Kantine Pohotovka, Prag: Schlange stehen für Hausmannskost in Stodůlky
Zu einem Date lädst du hier niemanden ein, und das Alcron muss die Konkurrenz nicht fürchten: Die Speisekarte steht mit Kreide auf einer Tafel vor der Tür, und statt eines Sommeliers erwartet dich drinnen ein Stapel Plastiktabletts. Trotzdem bildet sich vor dieser Kantine in Stodůlky, einen Steinwurf vom Großmarkt Makro entfernt, jeden Mittag eine Schlange, in der Arbeiter neben Angestellten aus den umliegenden Büros von einem Fuß auf den anderen treten.
Die Kantine Pohotovka ist ein Selbstbedienungsrestaurant, eine tácovka, mit den Klassikern der tschechischen Küche: von der Tafel aussuchen, an der Theke bestellen und eine halbe Minute später das Mittagessen zum Tisch tragen.

Hotovka oder minutka?
Das tschechische Wirtshausvokabular teilt warme Gerichte in zwei Lager: Die minutka wird erst gekocht, wenn du sie bestellst, die hotovka war schon fertig, bevor du überhaupt Hunger bekommen hast. Ihren schlechten Ruf hat die hotovka zu Unrecht abbekommen - das Wort sagt nur, dass der Koch früher dran war als dein Magen, und in Verruf gebracht hat sie erst die sozialistische Normung von Rezepten und Portionsgrößen. Die Pohotovka hat sich das Allerweltswort gleich aufs Ladenschild geschrieben und eine Vorsilbe davorgesetzt - auf Tschechisch heißt so umgangssprachlich auch der ärztliche Notdienst.
Das günstige Mittagessen ist älter als der Sozialismus
Mit der Kantine und ihrem billigen Mittagessen verbinden die Tschechen das alte Regime, der Stammbaum reicht aber weiter zurück. Der polnische bar mleczny öffnete in Warschau schon 1896 zum ersten Mal, als privates Milchlokal - die polnische Küche kennt ihre Version der Kantine also länger, als das Regime gedauert hat, dem man sie zuschreibt. Das österreichische Beisl gehört nur halb zur Familie: ein günstiges Mittagsmenü gibt es dort zwar, aber mit Bedienung und ohne Tablett.
Der heimische Zweig führt auf den Wenzelsplatz: Der Automat Koruna zapfte dort ab 1931 Getränke aus Hähnen und rückte nach dem Einwurf einer Münze Chlebíčky, kleine belegte Brote, aus verglasten Fächern heraus. Die Rückkehr der Schlangen vor den Kantinen hat heute einen prosaischeren Grund: Ein durchschnittliches Prager Mittagessen klettert auf 230 CZK (9,20 EUR), und das Tablett ist keine Schande mehr. Wem der Weg nach Stodůlky zu weit ist, findet dasselbe Prinzip zum Beispiel im Jídlovice; die Pohotovka selbst kocht in ihrer heutigen Form seit 2011 und ist damit auf keine Welle aufgesprungen.

Sechs Gerichte, zwei Suppen und eine Tafel
Auf der Tafel stehen täglich sechs Hauptgerichte und zwei Suppen, die Ausgabe läuft ab halb elf, und am nächsten Tag kommt dieselbe Karte nicht wieder. Das Repertoire setzt auf Bewährtes: Szegediner Gulasch, geschmorte Schweinefleischwürfel mit Spinat, saure Linsen mit zwei Würstchen und Spiegelei, Halušky mit Bryndza (slowakischer Schafskäse), Leber vom Rost, Dukatenbuchteln mit Vanillesoße. Für einen Moment bist du zurück in der Schulkantine: Plastiktablett, Serviette, Schöpfkelle - nur schmeckt das Essen besser, und zum Aufessen muss dich niemand zwingen. Das Personal ist freundlich und vor allem schnell, gezahlt wird mit Karte, gesessen wird drinnen oder draußen im Gastgarten, und ein großer Teil der Gäste lässt sich das Essen zum Mitnehmen einpacken. Geöffnet ist sieben Tage die Woche; und wer sich nicht überraschen lassen will, findet die Tageskarte vorab im Netz - Hunger lässt sich planen.

Nieren auf Speck, Knedlíky statt Reis
Ich wohne in Stodůlky, ein paar Minuten zu Fuß von der Pohotovka entfernt, die Schlange kenne ich also nicht vom Hörensagen - ich stehe regelmäßig darin und halte sie für das verlässlichste günstige Mittagessen in Prag. Meine Lieblingsbestellung steht nach vielen Versuchen fest: Nieren auf Speck, Knedlíky statt Reis und, wenn noch Platz bleibt, eine halbe Portion Dukatenbuchteln mit Vanillesoße. Das Hauptgericht kostete 139 CZK (5,60 EUR), die Suppe 39 CZK (1,60 EUR) (siehe Wo es das beste tschechische Essen in Prag gibt); weitere erprobte Adressen sammle ich in der Übersicht Wo man in Prag zu Mittag isst. Die Karte von morgen steht schon jetzt im Netz. Ich weiß es, weil ich nachgesehen habe.
Jídelna Pohotovka