Schweizer Wein
Von hundert Flaschen Schweizer Wein verlässt etwa eine das Land. Den Rest trinken die Schweizer selbst - es kommen rund fünfunddreißig Liter pro Kopf und Jahr zusammen - und weil die eigene Ernte nicht reicht, führen sie noch einmal fast doppelt so viel aus dem Ausland ein.
Schweizer Wein ist damit eine Rarität wider Willen: weiß vor allem aus der Sorte Chasselas, rot aus Pinot Noir, gewachsen auf Terrassen über den Seen - und außerhalb der Schweiz bekommst du ihn fast nirgends. Absicht steckt nicht dahinter. Es bleibt für die Welt schlicht keiner übrig.

Chasselas: die Rebsorte, die im Wallis Fendant heißt
Bei den Weißweinen führt Chasselas das Regiment - eine Sorte, die die Welt kaum kennt, weil sie überall sonst nur die zweite Geige spielt: In Frankreich hält die Appellation Pouilly-sur-Loire die letzten paar Dutzend Hektar im Schatten der berühmteren französischen Weine, in Deutschland heißt sie Gutedel und hat es nie weit gebracht. Reiseführer erzählten lange, sie sei aus Ägypten oder aus Konstantinopel eingewandert; die Genetiker haben beide Legenden ins Reich der Fabeln verwiesen (die Tafeltraube, die heute im Weinland Türkei angebaut wird, ist eine ganz andere Sorte) und suchen die Wiege des Chasselas am Ufer des Genfersees - die Sorte ist wohl genau dort zu Hause, wo sie heute auch getrunken wird. Im Wallis wird derselbe Wein unter dem Namen Fendant verkauft, und diesen Namen kannst du ertasten: Eine reife Beere soll sich zwischen den Fingern spalten lassen (französisch fendre), ohne dass Saft herausspritzt. Es gibt wohl kaum eine zweite Rebsorte, die danach benannt ist, wie sie aufplatzt.
Was die DNA über die älteste Rebsorte des Wallis verriet
Der älteste Rotwein-Stolz des Landes ist der Cornalin aus dem Wallis, schon 1313 urkundlich belegt - damals allerdings unter dem Namen Rouge du Pays, "Wein des Landes". Erst 1972 taufte ihn ein einheimischer Önologe in das klangvollere Cornalin um, weil ihm der alte Name zu wenig verkaufsträchtig klang. Der neue Name setzte sich durch, die Gewissheit über die Herkunft hielt nur bis zur ersten DNA-Analyse: Cornalin ist eine Kreuzung zweier Sorten aus dem Aostatal - in seiner Heimat Italien ist er inzwischen ausgestorben und hat nur im Exil überlebt, an den Hängen des Wallis. Züchten können die Schweizer aber auch selbst: Die roten Sorten Gamaret und Garanoir kamen 1970 aus einer Forschungsanstalt am Genfersee - und blieben, wie sollte es anders sein, vor allem zu Hause.
Warum du Schweizer Wein nirgends bekommst und wozu er passt
Der verschwindend kleine Export hat eine profane Erklärung: die Hänge. Die Weinberge kleben hier an steilen Terrassenhängen - die im Lavaux über dem Genfersee, heute UNESCO-Welterbe, sind seit dem Mittelalter angelegt - und auf die meisten kommt keine Maschine hinauf, also wird das ganze Jahr von Hand gearbeitet. Eine Flasche ordentlicher Chasselas fängt deshalb irgendwo bei zwölf Franken an, und das durchschnittliche Weingut ist so klein, dass es die Ernte in der Nachbarschaft los ist, noch bevor es das erste Exportformular ausfüllen kann - wie ein mährischer Winzer, der seinen besten Jahrgang direkt aus dem Weinkeller verkauft und es nie in die Ladenregale schafft.
Getrunken wird er jung, gekühlt und meistens zum Käse: Chasselas ist der traditionelle Begleiter von Fondue und Raclette, weil seine feine Säure den geschmolzenen Schweizer Käse leichter macht.
Neun Franken für einen Grand Cru
Mein Schweizer Wein war ein weißer Yvorne Grand Cru aus der Waadtländer Region Chablais, also ein Chasselas, gekauft während eines kurzen Aufenthalts im Land; die App Vivino führte ihn unter den 25 besten Schweizer Weinen dieser Sorte. Er war leicht und trocken, mit feiner Säure und einem mineralischen Nachhall im Abgang - ein Wein, der weder dem Essen noch dem zweiten Glas im Weg steht. Die Flasche kostete 9 CHF (9 EUR), also weniger, als ein ordentlicher Chasselas sonst überhaupt kostet.