Tunesischer Wein: von Mago bis zu zwei Flaschen aus dem Monoprix
Im Nationalmuseum von Bardo in Tunis hängt ein Mosaik aus Dougga, auf dem Mundschenke den Gästen Wein aus Amphoren einschenken. Auf der einen Amphore steht auf Griechisch "PIE" - trink - und auf der anderen ein Versprechen: Du wirst leben. Jenseits der Museumsmauern wird Wein dagegen in einem abgetrennten Raum des Supermarkts verkauft und freitags überhaupt nicht. Tunesischer Wein (französisch: vin tunisien) entsteht in den Weinbergen im Norden des Landes - auf der Halbinsel Cap Bon, rund um die Hauptstadt und im Tal des Flusses Medjerda - und hat in der tunesischen Küche ältere Wurzeln als die meisten Gerichte, die das Land heute berühmt gemacht haben.

Chamr, Nabidh und wem der Wein im Maghreb gehört
Das Arabische hat für Wein zwei Wörter, und zwischen ihnen liegt ein theologischer Abgrund. Chamr ist der Begriff aus dem Koran - das, was berauscht - und trägt die ganze Last des Verbots. Nabidh, wie man den Wein heute nennt, bezeichnete dagegen ursprünglich ein viel harmloseres Getränk: Datteln oder Rosinen, in Wasser eingeweicht, die der Überlieferung nach auch der Prophet ziehen ließ. Nach drei Tagen, noch bevor sie gären konnten, goss er den Aufguss weg. Das heutige arabische Wort für Wein gehörte also einst einem Getränk, das nie zu Wein werden durfte. Tunesische Etiketten lösen das ganze sprachliche Dilemma auf ihre Weise: Sie sind französisch beschriftet.
Auf der Weinkarte der Welt ist Tunesien Teil einer Geschichte, die man nicht gern erzählt - der des kolonialen Weinbaus im Maghreb. Dasselbe Kapitel steht in der Geschichte von Marokko und Algerien, und Algerien hat es am weitesten getrieben: 1962 war es der größte Weinexporteur der Welt, heute exportiert es von allen dreien am wenigsten. Mengenmäßig ist Tunesien der kleinste Produzent des Maghreb-Trios und setzt auf Besonderheiten: trockenen Muskat aus Kelibia und Weingüter mit punischen Namen. Der nächste Verwandte liegt allerdings jenseits des Wassers: Die Insel Pantelleria, Luftlinie 65 Kilometer von der tunesischen Küste entfernt und weiter von Sizilien als von Afrika, baut dieselbe Rebsorte an wie die Weinberge rund um Kelibia - den Muskat von Alexandria, den die Sizilianer Zibibbo nennen, nach dem arabischen zabib, Rosine. Die Rebe hat die Grenze zwischen Afrika und Europa nie besonders ernst genommen. Und zur selben Familie von Weinen, die in Hörweite des Minaretts reifen, gehört zum Beispiel auch der türkische Wein.
Zweitausend Jahre vor dem Protektorat
Mit dem Wein haben hier nicht erst die Franzosen angefangen, nicht einmal die Römer - die Phönizier und ihr Karthago waren lange vor beiden da. Der berühmteste Winzer des Landes ist deshalb ein Mann, der seit über zweitausend Jahren tot ist: der karthagische Agronom Mago. Seine Anleitung für passum, einen süßen Wein aus getrockneten Trauben, schrieben die Römer ab, und wir kennen sie bis heute aus den Büchern Columellas über die Landwirtschaft - gut ausgereifte Trauben ernten, schimmelige Beeren aussortieren, auf Horden trocknen und erst dann keltern. Und ein Rat Magos klingt bis heute herrlich widersinnig: Die ertragreichsten Weinberge Afrikas seien angeblich die, die nach Norden ausgerichtet sind - weg von der Sonne, von der es hier für die Rebe fast zu viel gibt. Die römische Provinz Africa setzte den Weinbau dann fort - das Mosaik mit den Mundschenken vom Anfang ist dafür der fröhlichste Beleg.
