ein Teil der Stände neue Metallüberdachungen, und die Stadt riss sechsundvierzig alte Pavillons entlang der Piskjuliew-Straße ab. Der Markt schrumpft nicht, er räumt nur auf. Das Wort "Bauern" auf der Karte lässt ihn kleiner wirken, als er ist: Neben Obst und Gemüse gibt es hier Fleisch, Fisch, Kleidung, Schuhe, Kosmetik und Gartenbedarf, es ist also ein ganzes Marktviertel und nicht eine Handvoll Stände mit Tomaten. Der Fischmarkt liegt direkt auf dem Gelände, eine eigene Ecke an der Kreuzung Piskjuliew und Kantschew, und am Rand reihen sich Bäckereien, Läden mit eingelegtem Gemüse und Verkaufsstellen für Sirene aneinander.
Bargeld bleibt die sicherste Art, auf dem Markt zu bezahlen. Ein Kartenterminal schreibt das Gesetz Restaurants vor, einem Tomatenstand nicht, und wenn er sich doch eines anschafft, hängt daneben ein Schildchen mit dem Mindestbetrag. Bei meinem Besuch habe ich nirgends mit Karte bezahlt, und niemand hat sich darüber gewundert; auf den Märkten in Bulgarien und im benachbarten Rumänien war das damals nicht üblich.

Schilder, die mehr sagen als den Preis
Die Schilder auf dem Kolchosmarkt zu lesen macht mehr Spaß, als in jeder Speisekarte zu blättern. Ein Pfirsich ist hier kein Pfirsich, sondern ein "bulgarischer Pfirsich", die Tomate kommt "aus dem eigenen Garten" und die rosafarbene nennt sich "bulgarische rosa Tomate", fast zum doppelten Preis der gewöhnlichen. Die rosa Tomate ist in Bulgarien eine alte Sorte und kein unreifes Exemplar; ihre berühmteste Spielart aus Kurtowo Konare steht im Katalog von Slow Food, eine offizielle geschützte Bezeichnung hat sie bisher nicht, und das Schild auf dem Markt nimmt sie schon jetzt für sich in Anspruch. Das Versprechen "aus dem eigenen Garten" ist eine Garantie, die niemand prüft und der alle glauben. Und die Hagebutten? Wer zu Hause schon einmal Hagebuttenmarmelade eingekocht hat, ahnt, wofür da bezahlt wird. Gesammelt wird von September bis zu den ersten Frösten, die Kiste Ende September war also voll mit dem Frischesten, was umsonst wächst.

Ein Donnerstag mit dem Handy zwischen den Ständen
Über den Markt bin ich an einem Donnerstagnachmittag gelaufen, gekauft habe ich nichts, und niemanden hat das gestört: Die Verkäuferinnen ließen mich die Pyramiden aus Birnen und Pflaumen und die Schilder fotografieren und kümmerten sich um die Kundinnen vor mir. Über den Köpfen Planen gegen die Sonne, in einem Flügel ein Glasdach mit einem bulgarischen Fähnchen, darunter rosa Tomaten und ein Haufen grüner Paprika. Pfirsiche 2,50 BGN (1,30 EUR), rosa Tomaten 4,20 BGN (2,20 EUR) und Hagebutten 7 BGN (3,60 EUR), alles pro Kilo. Vom Markt bin ich mit leeren Händen und einem Handy voller Fotos gegangen. Gehalten hat das bis zur ersten Bäckerei um die Ecke, wo nebeneinander Soldatenkekse und Kurabiiki lagen.
Farmers Market