Die Ankunft des Islam im siebten Jahrhundert schaffte die Weinberge nicht ab, sie wurden nur leiser. Die Produktion ging zurück, verschwand aber nicht - Christen und Juden hielten die Reben am Leben. Wein hat in Tunesien seitdem den Status einer geduldeten Ausnahme: Niemand hat ihn verboten, niemand rühmt sich seiner. Diese Haltung hat mehr als tausend Jahre überdauert, und sie begegnet dir bis heute an der Kasse.
Sizilianer, das Protektorat und was danach kam
Wie tief dieser Einschnitt war, zeigt eine einzige Zahl: Als 1881 das französische Protektorat begann, wuchsen in Tunesien etwa tausend Hektar Reben. Die Wende kam nicht von oben, sondern vom Meer. Schon vor den Franzosen zogen sizilianische Bauern und Fischer auf das Cap Bon - Ende des 19. Jahrhunderts lebten rund achtzigtausend von ihnen in Tunesien, mehr als Franzosen - und gerade sie belebten die Weinberge rund um Grombalia wieder. Die Franzosen lieferten dann das Kapital und vor allem den Anlass: Zu Hause vernichtete die Reblaus ihre Weinberge, also pflanzte man in Afrika. Tunesischer Wein spielte in dieser Ära die Rolle eines Brühwürfels: Kräftig und dunkel, wurde er schwächeren französischen Weinen beigemischt, gab ihnen Farbe und Biss und löste sich namenlos in ihnen auf. Man nannte das vin de coupage, und es ging vor allem nach Frankreich.
Das unabhängige Tunesien ging mit dem Weinerbe ohne Sentimentalität um. Die kontrollierten Ursprungsbezeichnungen - heute sind es sieben - führten nicht die Kolonialherren ein, sondern ein Dekret des bereits unabhängigen Tunesien vom Januar 1957, knapp ein Jahr nach dem Abzug der Franzosen. Präsident Bourguiba baute einen säkularen Staat auf und verbot Alkohol nicht; seine berühmteste Geste rund ums Trinken spielte sich übrigens im Ramadan 1962 ab, als er in einer Fernsehübertragung ein Glas Orangensaft trank, weil das Fasten seiner Meinung nach der Produktivität schadete. Doch 1964 verstaatlichte er den Landbesitz der Ausländer, und mit den französischen und italienischen Gutsbesitzern gingen auch die Winzer. Die Weinberge gingen an den Staat und an Genossenschaften über, und der tunesische Wein wurde für Jahrzehnte zu einem Posten der Planwirtschaft. Das staatliche Monopol fiel erst 1999 - und erst danach kehrten Investitionen und Ehrgeiz in die Keller zurück.
Sieben Appellationen und Weingüter mit punischen Namen
Die Gegenwart ist im Vergleich zu den Kolonialzahlen bescheiden: rund 5.600 Hektar ertragsfähige Weinberge und 25 bis 28 Millionen Flaschen im Jahr, von denen nur ein Bruchteil exportiert wird - tunesischer Wein gehört also zu den Dingen, für die man persönlich nach Tunesien reisen muss. Farblich gehörte das Land lange dem Rosé - zu Beginn des Jahrtausends machte er bis zu zwei Drittel der Produktion aus. Die Rebsorten sind mediterran und französisch: Carignan, Cinsault, Grenache, Syrah, Cabernet, bei den Weißen vor allem Muskat von Alexandria. Eine uralte tunesische Rebsorte sucht man vergeblich - sie alle sind im Laufe der Jahrhunderte übers Meer gekommen. Und dann gibt es noch die Appellation Kelibia, die nichts als Muskat von Alexandria zulässt und daraus einen trockenen Wein macht - aus einer Rebsorte, aus der auf dem nahen Pantelleria süßer Passito gekeltert wird.
Die neue Winzergeneration holt sich ihre Namen aus einer sehr alten Kiste. Das Weingut Shadrapa an den Hängen über der Medjerda ist nach dem punischen Gott der Heilung benannt und hat auch einen koscheren Rosé namens Tiroush ins Sortiment aufgenommen, abgefüllt unter Aufsicht des tunesischen Oberrabbiners - koscherer Wein muss also nicht unbedingt aus Israel kommen. Die Domaine Neferis bei Grombalia ist wiederum nach einer punischen Festung benannt, die Rom ein Jahr vor Karthago eroberte; ein Weingut nach einer verlorenen Schlacht zu benennen, ist ein mutigerer Werbecoup, als es scheint - und er funktioniert. Als Newsweek 2019 fünf unerwartete Weinreiseziele der Welt auswählte, stand Tunesien neben Mexiko und Idaho, und unter den konkreten Flaschen wurde auch der Rosé Magnifique von Neferis genannt - die Schwester der Flasche, die später in meiner Tasche landete.

Der abgetrennte Raum: wo man in Tunesien Wein kauft
Eine Flasche zu kaufen ist in Tunesien ein kleines Ritual. Alkohol dürfen nur lizenzierte Geschäfte verkaufen - Monoprix, Carrefour, Magasin Général. Auch dort ist der Alkohol meist in einen abgetrennten Raum mit eigenem Eingang verbannt, über der Tür eine dezente Umschreibung: la cave en ville, der Stadtkeller. Und noch ein verbreiteter Irrtum: Monoprix wirkt hier zwar französisch, doch die tunesischen Läden dieses Namens betreibt schon seit den 1930er Jahren ein einheimisches Unternehmen, und heute steht die tunesische Mabrouk-Gruppe dahinter. Von der französischen Kette ist in Tunesien vor allem die Marke geblieben.
Der Alkoholverkauf ruht freitags, an religiösen Feiertagen und im Ramadan - Wein fürs Abendessen am Freitag kauft man hier also am Donnerstag. Das Strafgesetzbuch verbietet sogar bis heute formal, Muslimen Alkohol auszuschenken; in der Praxis wird der Paragraf nicht durchgesetzt, und Wein ist hier längst nicht nur etwas für Touristen - neun von zehn Flaschen werden direkt in Tunesien getrunken. Ein billiges Vergnügen ist es nicht: Der Staat nimmt sich über die Hälfte der Einnahmen der Winzer, eine normale Flasche im Supermarkt kostete vor zehn Jahren um die zehn Dinar und ist seitdem spürbar teurer geworden, und im Restaurant kostet Wein oft ein Mehrfaches des Ladenpreises. Wer in Tunesien trinkt, greift meist zum tunesischen Bier; gerade deshalb ist eine Flasche einheimischen Weins eines der persönlichsten Souvenirs, die man aus Tunesien mitbringen kann.

Zwei Flaschen aus Tunis
Beide Flaschen habe ich im Monoprix in Tunis gekauft, in einem Raum hinter genau so einem ausgeschilderten Eingang - drinnen Regale mit Weinen und Spirituosen, eine Kamera über der Tür und bei den Regalen jedes Mal jemand vom Personal. Der rote Shadrapa Coteaux de la Medjerda, ein im Eichenfass gereifter Cabernet mit Merlot, war weich und rund, mit einem Hauch Vanille vom Holz und reifer dunkler Frucht; die Cuvée Magnifique von Neferis aus der Appellation Sidi Salem zeigte eine dunklere, würzigere Note mit Pfeffer im Abgang. Beide haben sich so gut geschlagen, dass sie einen Versuch unbedingt wert sind - auch im direkten Vergleich mit Flaschen aus Frankreich, nur mit der besseren Geschichte. Als ich danach aus dem Keller zurück in die Gänge des Ladens trat, wo über Wein kein Wort fällt, klirrten in meiner Tasche zwei Flaschen aus der gehobenen Mittelklasse des tunesischen Regals aneinander. Jede kostete knapp 30 TND (9 EUR).